Sprechen Sie Latein?
Veroljub Salatic: Nicht gross.

Es gibt dieses Sprichwort: «In vino veritas»?
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Es bedeutet: Im Wein liegt die Wahrheit. Bei GC muss es heissen: «In Vero veritas». GC ist so gut, wie sein Captain Salatic spielt.
Gut möglich. Ich habe schon von einigen Seiten gehört, dass ich bisweilen meine Mitspieler stärker mache. Solch ein Lob schmeichelt mir natürlich. Ich will, dass in jedem Spiel ein Top-Vero auf dem Platz steht. Leider gelingt mir das nicht immer.

Wieso tut sich GC schwer, über sich hinauszuwachsen, wenn Sie einen schwächeren Tag haben oder fehlen?
Es ist schwierig, wenn der Kopf der Mannschaft fehlt. Aber GC ist auch ohne mich stark genug, um zu gewinnen.

Der Salatic, der GC im 2011 Richtung Zypern verliess und der Salatic, der ein Jahr später zu GC zurückgekehrt ist, sind zwei unterschiedliche Fussballer. Was passierte mit Ihnen auf Zypern?
Es ist doch logisch, dass man sich weiterentwickelt. Deshalb kann man den Salatic vor dem Zypern-Jahr nicht mit jenem von jetzt vergleichen. Ich wurde Vater, durfte in einem sehr guten Verein spielen. Auch wenn Omonia bei uns keinen klangvollen Namen hat: Ich weiss nicht, wie viele Schweizer damals bei Omonia untergekommen wären. Im Team waren viele international erfahrene Spieler.

Viele dachten, der Salatic fröne auf Zypern dem Dolce far niente.
Keine Frage: Die zypriotische Liga hat nicht das Niveau der Bundesliga. Aber wenn man zu einem guten Verein in Griechenland oder Zypern gehen kann, ist das nicht einfach nichts. Ausserdem war es kein einfacher Schritt für mich.

Wieso?
Ich war dort, um mir erst einmal alles anzuschauen. Obwohl mein erster Eindruck gut war, wurde ich just zu jenem Zeitpunkt krank, als ich die medizinischen Tests hätte absolvieren müssen. Denn irgendetwas in meinem Unterbewusstsein wehrte sich wohl gegen den Wechsel nach Zypern. Als es mir aber wieder besser ging, habe ich die medizinischen Tests doch noch gemacht.

Hatten Sie Angst vor dem Wechsel?
Angst nicht, aber Zweifel. Und irgendwie auch Hemmungen. Heute können wir über die Geschichte lachen. Und ich bin froh, dass ich das Wagnis einging. Ich wäre auch gerne länger geblieben als nur ein Jahr. Doch der Klub musste aus finanziellen Gründen seine besten und teuersten Spieler von der Lohnliste weg bekommen.

Hätten Sie früher ins Ausland wechseln sollen? Dann bei GC waren Sie vor dem Transfer zu Omonia Nikosia so etwas wie der ewige Lehrling.
Das mit dem Lehrling ist nicht ganz falsch. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber es lag nicht allein an mir, dass es mit einem Wechsel ins Ausland nicht früher klappte. Ich hatte immer wieder Angebote. Zuerst von AEK Athen, danach kam Mönchengladbach. Ich war schon dort, um mir das Stadion anzuschauen. Das Gleiche später bei Hertha Berlin. Zum Abschluss kam es aber nie. Das waren alles auch Rückschläge für mich. Omonia Nikosia bemühte sich wirklich stark um mich. Trotzdem beschlichen mich Zweifel. Denn es ist eben doch «nur» Zypern.

Mit Ihrem strategischen Talent, Ihrem Habitus, Ihrer Frisur und Ihrer unaufgeregten Art Fussball zu spielen erinnern Sie stark an Basel-Trainer Murat Yakin zu seiner Zeit als Spieler. Ist das Zufall?
Das ist Zufall. Obwohl ich schon als 19-Jähriger mit Yakin verglichen wurde. Das ehrt mich. Denn Yakin hat eine grosse Spielerkarriere hinter sich.

Yakin sagt, Sie könnten auch mit 28 noch den Sprung in eine grosse Liga Europas schaffen.
Schön. Denn der Mann ist ein guter Trainer und versteht viel von Fussball. Ich habe aber einen langfristigen Vertrag bei GC (bis 2017; die Red.) und fühle mich pudelwohl. Trotzdem: Sollte ein Angebot aus dem Ausland kommen, würde ich nicht von vornherein Nein sagen.

