Urs Fischer, Ihre Tochter ist begeisterte Fussballerin beim FC Zürich. Wie hat sie reagiert, als ihr Vater erzählt hat, er werde neuer Trainer beim FC Basel?
Urs Fischer: Zuerst einmal hat sie sich gefreut. Meine Tochter hat ja den Genuss, das zu erleben, was ich jetzt auch erleben darf. Sie spielt quasi beim «FCB der Frauen». Meine Familie ist an Thun gewöhnt, deshalb ist dieser Wechsel auch herausfordernd. Aber nicht, weil ich nun beim FCB wäre, sondern weil wir alle mit Thun viel Freude verbinden.

Hätten Sie zu Beginn Ihrer Trainerkarriere gedacht, einmal als Trainer in Basel zu landen?
Ich muss weiter zurückschauen: Als Spieler war ich in einer Zeit aktiv, da herrschte überall heile Welt. Da denkst du: Es wird nie einen Wechsel geben! Mit der Zeit kommt der innere Konflikt. Und plötzlich die Gewissheit: Ja, es ist richtig, Neues zu probieren.

Welche Erwartungen haben Sie an Ihren neuen Job?
Ich war Trainer eines etwas grösseren Vereins, Trainer eines etwas kleineren Vereins und nun wohl Trainer des grössten Vereins der Schweiz. Ich sehe den FC Basel als eine Herausforderung. Ich will mich bestätigen. Eines sehe ich indes ganz sicher nicht: Dass der FC Basel für mich ein Sprungbrett sein könnte. Nein, nein, nein! Das wäre gefährlich. Und irgendwo würde ich bei einem solchen Denken meine Identität verlieren.

Gab es Gedanken, die Sie zweifeln liessen, ob Sie nach Basel wollen?
Die zweieinhalb Jahre in Thun. Das war eine unglaublich schöne Zeit. Am Schluss geht es überall um drei Punkte, ums Gewinnen. Das ist genau gleich in Basel wie in Thun. Aber die Dimensionen um den Fussball herum sind natürlich alle eine Nummer grösser hier. Ich fragte mich: Kann ich mit diesen Dimensionen umgehen? Und kam zum Schluss: Ja.

Am Tag Ihrer Vorstellung in Basel trainierten Sie am Morgen noch ein letztes Mal den FC Thun. Welche Gefühle kamen hoch?
Ich merkte schon während des Trainings: Irgendetwas stimmt nicht. Es herrschte eine gedrückte Stimmung. Die meisten Jungs ahnten wohl schon etwas. Als dann auch noch Präsident und Sportchef auftauchten, war allen alles klar. Ich sagte direkt auf dem Platz einige Worte zum Team. Die sind mir unheimlich schwergefallen. Ich habe mich noch nie so schwergetan mit Reden.

Was sagten Sie?
Ich habe mich bei allen Spielern bedankt. Gleichzeitig versuchte ich, ein bisschen Humor zu behalten, sagte: «Jungs, seid mir nicht böse! Ihr seid ja selbst schuld. Hättet ihr ein bisschen dümmer gespielt, wäre ich wohl nicht so gefragt gewesen.»

Beim FCB ist Meisterwerden Pflicht. Urs Fischer war noch nie Meister – warum?
Es hat nicht sollen sein. Da braucht es manchmal auch ein bisschen Glück. Einmal war ich mit dem FC St. Gallen Wintermeister, mit einem Team um Ivan Zamorano. Aber am Schluss verspielten wir die Meisterschaft, weil es «Lämpen» gab innerhalb der Mannschaft. Es hätte während meiner 20 Profi-Jahre auch die eine oder andere Transfer-Möglichkeit gegeben, die sich im Nachhinein auf meine Titelbilanz ausgewirkt hätte. Ich denke an Lausanne oder Xamax. Aber was solls? Ich hatte eine super Karriere. Mit Höhen und Tiefen. Mit immerhin vier Einsätzen fürs Nationalteam. Und dann durfte ich doch noch Cupsieger werden mit dem FC Zürich.

