VON SIMON STEINER AUS OSLO

«Dieses Resultat ist nicht schön für unser Land», stellte Simon Ammann fest. Nachdem die Schweizer Skifahrer an den alpinen Weltmeisterschaften in Garmisch die Medaillenränge viermal nur um einen Rang verpasst hatten, knüpfte der vierfache Olympiasieger nun in Oslo wider Willen an die unglückliche Serie an.

Dennoch mochte sich Ammann über sein Abschneiden nicht so sehr ärgern. «Ich bin mir nicht zu böse», sagte er. «Ich habe alles versucht, aber die Tagesform war heute nicht so gut.» Das letzte Quäntchen Spritzigkeit in den Beinen habe ihm gefehlt. «Meine Sprünge waren nicht so saftig.» Damit meinte Ammann in erster Linie den Absprung, wo es ihm in keinem der beiden Durchgänge gelang, mit voller Kraft zu agieren.

Es waren keine einfachen Verhältnisse am Midtstubakken, der Normalschanze am Holmenkollen. Der Schneefall sorgte dafür, dass die Anlaufspur langsam und unruhig wurde. Ammann erreichte am Schanzentisch zwar zweimal eine der höchsten Geschwindigkeiten, konnte diese aber nicht mit letzter Konsequenz in die Flugphase mitnehmen.

Umso beeindruckender war unter diesen Umständen, wie Ammann seine Sprünge dank seiner stupenden Technik in der Luft noch so weit in die Länge ziehen konnte, dass es am Ende noch zu Rang vier reichte. Nach dem ersten Durchgang, wo er den Flug so weit ausreizte, dass eine Telemark-Landung nicht mehr möglich war und er einen Punkteabzug in Kauf nehmen musste, war er an fünfter Stelle gelegen.

Überlegener Sieger wurde mit dem Österreicher Thomas Morgenstern der stärkste Athlet des ganzen Winters. Nach dem Gewinn der Vierschanzentournee und des Gesamtweltcups setzte der 24-jährige Kärntner seiner erfolgreichsten Saison noch die Krone auf. Mit seinem ersten Einzeltitel hat Morgenstern nun das erreicht, was Simon Ammann bei der Tournee verpasste: Als erst vierter Athlet nach Matti Nykänen, Jens Weissflog und Espen Bredesen hat er jede der vier wichtigsten Veranstaltungen im Skispringen mindestens einmal gewönnen (Olympische Spiele, Gesamtweltcup, Vierschanzentournee und Weltmeisterschaften).

Vor zwei Jahren hatte Morgenstern in Liberec in Springen auf der Normalschanze eine sichere Medaille vergeben, als er nach dem weitesten Sprung im Finaldurchgang stürzte. Der Profiteur dieses Sturzes hiess damals Simon Ammann, der so zur Bronzemedaille kam. Morgenstern hingegen geriet nach jenem Malheur in eine Krise, ehe er auf diesen Winter hin stärker zurückkam denn je. «Im Nachhinein betrachtet hat der Dämpfer von Liberec sicher auch seinen Sinn gehabt», sagte Morgenstern, der als Weltmeister die Nachfolge seines Zimmerkollegen Wolfgang Loitzl antrat. Dieser verpasste – wie auch Mitfavorit Matti Hautamäki – gar die Qualifikation für den Finaldurchgang.

Silber ging an Andreas Kofler, der bereits bei den Olympischen Spielen in Turin hinter Morgenstern Zweiter geworden war. Im Unterschied zu damals, als die Zufallsgrösse von 0,2 Punkten für die Entscheidung zwischen den beiden Österreichern gesorgt hatte, war die Marge mit 9,1 Punkten diesmal gross. Komplettiert wurde das Podest durch Adam Malysz (Pol), der seiner WM-Medaillensammlung nach vier goldenen und einer silbernen noch eine bronzene Auszeichnung hinzufügte. «Ich wurde geschlagen von den beiden Athleten mit dem kräftigsten Absprung», sagte der 33-Jährige.

Dazu gehörte Simon Ammann gestern nicht. Gelegenheit zur Versöhnung mit der Normalschanze bietet sich heute im Teamspringen. Eine Möglichkeit zur Revanche im Kampf um Medaillen gibt es am Donnerstag, wenn auf der grossen Holmenkollenschanze das zweite Einzelspringen ausgetragen wird. An jenen Bakken hat er gute Erinnerungen: Nachdem er 2002 auf der Vorgängerschanze seinen ersten Weltcupsieg gefeiert hatte, gewann er vor einem Jahr den ersten Wettkampf auf der neuen Anlage.

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