Betreff Gay Games
Ich gehe nicht davon aus, dass Sie diese Zeilen lesen werden. Vielleicht überfliegt sie der dritte Sekretär Ihrer Botschaft in Bern zufälligerweise während der Kaffeepause oder Ihr Freund René Fasel liest Ihnen zur Erbauung aus unserer Zeitung vor. Aber in Russland haben die Menschen ja einst hoffnungsfroh dem Zaren nach St. Petersburg und dem Stalin in den Kreml geschrieben. Sie waren felsenfest davon überzeugt, dass die Botschaft ankommt, ernst genommen wird und etwas bewirkt. Also lasse ich hiermit lediglich einen alten russischen Brauch wieder aufleben.

Es ist mir ein Anliegen, mich an dieser Stelle für die kleinlichen Klagen meiner Kolleginnen und Kollegen zu entschuldigen. Welche Rolle spielen angesichts der Grösse und des Ruhmes Ihres Landes ein paar Unannehmlichkeiten des Alltages? Keine. Nun haben die Wettkämpfe begonnen, und alle Randgeschichten über Russlands Rückständigkeit werden verschwinden.

Sie haben in den letzten Tagen ja bloss eine Prise Meinungsfreiheit erlebt. Ja, sehr geehrter Herr Staatspräsident, so wie in den Tagen vor den Spielen würde es in Ihren Medien das ganze Jahr rumpeln, wenn Sie jedem erlauben würden, zu senden und zu schreiben, was ihm beliebt. Da haben Sie es in Russland mit den Schreibeigenen ja noch ganz gut. Sie sollten allerdings vor der Demokratie nicht zu grosse Angst haben. Selbst bei uns, wo die Meinungsfreiheit in der Verfassung festgeschrieben ist, finden die Mächtigen immer mehr Mittel und Wege, um die Lohnschreiber zu bändigen. Ich könnte Ihnen davon ein Liedlein singen. Selbst Ihre Zensur-Kettenhunde würden andächtig lauschen.

Als Präsident eines ehemals totalitären Staates dürfte Ihnen die Bedeutung der Propaganda bestens vertraut sein. Da Sie jetzt ein Potemkin’sches Dorf der Demokratie errichtet haben, sollten Sie von Propaganda auf PR umstellen. Propaganda ist der systematische Versuch, eine Sichtweise bei unfreien Menschen zu formen. PR ist viel schlauer und schleicht sich als vermeintliche Wahrheit in die Köpfe freier Menschen ein. Ich masse mir nicht an, Ihnen Ratschläge zu erteilen. Aber ich erlaube mir einen Gratistipp. Nützen Sie den Sport für Ihren Imagegewinn. Sie sehen ja, wie es in Sotschi rockt und rollt. Nun sollten Sie die Welt mit der Organisation der Gay Games und einem leichten Rosastich der russischen Flagge überraschen. Und regen Sie die Integration der Gay Games ins IOC vor. Damit daraus Gay Olympics werden. Ihre Propagandisten werden sicherlich dazu auch noch ein passendes Motto drechseln. Wie wäre es, da Sie es gerne martialisch haben, mit «F… the heterosexuals»?

Mit freundlichen Grüssen und lang lebe Zar Wladimir
Klaus Zaugg

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