War das Ihr grösster Karriere-Moment?
Einer der grössten. Aber da kommt mir auch mein erstes Spiel der NLA in den Sinn. 1984 mit dem FCZ in Sion. Gegen Balet, Lopez, Aziz Bouderbala und wie sie alle hiessen. Zur Halbzeit stand es 3:1 für Sion. Am Schluss 6:1. Ja, das war mein Einstand (lacht). Trainer Köbi Kuhn nahm mich zur Pause raus. Und an die Nacht zuvor erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Ich teilte mit Stürmer Markus Schneider das Zimmer. Kein Auge habe ich zugetan! Weil ich erfahren habe, dass mein Debüt ansteht.

Für die FCZ-Fans sind Sie «für immer oise Käpt’n».
Ich werde das immer irgendwo in mir haben. Zürich hat mich zu einem grossen Teil meines Lebens begleitet. Als Junior, als Aktiver, als Neu-Trainer. Aber ich denke, es war gut, dass ich mal acht Jahre in St. Gallen war. Und auch die zweieinhalb Jahre in Thun haben gutgetan, etwas Distanz gegeben. Manchmal stand mir der «Ur-Zürcher» schon ein wenig im Weg. Ich frage mich, warum eigentlich. «Ur-Zürcher», das assoziiert für mich eher positive denn negative Charakterzüge – es kommt eben immer auf die Betrachtungsweise an.

Können Sie nachvollziehen, dass es Menschen in Basel gibt, die nicht gerade den Handstand machen, wenn Sie neuer FCB-Trainer werden?
Oder vielleicht machen sie eben gerade einen Handstand (lacht). Selbstverständlich kann ich das nachvollziehen. Damit muss ich umgehen können. Und das finde ich überhaupt nicht tragisch.

Was denken Sie denn, wenn Sie ein Transparent sehen mit den Worten: «Fischer, nie eine vo uns!!!»?
Diese Wortwahl war in gewisser Weise human. Einige Fans wollten eine Botschaft platzieren – und diese Botschaft ist angekommen. Das war ein Spruch und keinesfalls beleidigend. Ich habe genug Erfahrung, um damit umgehen zu können. Nun liegt es an mir, zu überzeugen. Ich komme in Gottes Namen nicht nochmals in Basel zur Welt.

Die FCB-Trainer vor Ihnen verströmten alle Glamour. Bei Urs Fischer denkt man zuerst an Bodenständigkeit …
… man kann mich doch nicht mit einem Paulo Sousa vergleichen. Bei Sousa, da reden wir von einem Weltfussballer, der zweimal die Champions League gewonnen hat, bei mir von einem bekannten Schweizer Fussballer.

Dann fragen wir anders: Passt Urs Fischer auf die Weltbühne, die der FCB Jahr für Jahr betritt?
Bühne? Ich bin ja kein Schauspieler (lacht). Ich mache mir keine Gedanken darüber – ich will es einfach erleben! Ob ich dort hinpasse oder nicht, wovon hängt das denn ab? Wer die Bühne erklimmt, hat es verdient.

Sind Sie froh darum, dass der FCB in die Champions-League-Qualifikation muss?
Warum sollte ich froh sein?

Weil Sie – auch im Gegensatz zu Paulo Sousa – sehr früh etwas erreichen können.
Ich denke, beim FCB wären alle froh, wenn wir direkt für die Königsklasse qualifiziert wären. Aber nun ist der Weg ein bisschen steiniger als letzte Saison – packen wir es an! Wer in die Champions League kommen will, muss eben Hürden erklimmen.

Gibt es für Sie Unterschiede in der täglichen Arbeit, wenn Ihr Verein nun plötzlich nicht mehr klamm, sondern finanzstark ist?
Erstens: Ich werde das gleiche Verhalten an den Tag legen wie in Thun. Klar, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es bleibt alles gleich. Es gibt elf, zwölf oder noch mehr Spieler beim FCB, die ein Spiel nicht auf dem Rasen beginnen. Aber man muss auch nicht immer alles erklären. Ich könnte für jeden Einzelnen eine Rede vorbereiten, warum er nicht zur Startelf gehört. Das würde vielleicht gut herauskommen. Ich wäre dann aber gespannt, was beim zweiten Mal herauskommt. Und beim dritten Mal bist du erledigt. Man muss auch aufpassen, dass man nicht in die Schublade des «hier sind die Fussballer, dort sind die Anti-Fussballer» verfällt.

