VON MICHAEL WEHRLE

Federer hatte soeben den Halbfinal beim Australian Open gegen Novak Djokovic verloren. «Es ist sehr schwer, Woche für Woche zu versuchen zu gewinnen», betonte der Weltranglistenerste damals, «immer trifft man auf Spieler, die heiss sind, Siegesserien haben oder einen überraschen.» Federer zahlte den Preis für eine Karriere, von der er Jahre zuvor nur geträumt hatte.

Die Siege des Baselbieters waren zur Selbstverständlichkeit geworden. Grosse Schlagzeilen lieferten nur noch seine Triumphe bei den Grand-Slam-Turnieren oder überraschende Niederlagen. Gemessen an den vier Superjahren zuvor erfüllte Federer im Jahr 2008 die Erwartungen plötzlich nicht mehr. In Paris ging er im Final gegen Rafael Nadal unter. Vier Wochen später unterlag er Nadal in Wimbledon in einem Match, das die Experten als das beste der Geschichte beurteilen. Das war zu wenig, zumal die Pleite bei Olympia in Peking dazukam, die Nummer eins verloren ging. Federer gab die Antwort schnell, holte doch noch Olympia-Gold im Doppel mit Stanislas Wawrinka und triumphierte in New York. Die ersten Kritiker verstummten. Allerdings blieben Zweifel. Überlegungen, er habe seinen Zenit überschritten, zerstreute Federer erst im vergangenen Jahr mit dem ersten Erfolg beim French Open, dem Sieg in Wimbledon und der Rückkehr zur Nummer eins. Der König übernahm wieder den Thron.

Und er schien fest darauf zu sitzen. Bis nach Australien 2010 nichts mehr lief. Von Februar bis Juli bestritt er 29 Matches, acht davon verlor er. Kein Turnier gewann er, bei den Grand Slams flog er jeweils im Viertelfinal raus. Das ist Jammern auf extrem hohem Niveau. So ehrt beispielsweise Wimbledon jeden Viertelfinalisten mit der Aufnahme in den «Last Eight Club». Da gibts jährlich einen Ausweis und zwei Groundtickets, im Klubraum, wo nur «Members» Zutritt haben, losen die ehemaligen Profis Tickets für die grossen Courts aus. «Super, ich kann jedes Jahr nach Wimbledon», schwärmt Patrick Kühnen, der Captain des deutschen Davis-Cup-Teams. Und das, weil er einmal im Viertelfinal stand. Nur, Federer selbst hat einst die Messlatte für sich unglaublich hoch gelegt.

Der Durchhänger hat aber auch etwas Gutes. Turniersiege bekommen wieder einen Wert. Die Erwartungen sind sicher nach wie vor hoch, doch die Planungssicherheit, wenn ich Federer sehen will, kaufe ich mir ein Ticket für die Halbfinals bei einem Major-Turnier, ist vorbei. Die Fans müssen wieder mit ihrem Liebling zittern. So wie zuletzt in Montreal und Cincinnati. Dass er nach wie vor hungrig ist, hat der Schweizer bewiesen. Er trainierte im Sommer hart, holte sich mit Paul Annacone einen ausgewiesenen Experten als Teilzeitcoach und Ratgeber. Er stellte sein Spiel um, geht wieder aggressiver ans Werk.

Noch spielte er kein ganzes perfektes Match, aber zumindest teilweise schon wieder auf höchstem Niveau. Das nährt die Hoffnung auf ein sehr gutes US Open. Und ein wenig hat Federer bereits schon wieder das «Monster» geweckt. Mit seinem zweiten Turniersieg in diesem Jahr spielte er sich in die Favoritenrolle in New York. Immerhin erwartet aber wohl niemand mehr, dass er einfach nur vorbeikommen und den Pokal abholen muss.

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