Sieht man Sie heute spielen, ist es schwer nachvollziehbar, dass Sie weder in Serbien noch in der Schweiz ein Thema für die Nationalmannschaft sind. Ist in dieser Hinsicht irgendwann einmal etwas falsch gelaufen?
Dafür bin ich der falsche Ansprechpartner. Bei Köbi Kuhn klappte es nie, bei Ottmar Hitzfeld auch nicht. Man müsste diese beiden Herren fragen.

Und in Serbien?
In jungen Jahren lehnte ich zweimal ein Aufgebot ab. Seither bekam ich nie mehr ein Signal aus Serbien.

Fühlen Sie sich eher als Serbe oder als Schweizer?
Es lebt ein serbischer Vero und ein Schweizer Vero in mir. Mit meinen Kindern spreche ich Serbisch, mit der Frau, die in der Schweiz geboren wurde, Schweizerdeutsch. Ich bin mit fünf in die Schweiz gekommen. Es wäre falsch zu sagen, ich sei hundertprozentig Serbe.

Als Fussballer zeichnet Sie das Organisationstalent eines Schweizers und die Technik eines Serben aus.
Ja, das kann man so sehen.

Wie hat sich das Image der Secondos gewandelt?
Passiert etwas Schlechtes, geraten Balkaner immer noch unter Generalverdacht. Aber mit den vielen Balkanern im Schweizer Nationalteam hat niemand Probleme. Es gibt überall schwarze Schafe.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass dank den Shaqiris, Xhakas oder Ihnen die Akzeptanz gegenüber den Balkanern gestiegen ist?
Es geht bei uns eben um Fussball, nicht um Politik, was es einfacher macht, akzeptiert zu werden. Seit einigen Jahren scheint die Nationalität im Schweizer Fussball zweitrangig zu sein, was ich doch sehr begrüsse.

Wie war es für Sie, als Sie mit fünf in die Schweiz gekommen sind?
Ich habe kaum noch Erinnerungen an meine erste Zeit in der Schweiz. Soweit ich weiss, habe ich mich sehr schnell integriert gefühlt.

Wie wichtig für den Integrationsprozess war Ihr drei Jahre älterer Bruder Dragoljub?
Sehr wichtig. Durch ihn kam ich zum Fussball. Weil ich so viel abschauen konnte, profitierte ich enorm von ihm. Ich sehe es bei meinen Kindern. Mateja und Anastasjia sind nur gut ein Jahr auseinander. Aber Anastasjia ist viel weiter als es Mateja in ihrem Alter war.

Teilten die Eltern Ihre Leidenschaft für den Fussball?
Nur bedingt. Ich kassierte häufig einen Zusammenschiss, wenn ich erst bei Dunkelheit nach Hause kam, weil wir nach der Schule noch Fussball spielten, statt die Hausaufgaben zu machen. Sie waren nicht partout gegen Fussball. Aber für sie hatte die Schule erste Priorität. Ausserdem hatten sie überhaupt keine Freude, wenn sie mir alle drei Wochen neue Schuhe kaufen mussten, weil sie vom Kicken durchgewetzt waren.

Die Rivalität mit Basel hat sich in den letzten zwei Jahren neu entflammt. Schauen Sie manchmal zurück und denken: «Wow, seit ich wieder hier bin, sind wir mit Basel auf Augenhöhe?»
Sind wir wirklich auf Augenhöhe? Der FC Basel als Verein ist mächtig. Mächtiger als wir, gerade was Stadion, Fans und Geld angeht. Aber was die erste Mannschaft angeht, sind wir seit fast zwei Jahren wieder einigermassen dran.

Braucht der Verein eine Initialzündung, um näher an Basel heranzurücken? Eine mit Millionen-Einnahmen aus der Champions League zum Beispiel?
Klar, ein Meistertitel bringt das nötige Kleingeld dank der Champions League. Vor zwei Jahren, als wir den Erfolgsweg einschlugen, wusste noch niemand, wohin er führt. Nun ein Meistertitel – das wäre schön. Es sind noch sechs Spiele, wir haben vier Punkte Rückstand, also ist das Direktduell ein Final. Für uns, aber auch für Basel. Der FC Basel hat schon zwei Finals verloren diese Saison, warten wir ab, was im dritten passiert (lacht).

Was macht GC im Titelkampf dieser Saison anders als vor einem Jahr?
Die Mannschaft ist reifer geworden. Es war eine Schnupperlehre. In gewissen Situationen verhalten wir uns anders. Wir konnten ja nicht sagen, wir wollen unbedingt Meister werden, dafür hatten wir den Kader nicht. Nun profitieren wir davon, dass wir alle den Titelkampf in der letzten Saison schon einmal erlebten. Das hilft, um Herausforderungen wie in Lausanne zu bestehen.

