VON FELIX BINGESSER AUS ADELBODEN

Die Schweizer Skifahrer sind so gut wie seit den Achtzigerjahren nicht mehr. Als Präsident von Swiss Ski hat man in diesen Tagen einen Traumjob.
Urs Lehmann: Ich darf mich nicht beklagen, das ist richtig. Wir sind auf einem guten Weg. Aber man kann immer noch vieles besser machen. Wir haben gute Athleten, die mehrheitlich auch das Optimum herausholen. Das war nicht immer so. Und wir sind nicht mehr von ganz wenigen Einzelkönnern abhängig. Ja, wir sind glücklich, wie es läuft.

Wird auch für Urs Lehmann die Olympiasaison mit den Berner Oberländer Skitagen so richtig lanciert?
Natürlich sind die Rennen in Adelboden und Wengen für uns aus Veranstaltersicht ein Highlight. Aber die Olympiavorbereitungen haben im letzten Sommer begonnen. Und der Qualifikationsdruck bei den Athleten besteht ja schon seit einigen Wochen. Für die ist jedes Rennen wichtig. Bis zum Moment, wo sie sich qualifiziert haben.

Gerade Adelboden veranstaltet ein Skifest in einer Atmosphäre, wie man das bis anhin nur den Österreichern zugetraut hat.
Das ist so, ja. Das ist auch für uns der emotionale Höhepunkt. Dann folgen ja gleich die Rennen am Lauberhorn und kurz vor Olympia St. Moritz. Wir haben in den letzten Jahren bewiesen, dass wir uns punkto Begeisterungsfähigkeit vor niemanden zu verstecken brauchen.

Bei den Alpinen gab es noch einmal eine Leistungssteigerung. Hätten Sie das Ihren Skifahrern zugetraut?
Es ist das Ziel, bis 2011 auf Augenhöhe mit den Österreichern zu sein. Dass wir dies in der ersten Phase dieser Saison schon geschafft haben, ist sensationell. Und wir haben das ja geschafft ohne einen Daniel Albrecht und ohne Lara Gut, die in einer Saison ja auch 1000 Weltcuppunkte beitragen können.

In einem Monat finden die Olympischen Spiele in Vancouver statt. Auch für Sie als Präsident von Swiss Ski der Höhepunkt der bisherigen Laufbahn?
Olympia ist immer das Grösste. Ob man Präsident ist oder nicht.

Wie viele Medaillen erwarten Sie von Ihren Athleten?
Wir haben jede Disziplin analysiert und das Potenzial hinsichtlich der Spiele in Vancouver angeschaut. Wir möchten gerne 13 Medaillen gewinnen. Das ist ehrgeizig. Aber wir glauben, dass dies, wenn es normal läuft, eine realistische Vorgabe ist.

Wie sind diese 13 angestrebten Medaillen «aufgeteilt»?
Bei den Skifahrern haben wir nochmals einen Schritt nach vorne gemacht. In Val d’Isère hat das Team sechs Medaillen gewonnen. Wir gehen davon aus, dass wir in Vancouver auch wieder sechs Medaillen gewinnen. Vier bei den Herren und zwei bei den Frauen. Heute muss man sogar sagen, dass vier Medaillen bei den Männern schon fast eine zurückhaltende Prognose ist. Dafür müssen dann die Frauen wohl kämpfen.

Und weiter?
Im Langlauf rechnen wir mit einer Medaille. Die müsste eigentlich von Dario Cologna kommen. Aber plötzlich könnte da auch die Staffel für einen Exploit sorgen. Dann gehen wir davon aus, dass wir beim Skispringen eine Medaille machen. Wenn man den Weltmeister und den Weltcupleader stellt, ist das legitim. Im Snowboard erwarten wir drei Medaillen. Bei der letztjährigen WM haben wir vier Medaillen gewonnen. Und dann haben wir beim Freestyle mit Eveline Leu die Olympiasiegerin. Auch da erwarten wir eine Medaille. Da haben wir ja auch bei den Männern reelle Chancen. Und dann sollte im Skicross eine Medaille von Mike Schmid kommen. Er hat zwei von drei Weltcuprennen gewonnen. Mit dieser Rechnung wären wir dann bei den 13 Medaillen.

