VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL

Es war, als hätte sich die Braut vor dem Traualtar doch noch anders entschieden. Als Carlo Janka in den Steilhang einbiegt, wo er sich analog zur TV-Werbung von Swisscom quasi in die Hände von 29000 verzückten Fans wirft, liegt er auf dem zweiten Rang. Doch Janka verfehlt die tragende Welle. Er verliert sechs Zehntel und landet schliesslich auf dem 13. Platz. Ernüchterung macht sich breit. Auch beim Bündner. Denn zwischen seinem Material und den warmen Temperaturen herrschte eine beinahe symbiotische Beziehung. Sein Setup funktioniert auf weicheren Pisten besser als in einem Eiskanal. «Schade, das tut weh», sinniert der Olympiasieger und Weltmeister über das Verpassen seines ersten Podestplatzes in Adelboden. «Denn bis auf die letzten 20 Sekunden im zweiten Lauf bin ich mit meiner Leistung sehr zufrieden.»

Worte des Bedauerns waren auch von Didier Cuche zu hören. «Schade, es hat extrem wenig gefehlt fürs Podest.» In Zahlen: 26 Hundertstelsekunden oder 46 für den Sieg, den sich der Franzose Cyprien Richard und der Norweger Aksel Lund Svindal teilten. Selbstkritisch merkte der Routinier an, dass bei ihm noch etwas die Überzeugung und das Vertrauen vergangener Tage fehlten. Trotzdem war es eine gute Vorstellung, auch wenn es wegen der geringen Zeitabstände bloss für Rang 11 reichte. «Aber das ist halt kein Wunschkonzert.» Recht hat er. Für Euphorie beim Riesenslalom-Spektakel sorgten andere, nicht die Gastgeber.

Ganz auf Jubel verzichten mussten die Schweizer trotzdem nicht. Immerhin gab Marc Berthod mit dem siebten Platz ein starkes Lebenszeichen. Das veranlasste den zurückgetretenen Marco Büchel dazu, sich im Zielraum vor dem 27-Jährigen zu verneigen. Das Resultat kommt einem Exploit gleich. Denn Berthod hat schwierige Zeiten hinter sich. Seine Geschichte ähnelt einer Achterbahnfahrt. Sensationssieger im Slalom von Adelboden 2007 und damit der Mann, der die lange Serie der Erfolgslosigkeit von 103 Rennen beendete. Ein Jahr später triumphierte er auch noch beim Riesenslalom. Danach folgte eine fast zweijährige Leidenszeit mit chronischen Rückenbeschwerden, die den Bündner vom Haupt- zum Nebendarsteller degradierten.

Der erste Top-Ten-Platz nach fast zwei Jahren sichert Berthod die WM-Teilnahme. Den Druck, den die WM-Selektion bisweilen ausübt, habe er sehr gut ausblenden können. Vielleicht war die Reaktion im Ziel nach seinem Befreiungsschlag auch deshalb etwas verhalten. Dabei betrug sein Rückstand auf die beiden Sieger nur 37 Hundertstel. Berthod ist wieder mittendrin in der Weltspitze. Zumindest im Riesenslalom. Denn das Ziel für den heutigen Slalom, seinen zweiten Saisoneinsatz im engen Stangenwald, ist die Qualifikation für den zweiten Lauf. Mehr zu erwarten, wäre vermessen, auch wenn er gestern alle überrascht hatte. Dabei habe die Fahrt bei ihm gar kein «Wow-Gefühl» ausgelöst. Das lässt darauf schliessen, dass er noch Reserven hat.

«Das war stark. Er hat volles Risiko genommen», kommentierte Martin Rufener die Performance von Berthod. Der 29.Platz von Daniel Albrecht «lässt hoffen für den nächsten Schritt». Ausserdem lobte er auch die Risikofreude von Sandro Viletta, der im zweiten Lauf ausschied. Trotzdem sprach Rufener von einem bewölkten Skifest, weil seine Erwartungen nur bedingt erfüllt wurden. «Unser Ziel war ein Podestplatz. Wenn man diesen in einem Heimrennen verpasst, tut es weh.»

Ein Podestplatz hätte bestimmt geholfen, den öffentlichen Fokus von der zuletzt entstandenen Kakofonie in der Führungsetage auf sportliche Belange zu lenken. Oder zumindest hätte ein Exploit am Chuenisbärgli den Swiss-Ski-Präsidenten Urs Lehmann etwas aus der Schusslinie gedrängt. So bleibt die Trennung zwischen Rufener und Swiss-Ski zum Saisonende weiterhin ein viel diskutiertes Thema im Skizirkus. Zwar bekräftigten die Protagonisten Lehmann und Rufener am Freitag, dass die Wogen geglättet seien und es der gemeinsame Wunsch sei, dass sich alle fortan auf das Sportliche konzentrieren würden. «Denn wir wollen es den Österreichern nicht noch einfacher machen», so Lehmann.

Doch diese Message ist nicht überall angekommen. Als der Speaker gestern über die Lautsprecher Urs Lehmann begrüsste, löste dies ein Pfeifkonzert aus. Zuletzt war ein solches beim Fussball-Länderspiel gegen Wales zu hören, als das Publikum Alex Frei auspfiff, was diesen zum Rücktritt bewog. So weit wird es bei Lehmann bestimmt nicht kommen. Doch angenehm sind diese unästhetischen Töne auch für ihn nicht.


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