Von Sébastian Lavoyer

Es war ein kalter Tag im Dezember 2008. Schauplatz: Sportanlage Schützenmatte, Heimat der Old Boys Basel. Die U16 des FCB ist zu Gast für ein Freundschaftsspiel. Da geschieht es, Granit Xhaka, eben erst 16 Jahre alt geworden, verletzt sich am Knie. Für kurze Zeit steht alles zur Diskussion. Zur «NZZ» sagte Xhaka einst: «Ich hatte einen Kreuzbandriss, wollte aufgeben und mit dem Fussball aufhören.» Als er nach der Verletzung erstmals wieder auf den Platz kam, klappte nichts mehr. Xhaka war enttäuscht, enttäuscht von sich selbst, hinterfragte sich: «Es war die Zeit, als ich eine Lehre als Büro-Assistent begann. Ich war ständig in Kontakt mit älteren Menschen, die viel reifer waren als ich. An ihnen habe ich mich orientiert. Und ich hatte einen Chef, der mit zugeredet hat, mich wieder dem Fussball zuzuwenden.»

Man höre und staune: Ohne Lehrmeister Thomas Rutishauser hätte Weltstar Granit Xhaka wohl die Schuhe an den Nagel gehängt, bevor er sich auch nur in Basel einen Namen gemacht hatte. Es kam anders. Xhaka kämpfte sich zurück, wurde ein knappes Jahr nach der Verletzung U17-Weltmeister, schaffte kurz darauf den Sprung in die erste Mannschaft des FC Basel. Keine zwei Jahre nach dem WM-Titel mit der U17 gab er beim EM-Qualifikationsspiel gegen England im Wembley-Stadion sein Debüt in der A-Nationalmannschaft. Er wechselte in die Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach. Nach harten ersten Monaten setzte er sich durch, wurde letztlich Captain und verabschiedete sich letzten Sommer Richtung Insel. 40 Millionen Franken überwies Arsenal an «die Fohlen». Damit ist er der bis dato teuerste Schweizer Fussballer. Und mit Sicherheit einer der Besten, die sich je das Trikot mit dem weissen Kreuz auf der Brust überstreiften.

Das fehlende Xhaka-Trikot
Thomas Rutishauser sitzt am hellgrauen Tisch seines Büros in Liestal. Fein kariertes weiss-blaues Hemd, Jeans und dunkelgraue Mokassins. Wenn man ihn fragt, wie er Granit damals davon überzeugte, weiter an sich zu glauben, zuckt er mit den Schultern, die Schnauzenden gehen nach oben, er lächelt und sagt: «Ach, wissen Sie, so genau weiss ich das auch nicht mehr. Ich habe einfach immer versucht, die Jungen so gut wie möglich zu fördern.»

In seiner damaligen Funktion als stellvertretender Generalsekretär der Baselbieter Bildungs-, Kultur und Sportdirektion (BKSD) war er zusammen mit Thomas Beugger, Leiter Sportamt, für die Entwicklung der Leistungssportförderung im Kanton Baselland mitverantwortlich. Aber nicht nur als Ideenlieferant, sondern auch direkt als Lehrmeister. So absolvierten neben Granit Xhaka auch Roman Buess (heute St. Gallen) oder Marco Aratore (St. Gallen) ihre Lehre unter seinen Fittichen. Fabian Frei (FSV Mainz 05) und Simone Grippo (Vaduz) haben ihren Abschluss an der Handelsmittelschule zu einem grossen Teil ihm zu verdanken. Davon zeugen die Trikots an der Wand über Rutishausers Schreibtisch. Eines fehlt: das Trikot von Xhaka. «Er hat mir nach dem WM-Titel mit der U17 das weisse Auswärtstrikot versprochen.» Es fehlt bis heute – und Rutishauser würde nie im Leben auf die Idee kommen, Granit daran zu erinnern.

Roman Buess ist noch heute mit seinem einstigen Lehrmeister in Kontakt, schwärmt: «Er hat uns immer 100 Prozent unterstützt, ermöglicht, dass wir unseren Weg gehen können. Aber er war weit mehr als ein Lehrmeister. Für mich persönlich ist er eine absolute Respekts- und Vertrauensperson.» Vor drei Jahren hat Rutishauser seinen Job in der Baselbieter Verwaltung aufgegeben und arbeitet seither als Geschäftsführer des Nordwestschweizerischen Kunstturn- und Trampolinzentrums in Liestal und als Mentaltrainer. Dabei arbeitet er eng mit dem Berner Sportpsychologen Jörg Wetzel zusammen, der bei Olympischen Spielen die Schweizer Athleten betreut.

Wie Buess hat Rutishauser auch Xhaka in jeder Situation unterstützt. Als er nach der U17-WM in die erste Mannschaft kam und die Aussicht auf einen Profi-Vertrag ab Sommer 2010 bekam, war für Xhaka klar, dass er sich voll auf dieses Ziel konzentrieren, die Lehre also vorzeitig abbrechen will. Als Erste erfuhren davon nicht seine Eltern, die dagegen waren, sondern sein Lehrmeister. Und so begleitete ihn Rutishauser zu zwei Gesprächen mit seinen Eltern und half Xhaka, ihnen zu erklären, dass er die Lehre nicht beenden will. Rutishauser: «Von der Intelligenz her und vom zeitlichen Aufwand wäre es kein Problem gewesen.» Ein Fehler war der Entscheid nicht. Seine Karriere gibt Xhaka recht. Und Rutishauser vielleicht ein bisschen Genugtuung. Denn ohne ihn wäre Xhaka wohl nie da gelandet, wo er heute steht.

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