Dann gibt es noch die Bobfahrer, es gibt Stéphane Lambiel, es gibt die Skeletonfahrer mit Medaillenchancen. Swiss Olympic hat eine Zielsetzung von insgesamt 14 Medaillen herausgegeben. Wenn die Athlethen von Swiss- Ski 13 Medaillen beitragen, ist die Zielsetzung von Swiss Olympic doch ziemlich pessimistisch?
Das müssen andere beurteilen. Historisch war es immer so, dass rund drei Viertel der Medaillen bei Winterspielen von Swiss-Ski-Athleten gewonnen wurden.

Was haben Sie persönlich für Erinnerungen an Olympische Spiele?
Ich war nie selber dabei. 1988 war ich zu jung, 1992 habe ich mich drei Tage vor der Abreise verletzt, 1994 habe ich die ganze Saison verpasst und 1998 war ich schon nicht mehr aktiv.

In Kanada erwartet man «Eisspiele» mit dem Eishockeyturnier im Zentrum. Haben Sie Angst, dass die alpinen Wettkämpfe in Whistler Mountain keine Beachtung finden?
Sicher stehen die Skirennen vor Ort nicht im Zentrum. Aber das wird kaum einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Zuschauer in der Schweiz haben.

Welche Beziehung haben Sie zu Kanada?
Eine intensive. Meine Schwester ist seit 15 Jahren in Ottawa verheiratet. Whistler war zu meiner Aktivzeit meine Lieblingsstrecke. Die letzten elf Jahre waren wir immer in Kanada beim Heliskiing. Etwas vom Schönsten und Grössten

Die Olympischen Spiele sind auch immer Geburtssttätte für neue Helden und Stars. Wer könnte das sein?
Da gibt es natürlich naheliegende Möglichkeiten. Didier Cuche kann seine grosse Karriere krönen. Auch Carlo Janka hat schon Erfahrung, ist schon Weltmeister. Dann gibt es Cologna und Ammann. Ein Aussenseitertipp ist Mike Schmid in der neuen spektakulären Sportart Skicross. Das gibt spektakuläre Rennen, die auch mich begeistern. Das kann einen richtigen Boom geben.

Daron Rahlves fährt da auch mit. Überlegen auch Sie sich ein Comeback?
Er ist 38 Jahre alt. Ich bin 40.

Sie sind Chef eines mittelständischen Unternehmens, Sie sind Präsident von Swiss-Ski, Sie sind Co-Kommentator bei einem Fernsehsender, Sie sind Familienvater und nun haben Sie auch noch eine Vermarktungsagentur für Skifahrer übernommen. Auf wie vielen Hochzeiten wollen Sie noch tanzen?
Das kann ich nicht sagen. Vieles hat sich einfach ergeben. Und bei all meinen Aktivitäten gibt es sehr viele Synergien. Meine Frau kommt selber aus dem Spitzensport. Sogar aus dem gleichen Verband. Meine Familie kann ich überall hin mitnehmen. Meine Arbeit als Kommentator bei Eurosport mache ich, wenn ich sowieso im Zielraum herumstehen würde. So sitze ich nur in der geheizten Kabine und gebe meinen Kommentar ab. Solange man Spass hat, zählt man die Tage und die Stunden nicht.

Für Irritation hat gesorgt, dass sie als Verbandspräsident nun auch Mitinhaber einer Agentur für Skifahrer sind.
Ich bin da ja nicht selber an der Front. Das machen die Mitarbeiter einer Firma, die mir mittlerweile zu 50 Prozent gehört. Wenn ich Aktien der UBS kaufe, mache ich ja auch nicht automatisch Geschäfte und Kundenabschlüsse an der Front. Ich habe immer alles transparent gemacht und ich habe in der Vergangenheit bewiesen, dass ich das Amt des Präsidenten von Swiss-Ski klar von allen anderen Betätigungen trennen kann. Vorwürfe gibt es da nur in den Medien. Rational gesehen ist dies aber alles kein Problem.

Man sagt aber, Lehmann wolle eine Machtfülle wie sein österreichisches Pendant Peter Schröcksnadel. Ist Schröcksnadel ihr Vorbild?
Das sagen drei oder vier Journalisten. Schröcksnadel ist ein guter und erfolgreicher Amtskollege, den ich sehr schätze, aber nicht mein Vorbild. Er hat den österreichischen Skiverband aus einem tiefen Loch an die Weltspitze geführt. Und fünfzehn Jahre da gehalten. Folglich muss er gewisse Sachen ja gut machen. Ich will wissen, wie er funktioniert und wie er erfolgreich wurde. Ich finde nicht alles gut, was er macht und nicht alles ist mit meinen Wert- und Moralvorstellungen vereinbar. Aber ich habe viel von ihm gelernt.

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