Wenn es um das Schweizer Handynetz geht, sind ausländische Fachleute begeistert. «Beneidenswert» sei die Situation in der Schweiz, schrieb das deutsche Fachmagazin «Connect». In seinem Vergleich aller Netze Deutschlands, Österreichs und der Schweiz belegen jene von Swisscom, Sunrise und Salt die Plätze 1, 2 und 4. Kein anderes Land investiert pro Kopf mehr in die Telekommunikation als die Schweiz, schreibt die OECD. Und die US-Technologiefirma Akamai attestiert der Schweiz, nach Irland, Schweden und den Niederlanden die europaweit höchste durchschnittliche Internetgeschwindigkeit zu haben.

Doch für die Zukunft malen die Schweizer Netzbetreiber schwarz. Denn es werde immer schwieriger, neue Handy-Antennen zu bauen. Die sind dringend nötig. Ein immer grösserer Teil des Internet-Konsums findet mobil statt. Jedes Jahr verdoppelt sich in den Handynetzen der Datenkonsum. Wie Zahlen des Bundes zeigen, wurden zwischen 2013 und 2014 1500 neue Antennenstandorte in Betrieb genommen – so viele wie seit Jahren nicht mehr. Insgesamt 17 833 Standorte gab es Ende 2014. Ende 2015 dürften es 20 000 Standorte sein.

Damit kommen auch Hunderte Einsprachen auf die Gerichte zu. In etwa 30 Prozent der Fälle würden Einsprachen eingereicht, heisst es bei Salt. Einsprachen im lokalen Raum gebe es bei vielen Projekten, teilt auch Sunrise mit.

Ganz so umstritten wie zu Beginn des Handy-Booms ist die Technologie nicht mehr. Das Bundesgericht beschäftigte sich in den vergangenen zehn Jahren in über hundert Fällen mit Einsprachen im Zusammenhang mit den Strahlungs-Grenzwerten, die in der Verordnung zu nichtionisierender Strahlung (NISV) festgelegt sind. In diesem Jahr mussten die Lausanner Richter bisher erst dreimal ein Urteil im Zusammenhang mit der NISV fällen. Mit ein Grund: Die Kosten, welche in der Regel der unterlegenen Partei aufgebürdet werden, betragen schnell einige tausend Franken, und Antennengegner erhalten vor dem Bundesgericht nur selten Recht.

Auch der grösste Antennenbauer des Landes, die Swisscom, beobachtet eine leichte Beruhigung. «Das Einspracheniveau ist hoch, aber tendenziell tatsächlich etwas zurückgegangen», sagt Sprecher Olaf Schulze. Es sei aber anhaltend schwierig, in nützlicher Frist neue oder Ersatz-Standorte für Antennen zu finden. «Immer mehr stösst der Ausbau aufgrund der geltenden Rahmenbedingungen an die Grenzen.» Aktuell seien die NISV-Grenzwerte in der Schweiz 10-mal strenger als in der EU. Die Branche kämpft deshalb für eine Lockerung. In einem Anfang Jahr veröffentlichten Bericht anerkennt der Bundesrat Handlungsbedarf. Bereits 6000 Antennen seien voll ausgelastet. Das im Vergleich zum europäischen Ausland als streng geltende Vorsorgeregime führe «zu einer künstlichen Verknappung der Ressource Strahlung», was paradoxerweise den Bau zusätzlicher Antennen zur Folge hat. Ob der Bundesrat die Grenzwerte lockern will, ist aber unklar, ein Termin für die parlamentarische Debatte des Berichts steht noch nicht fest.

Eine Alternative schlägt nun das Bundesamt für Umwelt (Bafu) vor: Öffentliche WLAN-Netze wie in St. Gallen seien «zukunftsweisend», lässt sich Jürg Baumann, Chef der Sektion NIS, im Bafu-Magazin, zitieren. Mit WLAN-Netzen könnten die Kapazitäten für die mobile Datenübertragung ausgebaut werden, ohne die Strahlenbelastung zu erhöhen. Für die vergleichsweise schwachen WLAN-Sender braucht es zudem keine Baubewilligung. Auch das Wechseln zwischen zwei WLAN-Zellen funktioniere «entgegen anfänglichen Bedenken der Mobilfunkanbieter» problemlos. Die Mobilfunknetze andererseits wären auch bei einer Lockerung der Grenzwerte schon in wenigen Jahren wieder an ihren Grenzen.

Die Betreiber sind mässig begeistert: Zwar könnten WLAN-Hotspots das Netz entlasten, sagt Swisscom-Sprecher Schulze. In der Praxis aber seien solche von den Steuerzahlern finanzierten Netze nicht eben erfolgreich. «Es wurden einige solcher Netze gerade von Städten angekündigt, aber nur teilweise realisiert.» Die Erfahrung zeige, dass die wenigsten kommerziell erfolgreich seien. Und der Datenhunger steigt stetig. Ein Ende des Antennen-Booms ist deshalb nicht absehbar: Man baue das Netz laufend aus, sagt etwa Salt-Sprecherin Therese Wenger. «Die Anzahl neuer Antennen und Baugesuche für Anpassungen wird entsprechend hoch bleiben und 2015 nicht abnehmen.»

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