Die Erleichterung ist grenzenlos am vergangenen Dienstag in Pristina. Es ist der Tag, an dem der Fussballverband Kosovo in die Uefa aufgenommen wird. «Die Menschen strömten auf die Strasse. Eine riesige Party. Unglaubliche Szenen.» Mustafe Dzemaili ist der kosovarische Botschafter der Schweiz. Auch er ist am Dienstag in Pristina. Wegen der Arbeit, nicht wegen des Fussballs, aber das hindert ihn nicht, mit Freude zu erzählen über ein Ereignis, das weit über den Sport hinausgeht. «Dieser Entscheid stärkt das Selbstbewusstsein des ganzen Kosovo. Er hilft, dass sich die Leute nicht mehr minderwertig vorkommen. Und wahrscheinlich wird auch die Wirtschaft profitieren.»

Was aber bedeutet der Entscheid sportlich? Bis anhin durfte das Nationalteam des Kosovos nur Freundschaftsspiele austragen. Das scheint vorüber. Sollte auch die Fifa den Kosovo aufnehmen an ihrem Kongress nächsten Freitag, scheint der Weg frei, um an der WM-Qualifikation teilzunehmen.

Aus Schweizer Sicht gibt es eine drängende Frage: Gibt es für Nationalspieler mit kosovarischen Wurzeln wie Shaqiri, Xhaka oder Behrami die Möglichkeit, einen Nationenwechsel zu beantragen? Noch gibt es dafür keine verbindliche Regelung. Uefa und Fifa schieben sich den Ball gegenseitig zu.

Niemand äussert sich.
Der Präsident des kosovarischen Fussball-Verbands heisst Fadil Vokrri. Auch in seiner Stimme schwingt die Freude mit. «Echte Wettkämpfe sind für die Motivation all unserer Spieler extrem wichtig.» Und er fügt an: «Wenn ein junger Mann eine Frau kennen lernt, ist der Reiz auch verschwindend klein, wenn er von Anfang an weiss, dass es ihr verboten ist, sich auf Männer seiner Herkunft einzulassen. In etwa so ging es dem kosovarischen Fussball bisher.»

«Niemand ist ein Verräter»
Sowohl Funktionär Vokrri wie auch Botschafter Dzemaili sind sich bewusst, worüber sich Schweizer nun Gedanken machen. Vokrri sagt: «Wir sprechen nicht darüber, mit welchem Team wir künftig antreten. Es gibt viele Spieler, die sind an der EM engagiert. Das wäre ihnen gegenüber nicht korrekt.»

Dezidierter äussert sich Botschafter Dzemaili: «Egal, wie die Regelungen aussehen, Xhaka, Shaqiri oder Behrami sollten weiterhin für die Schweiz spielen. Sie haben sich entschieden und sollten dazu stehen.» Hingegen möchte er jungen Spielern mit kosovarischen Wurzeln, die in der Schweiz geboren sind und aufwachsen, keinen Ratschlag geben. «Jeder muss sich die Fragen selbst stellen. Aber ich halte es für wichtig, dass niemand gegen seine eigene Überzeugung entscheidet, um anderen einen Gefallen zu tun.»

Die kosovarische Botschaft in Bern ist nur wenige Schritte vom Bundeshaus entfernt. Das Büro von Mustafe Dzemaili ist schlicht eingerichtet. An der Wand prangt die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo von 2008. Die Schweizer Flagge und jene des Kosovo stehen nebeneinander. Seit gut einem Jahr ist Dzemaili, 1954 in Komogllava geboren, nun Botschafter. 1984 ist er aus dem Kosovo geflüchtet in die Schweiz. Seither wohnt er in Biel.

Wer Dzemaili beim Erzählen zuhört, erkennt seine diplomatische Rolle ziemlich schnell. Immer wieder berichtet er vom «Stolz» über das Funktionieren des Zusammenlebens zwischen Schweizern und Kosovaren. Einmal fragt er: «Haben Sie auch gemerkt, wie sehr Schlagzeilen über straffällige Kosovaren abgenommen haben?»

Noch immer gibt es Leute, die Spielern wie Shaqiri, Xhaka oder Behrami nicht verziehen haben, dass sie für die Schweizer Nationalmannschaft spielen. Teilweise üble Verunglimpfungen sind die Folge. Dafür hat Dzemaili kein Verständnis. «Hier vermischen einige Leute Sport und Nationalismus. Nationalismus im negativen Sinn. Niemand ist ein Verräter! Niemand spielt gegen Albanien oder gegen den Kosovo. Sondern es sind Spieler, die für eine Mannschaft spielen. Nicht gegen ein Land.»

Die vielen offenen Fragen
Wie geht es nun weiter? Gefordert ist vorab die Fifa. Sie wird den Entscheid der Uefa am kommenden Freitag aller Voraussicht nach bestätigen. Aber dann? Kann der Kosovo – wie möglicherweise auch Gibraltar – wirklich schon zur Qualifikation der WM 2018 in Russland antreten? Und mit welchem Team? Und in welchem Stadion? Derzeit gibt es im Kosovo keines, das gängigen Fifa-Kriterien genügt. Es sind Fragen, die durchaus schon hätten im Vorfeld besprochen werden können oder sollen. Diese Ansicht, so ist zu vernehmen, vertreten auch einige Exponenten des Schweizer Fussballverbands.

In der Abstimmung über die Kosovo-Aufnahme selbst, die 28:24 ausging, spielte die Schweiz eine tragende Rolle. Erst auf Vorschlag von Generalsekretär Alex Miescher wurde eine Geheimabstimmung beschlossen. Um den immensen politischen Druck auf gewisse Länder zu minimieren.

Was passiert wäre ohne dieses Votum? Man kann nur spekulieren. Aber der Verdacht liegt nahe: Die Abstimmung wäre anders ausgegangen – gegen den Kosovo.

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