Eigentlich dachten nach den Abgängen von Zuber, Hajrovic und Vilotic alle, GC werde mehr Mühe haben. Überrascht es Sie, dass GC erneut oben dabei ist?
Sie sagten es ja vorhin: Wenn Salatic gut spielt, läuft es (lacht).

Sie erwähnten die Macht des FCB. Diese ist aber nicht mehr so gross, um GC-Spieler einfach so zu verpflichten. Dem FCB gelang es weder Sie zu holen noch Roman Bürki.
Transfers sind immer eine Preisfrage. Klar wäre es einfach gewesen für GC, Salatic für fünf Millionen und Bürki für fünf Millionen zu verkaufen. Man hätte das Geld einsacken können, aber der Preis dafür wäre der Verlust des Captains und des Vize-Captains gewesen. Der Grasshopper-Club würde auch ohne Salatic und Bürki weiterleben – aber es wäre nicht dasselbe (lacht).

Wie haben Sie die Absage von Bürki an Basel empfunden?
Es war ein grosses Zeichen an unsere Mannschaft und unseren Verein. Vergessen wir nicht, Roman war schon hier, als der Verein vor zwei Jahren fast abstieg. Auch er hat einen gewaltigen Leistungs-sprung gemacht. Das weiss er zu schätzen. Es hilft sicher, dass ich ihn nun in Führungsfragen entlaste. Nur schon die Lausbuben Taulant Xhaka und Izet Hajrovic im Griff zu haben, ist eine herausfordernde Aufgabe (lacht).

Fehlen GC nun die Lausbuben? Einen oder zwei mag es leiden pro Team.
Ein bisschen. Natürlich tat es sehr weh, als Xhaka ging. Obwohl er nicht oft spielte, er tat uns sehr gut mit seiner Polyvalenz. Ich weiss nicht, warum es Basel nicht früher merkte, dass sie ihn integrieren sollten.

Wieder einmal gab es zum Ende der Hinrunde bei GC interne Störfeuer, Präsident André Dosé wurde entlassen. Kümmert das ein Team?
Zu viele Leute denken, die Spieler seien einfach dumm und die geht so etwas überhaupt nichts an. Spieler reden miteinander, darüber, was im Verein läuft. Und an keinem geht so eine Zeit spurlos vorbei. Klar gibt es ein paar Ausländer, die nicht verstehen, um was es geht. Aber die Deutschsprechenden, die interessiert das. Wir konnten die Störfeuer gut wegstecken.

Wie?
Als Hajrovic und Vilotic verkauft wurden, war das ein kleines Erdbeben. Aber wir standen zusammen, sagten: Wir sind nicht schwächer, nur weil zwei gehen. Es ist eine neue Herausforderung für andere. Das kann auch gut sein. Vielleicht wäre ja alles zu monoton geworden. Es war ähnlich wie bei Uli Forte. Auch als er ging, sagten viele: Oh nein, jetzt geht bald gar nichts mehr. Natürlich ist es einfach, wenn man wie der FC Basel 20 bis 25 Spieler hat und jeder, der ins kalte Wasser geworfen wird, funktioniert. Wir backen kleinere Brötchen bei GC. Aber unser Bäcker funktioniert auch.

Als Sie Caio zum ersten Mal bei GC sahen, waren Sie desillusioniert.
Ich hörte viel über ihn. Deutschland ist nicht weit weg. Er spielte bei Frankfurt zusammen mit Spycher und Schwegler. Skibbe war schon einmal sein Trainer. Und jeder kann dir eine Geschichte über ihn erzählen.

Zum Beispiel?
Dass er nicht ganz fit ankam, war nicht direkt eine Überraschung ... Es gab viele Gerüchte über sein Knie, aber der Trainer glaubte an ihn – und nun sind wir froh über seine Tore. In unserer Situation ist es so: Jeder Transfer muss funktionieren. Wir können nicht fünf Spieler holen und nur einer schlägt ein – dann wäre GC tot. Basel kann es sich leisten, drei Ausländer zu holen, die keine Leistung bringen. Aber wir können es uns nicht leisten, einem Delgado 1,5 Millionen zu zahlen und dann spielt er nie mehr so gut wie früher.

Eine Frage können wir nicht weglassen: War das 0:5 gegen Thun ein einmaliger Ausrutscher?
Ich hoffe es. Viel mehr als in diesem Spiel kann nicht mehr gegen uns laufen.

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