Sie haben als Trainer ab und zu gegen den FC Basel gespielt – wo haben die Basler ihre Schwächen?
Natürlich habe ich einzelne Stärken oder Schwächen ausgemacht. Aber wichtig ist etwas anderes: Als Trainer des FC Thun habe ich auch vor einem Spiel gegen Basel über mein Team gesprochen. Wer sich gegen Basel versteckt, bekommt irgendwann ein Tor. Und dann plötzlich umstellen? Das ist grausam schwer. Also verlangte ich Mut, dass wir dagegenhalten, dass wir versuchen, etwas zu kreieren, dass wir den Ball haben wollen.

Das werden Sie beim FCB kaum anders handhaben – über sich und die eigenen Stärken nachzudenken.
Das ist doch zwangsläufig so! Ansonsten redet man nur den Gegner stark – und könnte gleich in der Kabine bleiben. Meine Güte, ich habe in meiner Karriere Sitzungen erlebt, da wurde unmittelbar vor dem Spiel eine Viertelstunde über den Gegner gesprochen, und das Schlusswort war: Okay, Jungs, geht raus! Da hörst du nur immer, was der Gegner alles grossartig macht, schleichst wie ein geprügelter Hund auf den Platz und denkst: Jesses, jetzt muss ich noch spielen, was machen wir eigentlich?

Gibt es Trainer, die Sie geprägt haben?
Lucien Favre war FCZ-Trainer, als ich die U21 hatte. Favre hat mich mit seiner Denkweise, wie er Fussball spielen lassen möchte, ganz sicher geprägt und geformt. Vielleicht ist das nicht mal bewusst geschehen. Als Assistenztrainer habe ich mit Bernard Challandes gearbeitet. Was er teilweise für Teamsitzungen aus dem Hut zauberte, das war ganz grosses Kino! Challandes brachte es fertig, dass sogar ich wieder dachte: Jetzt bin ich giftig, jetzt bin ich heiss! Ich bin bereit, jetzt will ich auf den Platz!

Was Sie von vielen Trainern unterscheidet: Man hört Sie nie jammern. Sie können mit Thun in der 90. Minute das Derby gegen YB verlieren, weil Hoarau ein Kopftor schiesst und dabei seine Ellbogen sehr weit oben, ja fast im Gesicht Ihres Verteidigers hat – und was sagt Urs Fischer? «Beeindruckend, der Typ ist ein Kraftpaket» …
Das heisst ja nicht, dass ich mich nicht aufgeregt habe … Aber wenns passiert ist, dann kannst du es nicht mehr ändern. Da habe ich sicher dazugelernt. Als Spieler, Jesses Maria, da hätten Sie mich einfangen müssen vor Wut. Als Trainer bin ich jetzt auf der anderen Seite. Auch wenn Emotionen da sind, ich muss sie bündeln, nur so kann ich der Mannschaft helfen.

Hilft da Ihre Erfahrung als Spieler?
Ich denke schon. Ich hatte als Spieler Trainer, die schrien pausenlos aufs Feld! Die Hälfte versteht eh niemand, zudem macht das einen ständig nervös.

Sie stehen vor einigen Herausforderungen beim FCB. Die wohl grösste heisst: Wie kann Basel den Rücktritt von Marco Streller verkraften?
Lassen wir es erst einmal geschehen. Am Montag geht das Training los. Jetzt starten wir einmal. Marco Streller eins zu eins ersetzen, das geht nicht. Wir können ihn halt nicht klonen, noch nicht, vielleicht geht das ja irgendwann. Nein, schliesslich sollen die Spieler auch in Erinnerung bleiben, wie sie einmal waren. Klar ist: Irgendwann muss jeder ersetzt werden. Es dauert manchmal einfach länger. Ein FCB ohne Streller, das wird uns fordern. Aber es ist möglich. Wenn jeder in der Mannschaft mithilft.

Zum Schluss eine etwas andere Frage: Sie heissen nicht nur Fischer, Sie sind auch begeisterter Fischer. In der Szene herrscht Aufregung, weil es Vorstösse gibt, die das Fischen erst ab 16 Jahren erlauben wollen, weil es zu brutal sei. Was halten Sie davon?
Das habe ich gehört, aber das ist nun ein politisches Thema …

… und das bedeutet?
Ich habe mal gelernt, dass sich ein Fussballtrainer nicht zu politischen Dingen äussern sollte. Damit bin ich ganz gut gefahren bisher.

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