Von Dieter Meier

Religion sei Opium für das Volk, schrieb Karl Marx. In Argentinien ist es wohl der Fussball, der den Menschen die Realität vernebelt. Der Fussball muss für die ganze Nation als wichtigster Identitätsstifter herhalten. Nach sechzig Jahren Peronismus verbunden mit populistischer Misswirtschaft liegt Argentinien einmal mehr darnieder, und nur noch ein Wunder kann eines der reichsten Länder der Welt vor dem Staatsbankrott retten. So bleiben denn einer Nation, die immer wieder bedeutende Künstler, Literaten, Musiker und Regisseure hervorgebracht hat, Spiele, um vom zweiten Desaster dieses Jahrhunderts abzulenken.

Die Hoffnung der Nation konzentriert sich auf Lionel Messi, dessen Genie das Wunder möglich machen soll, auf das er zum Heiligen wird, wie das verrückte Schlitzohr Maradona. Doch auch Messis Beziehung zu seinem Vaterland ist gebrochen: Schon als kleiner Junge zeigte sich sein einmaliges Talent. Da er ein Kleinwuchs war, der kaum einen Meter fünfzig gross geworden wäre, präsentierten seine in ärmsten Verhältnissen lebenden Eltern das Wunderkind den Bossen von Boca Juniors und baten um Unterstützung für ärztliche Behandlung, damit der Zwerg Messi von Wachstumsstörungen befreit würde. Obwohl das aussergewöhnliche Talent erkannt wurde, verweigerte der reichste Club Argentiniens die Hilfe und zwang so die verzweifelte Familie nach Spanien auszuwandern, wo der FC Barcelona sie mit offenen Armen aufnahm und ermöglichte, dass klein Lionel wenigstens 1.69 gross wurde, was ihm offensichtlich reichte, der bedeutendste Fussballer der 21. Jahrhunderts zu werden: Ein argentinisches Schicksal, das viele Menschen aus allen Schichten trifft, die das Land verlassen, weil sie die Hoffnung verloren haben, in ihrer Heimat etwas zu erreichen.

Als tragisch, aber auch typisch erweist sich, dass es just der enorme natürliche Reichtum ist, der viele Länder von Nigeria bis Venezuela, wo der als Sozialist verkleidete Usurpator Hugo Chavez sein Unwesen trieb, ins Elend führt. Inflation und Wirtschaftskrise sind in Argentinien nicht, wie das Frau Kirchner ihrem Volk erzählt, von den Geiern des Kapitalismus verursacht, sondern hausgemacht und systemisch. Auch wenn die Kirchner-Familie eine Fehlbesetzung war, kann man die Krise nicht alleine der regierenden Präsidentin in die Louis-Vuitton-Schuhe schieben. Anders als in Spanien oder Portugal, wo eine EU bedingte Wirtschaftskrise zu historisch einmaligen Arbeitslosenquoten geführt hat, waren auch vor der linkspopulistischen Regentschaft der Kirchners diese Arbeitsplätze schlicht und einfach nicht vorhanden.

Das ist tragisch, denn das Land hat alles, was es für eine erfolgreiche Wirtschaft braucht: Gut ausgebildete Leute und auf dem Gebiet der Landwirtschaft, wo ich die Verhältnisse kenne, einmalige Voraussetzungen, um nicht nur die halbe Welt zu ernähren, sondern auch eine Nahrungsmittel-Industrie aufzubauen, die äusserst erfolgreich sein könnte. Es bräuchte wohl 15 Jahre für die Genesung dieses Staates. Aber welche Politiker haben den Mut, die nötigen Massnahmen zu treffen? Wenn das Bruttosozialprodukt zwischendurch trotzdem stieg, auch unter Herrn und Frau Kirchner, so lag das grösstenteils an den Preisentwicklungen für Soja, Getreide, Mais und Sonnenblumen – und nicht an einer gesteigerten Wirtschaftsleistung.

Solange sich das populistische Umverteilungssystem zur Machterhaltung der Politik nicht ändert, werden ausländische Investoren Argentinien meiden. Ich bin trotzdem geblieben, weil ich die Leute hier liebe, die Weite und Grosszügigkeit dieses Landes und die einmaligen Möglichkeiten für biologischen Anbau.

Nirgendwo sonst auf der Welt kann man unter so perfekten Bedingungen arbeiten. Ein mittelgrosser Farmer hat 300 Hektaren und 300 Rinder. Er braucht keine Ställe, keine Maschinen und keine Chemie. Ein einziger Gaucho ist für eine Herde dieser Grösse verantwortlich. Perfekte Voraussetzungen findet man auch für biologischen Weinbau. Mein biologischer Wein zum Beispiel bekommt hohe Parkerpunkte, weil die Weinberge in Mendoza und am ganzen Ostfuss der Anden ideale klimatische Bedingungen bieten: Reich mineralisierte Böden, hohe Tag- und Nachttemperaturunterschiede, kaum Regen, aber Schmelzwasser aus den Anden, mit dem wir die Rebstöcke direkt an die Wurzeln bewässern können, sodass wir keine Probleme mit Pilz- und Insektenbefall haben.

Argentinien ist das Land der Hoffnung, das früher oder später eine erfolgreiche Nation werden wird. Wir bleiben dran, auch im Fussball, wo ich mich freue, dem Genie Messis zuzuschauen, das an dieser WM eine Lichtgestalt für alle Argentinier werden könnte.

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