Herr Shaqiri, was haben Sie in 124 Tagen vor?
Xherdan Shaqiri: Helfen Sie mir!

Es ist der 4. Juli.
Der Tag des WM-Finals?

Noch nicht ganz. Aber vielleicht trotzdem der Tag für ein schönes Date.
Klingt gut. Mit wem?

Mit Ihren Bayern-Teamkollegen Müller, Götze, Schweinsteiger, Neuer, Lahm und Co. Es wäre möglich, dass die Schweiz dann im WM-Viertelfinal auf Deutschland trifft.
Die Deutschen sind für mich einer der grössten Favoriten an der WM. Deshalb möchte ich meinen Mitspielern möglichst lange nicht begegnen. Es wäre mir lieber, wenn wir erst im Final auf sie treffen (lacht).

Wie ist das Image des Schweizer Fussballs in Deutschland?
Mein Trainer Pep Guardiola schwärmt vom Schweizer Fussball. Er ist überzeugt, dass wir an der WM weit kommen können. Es tut gut, so etwas zu hören. Wir haben ja Deutschland in einem Testspiel vor der EM 2012 besiegt. Das wissen meine Kameraden auch – aber sie vergessen nie zu erwähnen, dass die Bayern-Spieler nicht dabei waren. Egal, ich kann sie trotzdem immer noch damit hänseln (lacht).

Was fehlt der Schweiz, um einen WM-Viertelfinal zu erreichen?
Wir sind keine Topnation wie Spanien oder Deutschland, wo die allermeisten Spieler tagtäglich mit und gegen die Besten der Welt trainieren. Es gibt nicht viele Schweizer, die in Vereinen spielen, welche die Champions League gewinnen können. Entsprechend ist unser Selbstvertrauen noch zu klein.

Dann bräuchte das Nationalteam also mindestens 11 Shaqiris …
Das wäre schön, ja (lacht). Der Mentalitätswechsel ist noch nicht vollzogen. Wir müssen auf jeder Position erfahrener und besser werden. Jeder muss auch in den Topspielen einer Endrunde ohne Angst in eine Partie gehen. Dann können wir die Grossen auch einmal in einem entscheidenden Spiel schlagen – nicht in einem Test oder in der Vorrunde.

Haben Sie die Olympischen Spiele verfolgt?
Ich war nie ein grosser Fan von Sotschi. Aber die Wettkämpfe liefen überall – auch auf den Bildschirmen im Bayern-Trainingszentrum. So hat mich das Olympia-Fieber doch noch gepackt.

Welcher Schweizer Athlet beeindruckte Sie besonders?
Am meisten habe ich mit Lara Gut mitgefiebert. Schade, ist sie in der Kombination im Slalom ausgeschieden. Ich hätte ihr eine Goldmedaille besonders gegönnt. Ihre Enttäuschung nach der Bronzemedaille in der Abfahrt zeigt, dass nur das Beste gut genug ist. Daran können sich viele Schweizer ein Beispiel nehmen.

Unsere Gold-Helden bei Olympia jubelten sehr unterschiedlich. Iouri Podladtchikov war nach dem Triumph in seiner eigenen Welt. Dominique Gisin rief ihre Oma an. Wie würden Sie jubeln, wenn die Nati an der WM den Achtelfinal gewinnt?
Wir würden kurz fröhlich sein. Aber: Wenn wir den Achtelfinal überstehen, dann gibt es keinen Grund zur überstürzten Freude. Dann wollen wir nur eines: Den Viertelfinal gewinnen.

Das Gefühl des Verlierens kennen Sie kaum mehr. Sind die Bayern, Ihr Verein, derzeit unbesiegbar?
Im Moment sieht es fast so aus. Aber wenn nur noch darüber geschrieben wird, ist es auch nicht einfach. Unter dem neuen Trainer Guardiola läuft es sogar noch eine Spur besser als letzte Saison, das hätten nicht viele gedacht. Trotzdem zählt das noch nichts. Bayern München ist verpflichtet, Titel zu gewinnen.

Wie hat sich Ihr Stellenwert bei den Bayern in den letzten 18 Monaten verändert?
Ich habe bewiesen, dass ich fähig bin, Spiele zu entscheiden. Ich musste mir Respekt verschaffen, das habe ich geschafft – nun werde ich als «normaler» Spieler wahrgenommen. Ich profitiere auch davon, dass Guardiola viel wechselt. Und ich spüre: Wenn er auf mich verzichten muss, fällt ihm das sehr schwer.

Im Sommer wechselt Robert Lewandowski zu Bayern. An Julian Draxler sei der Verein ebenfalls interessiert. Was bedeutet das für Sie?
Nichts. Vor jeder Saison kommen neue Spieler zum FC Bayern. Das ist nichts Neues und für mich nicht wichtig. Denn bewähren muss sich bei diesem Verein sowieso jeder jeden Tag aufs Neue.

Bei den Bayern erwartet noch niemand von Ihnen, dass Sie die Spiele entscheiden. Im Nationalteam ist das anders. Dort erwartet jeder, dass der Triple-Gewinner von den Bayern den Unterschied ausmacht.
Das stimmt. Und es ist nicht immer einfach, damit umzugehen, wenn alle Leute von dir die entscheidenden Aktionen erwarten. Ich bin mir auch bewusst, dass ich in der Nati ein Vorbild für die Jungen bin.

