Presse?» Wir nicken. «Norbert, hol mal die Schuhe», ruft Rosemarie Scholz in die Backstube. Zwei Minuten später liegen ein Paar pink-blaue, abgewetzte Fussballschuhe im Schaufenster der Bäckerei Scholz, daneben Autogrammkarten, ein Thomas-Müller-Schal, Fähnchen und ein Deutschland-Trikot. «Die Schuhe von Thomas holen wir nur raus, wenn die Presse kommt. Wenn Sie fertig fotografiert haben, wandern sie wieder in die Backstube – sonst werden sie geklaut», sagt Norbert Scholz.

Wie oft er die Schuhe seit der WM 2010 in Südafrika, wo der Stern von Thomas Müller aufgegangen ist, ins Schaufenster gelegt hat, weiss der 51-Jährige nicht mehr. Seit Müllers drei Toren im WM-Auftaktspiel gegen Portugal waren alle vier Lokalzeitungen da, die ARD, das ZDF, sechsmal die «Bild»-Zeitung – und nach dem 7:1 im Halbfinal sogar ein Fernsehteam aus Brasilien. «Die Brasilianer waren anständig, aber geredet haben wir nicht miteinander. Wie auch?» Sowieso will Scholz eigentlich nicht mehr mit der Presse sprechen. «Immer die gleichen Fragen, und dann wird nur Mist geschrieben. Langsam bin ichs leid. Wir wollen unsere Ruhe.» Trotzdem verlassen wir die Bäckerei erst nach 20 Minuten.

Wir sind in Pähl, einem 2500-Seelen-Dorf in Oberbayern, 50 Autominuten südlich von München. Jeder kennt hier jeden. Und alles hat hier seinen Platz: die Schule neben der Kirche neben dem Rathaus neben dem Gemeindehaus. Die Hauptstrasse säumen Häuser im Heimatstil. Während der WM versammeln sich die Pähler zum Public Viewing im Pfarrzentrum oder beim Italiener mit dem Namen «Müllers Lust». Heute Abend wird es für einmal laut in Pähl, wenn das ganze Dorf seinem «lieben Burschen» (Norbert Scholz), seinem «Müller Thomas» bei der Arbeit zuschaut. Im WM-Final gegen Argentinien.

WM-Final! So spektakulär das tönt: In Pähl mahnt am Freitag nicht mehr daran als die Deutschland-Fahne auf dem Dach eines Bauernhauses. Das passt zu den Attributen, mit denen der Charakter von Thomas Müller landauf, landab beschrieben wird: Fleissig, bescheiden, bodenständig. Kein Protzen à la Cristiano Ronaldo, kein übertriebenes Pathos wie die Brasilianer – aber immer mit vollem Einsatz. Egal ob heute im Maracanã oder einmal im Monat mit seinem Bruder und seinen Cousins im Garten des Elternhauses. Man glaubt ihm, wenn Müller sagt, er spiele immer gleich.

In erster Linie ist Müller ein überragender Stürmer, für Bayern München und aktuell für Deutschland an der WM schiesst er Tor um Tor. Die Erfolgsstory der DFB-Elf in Brasilien wird an seiner Person aufgehängt.

Doch Müller ist mehr. Die Deutschen verehren ihn auch wegen seiner kultigen Auftritte neben dem Platz. Teamkollege Mats Hummels sagte im US-TV, Müller sei «ein very funny guy, in Germany we call it Pausenclown». Die deutsche «taz» kommt zum Schluss, Müller sei ein «Mann wie eine Volkspartei». Weil er sowohl als Sportler wie auch als Privatmensch so sei, wie alle sein wollen: bodenständig, aber doch ab und zu ausbrechend aus der Normalität. Ein Schlitzohr.

Müller erfüllt nicht die klassischen Klischees eines Fussballers. Die Augenbrauen etwa hat er sich noch nie zupfen lassen. Was er denn in der trainings- und spielfreien Zeit in Brasilien mache, wurde er gefragt. «Ich schaue mir Hengstvideos an», antwortete Müller. Er müsse doch wissen, was gut sei für die Stuten auf seinem Gehöft. Die Leidenschaft fürs Reiten teilt er mit seiner Jugendliebe Lisa. Beide waren erst 20, als sie geheiratet haben. Seither wohnen sie an der südlichen Stadtgrenze Münchens.

Aufgewachsen ist Müller am Dorfrand von Pähl. Doppelgarage, Wintergarten, grosse Terrasse. Nur ein kleiner Ball lässt erahnen, dass in diesem Haushalt Fussball eine Rolle spielt. Als wir aus dem Auto steigen, schaut die Nachbarin mit skeptischem Blick aus dem Fenster. Das ganze Dorf, sagt uns später Bäcker Scholz, sorge für die Privatsphäre der Eltern Klaudia und Gerhard. Die sind zwar nach Brasilien zu ihrem Sohn geflogen. Aber ans Telefon gehen sie auch sonst nicht mehr.

Weiter zum Fussballplatz. Hier, im Schatten der Ahornbäume und neben dem Kassenhäuschen aus Holz, hat Müller für den TSV Pähl seine ersten Tore geschossen, bevor er als 10-Jähriger vom grossen Bayern München entdeckt wurde. Sein erster Trainer Peter Hackl erinnert sich: «Diesen Ehrgeiz, diesen Willen, den der Thomas hat, der muss angeboren sein. Das hat man damals schon gesehen. Und sein Instinkt – unfassbar.»

In der Bäckerei sagt Norbert Scholz, er hoffe schon, dass Deutschland Weltmeister werde. Dann verwirft er die Hände und sagt: «Aber Sie können sich nicht ausdenken, was dann am Montag hier los sein wird.»

Scholz hat vorgesorgt, ihn wird man morgen in der Bäckerei nicht antreffen. «Ich flüchte in unsere andere Filiale.» Müllers Fussballschuhe nimmt er mit.

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