VON KLAUS ZAUGG

Gute Eishockeyteams verwandeln zwischen 12 und 15 Prozent ihrer Schüsse in Tore. Die Kanadier haben an dieser WM in Bern und Kloten bisher sogar eine sagenhafte Erfolgsquote von 19,15 Prozent. Die Schweizer eine von 4,43 Prozent. Die miserabelste in der Ära Krueger, die mit der WM 1998 begonnen hat. Was ist los?

Toreschiessen im Eishockey ist ein Dreisatz aus Talent, Intelligenz und Mentalität. Talent braucht es, um die die Hartgummischeibe anzunehmen und mit einem Stock mit über 160 km/h auf das Tor zu schiessen. Intelligenz, um das Spiel zu lesen und im richtigen Augenblick am richtigen Ort zu stehen. Diese beiden Punkte sind für die Schweizer kein Problem.

Aber die Mentalität ist eines. Sagen wir es wie ein Psychologe: Der Torschuss ist die aggressivste Form des Individualimus. Wer den Abschluss sucht, exponiert sich. Übernimmt Verantwortung. Nimmt, für alle sichtbar, das Risiko des Scheiterns auf sich.

Verzichtet darauf, Puck und Verantwortung dem Mitspieler zuzuschieben. Für diese Geisteshaltung des Toreschiessens braucht es eine gehörige Portion Egoismus und ein «perverses» Selbstvertrauen. Und dieses Selbstbewusstsein haben nur die Nordamerikaner.

Betrachten wir die Statistik der «Scoring Efficiency» (sie sagt, wie viele Prozent der Schüsse zu Toren geführt haben) über einen längeren Zeitraum. Dann sehen wir, dass die Kanadier fast immer ganz vorne und die Japaner – wenn sie in der A-Gruppe waren – ganz hinten sind.

Kanadas Kulttrainer Dave King arbeitete auch als Berater für die Japaner und kennt den Grund für die schlechte Chancen-auswertung: «Der Respekt vor den Älteren ist so gross, dass es kaum einer wagt, selber zu schiessen, wenn noch ein älterer Spieler mit auf dem Eis steht. Selbst dann, wenn einer das leere Tor vor sich hat spielt er noch einen Pass.»

Das Gegenstück zu den Japanern sind die Kanadier. Sie haben 2007 und 2008 von allen 16 Teams die beste Chancen-auswertung (14,69 und 14,9 Prozent). Das hat etwas mit der Mentalität zu tun. Denn technisch sind die Kanadier nicht besser als die Russen. Aber selbstsicherer.

Und die Kanadier haben am meisten Spiele auf dem Tacho – die Ausbildung der kanadischen Spieler erfolgt nach wie vor mehr im Spiel als im Training. Das schärft den «Spielinstinkt», das richtige Verhalten im Abschluss. Denn Training kann Spielpraxis nie ersetzen.

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