Was auffällt: Wenn Sie bei den Bayern einen Ball verlieren, dann setzen Sie sofort nach, erkämpfen sich den Ball zurück. In der Nationalmannschaft gibt es die Tendenz, dass Sie die Hände verwerfen und stehen bleiben.
Das stimmt. Es gab ein, zwei Spiele, in denen ich die Hände verwarf, wenn ich unzufrieden war oder etwas Ungerechtes passierte, zum Beispiel mit dem Schiedsrichter. Ich habe mit Herrn Hitzfeld darüber gesprochen. Eigentlich passt das gar nicht zu mir. Ich glaube, ich habe mich mittlerweile gebessert.

Sie wohnen nun seit knapp 20 Monaten in München. Sind Sie heimisch geworden?
Mittlerweile schon. Am Anfang war es schwierig. Immer wenn ich freihatte, ging ich in die Schweiz. Jetzt bleibe ich an Frei-Tagen in München. Ich fand viele neue Kollegen, Deutsche, aber auch Ausländer. Am meisten bin ich mit meinem Bruder unterwegs.

Wie oft besuchen Sie Ihre Eltern?
Sie versuchen, bei den Heimspielen da zu sein. Manchmal klappt das aber nicht, sie haben ja auch ihr Leben.

Sind Sie immer noch Single?
Ja. Ich fühle mich auch wohl dabei. Es gibt ja durchaus schöne Seiten am Single-Leben. Mehr Zeit für die Freunde zum Beispiel.

Nervt Sie Ihre Bekanntheit manchmal?
Ab und zu kann das vorkommen. Wenn ich mit der Familie am Essen bin, hätte ich gerne einige Zeit meine Ruhe. Ich falle eben auf in München. Nur schon wegen der Schweizer Autonummer an meinem Wagen. Häufig wollen die Leute dann mit mir über Fussball sprechen, auch Kollegen, muss ich ab und zu sagen: Hey, hört jetzt auf, über Fussball zu reden. Das musste ich schon ein paar Mal machen.

Verfolgen Sie den FC Basel noch?
Ja, schon. Es hat sich einiges verändert. Die Jugend-Trainer zum Beispiel kenne ich nicht mehr. Wie der FCB spielt, entnehme ich den Zeitungen und dem Internet. Wie letztens, als Yann Sommer gegen GC in der Nachspielzeit einen Penalty abwehrte.

Mohamed Salah wechselte kürzlich für 20 Millionen vom FCB zu Chelsea. Damit sind Sie nicht mehr der Rekord-Transfer. Stört Sie das?
Nein, das ist mir egal. Wichtig für einen Spieler ist primär der sportliche Aspekt. Ich weiss nicht, ob es für Salah der richtige Transfer ist, es wird schwierig für ihn, bei Chelsea zu spielen. Ich hätte auch zu Zenit St. Petersburg gehen können für über 20 Millionen Franken. Diese Russen hätten alles bezahlt für mich. Oder zu Dynamo Kiew. Aber das kommt höchstens nach der Karriere infrage. Man sieht es ja, viele Junge, die nach Russland oder in die Ukraine gehen, kommen schnell wieder zurück.

Sie gelten als Musterbeispiel geglückter Integration. Sind Sie das gern?
Ja. Klar. Fussball ist der beliebteste Sport, viele Junge schauen zu uns hoch, wenn wir da eine Hilfe leisten können für Ausländer, ist das doch toll.

Sie sind ein guter Image-Träger. Viele möchten von Ihnen profitieren, vom Sportartikelhersteller bis zur Ferienregion Arosa. Sicher gibt es auch Leute, die Sie gern in einem Sennenchutteli sehen würden. Müssen Sie sich manchmal schützen?
Ich bin gern gefragt. Es ist ja auch schön, dass ich mit Marketing Geld verdienen kann. Aber natürlich will ich mich während der Saison auf den Fussball konzentrieren und nicht nur am «shooten» sein.

Zuletzt wurden Sie Botschafter des Kosovo …
… ich fühle puren Stolz!

Sie müssen gleichzeitig die Ansprüche der Kosovaren und jene der Schweizer erfüllen. Wie schaffen Sie das?
Ich bin mir bewusst, dass ich es nie allen recht machen kann. Aber ich finde, ich habe das Dilemma bis jetzt gut gemeistert. Ich fühle mich mit beiden Ländern verbunden, das wissen alle. Ich fühle mich wie ein Vater von zwei Söhnen – der versucht auch immer, neutral zu sein und keinen zu bevorzugen.

Sie jubelten nach dem Sieg in der Champions League mit einer speziellen Fahne, zur Hälfte Schweizer Flagge, zur Hälfte die Kosovarische.
Genau. Und meine albanischen Freunde fragten mich: Warum hattest du nicht die albanische Flagge dabei? Sie sehen: Auch da konnte ich es nicht allen recht machen. Es ist tatsächlich nicht immer einfach.

Wird die Schweizer Nati während der WM viele Fans aus dem Kosovo haben?
Ich glaube schon. Ich habe schon von vielen gehört, dass sie für die Schweiz fänen werden. Wenn die Schweiz in Brasilien Erfolg hat, ist das auch für die Menschen im Kosovo etwas Grossartiges.

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