Nach dem 1:1 in Luzern haben Sie sich auf dem Weg in die Kabine fürchterlich aufgeregt. Dabei hat der FC Basel in diesem Spiel das letzte bisschen Hoffnung der Luzerner auf einen Meister-Coup zerstört.
Alex Frei: Auch ich realisiere beim Blick auf die Tabelle, dass wir vor dieser Runde 16 Punkte Vorsprung auf Luzern haben. Ich bin aber auch damit einverstanden, dass man erst Meister ist, wenn man nicht mehr eingeholt werden kann. Man kann davon ausgehen, dass der FC Basel in dieser Saison Schweizer Meister wird.

Eben, da könnten Sie nach einem 1:1 beim Quasi-Verfolger Luzern Freude und Zufriedenheit ausdrücken.
Ich bin einer, der immer nach dem Besseren gestrebt hat. Nicht nach dem Perfekten, das wäre zu hoch gegriffen. In Luzern sind wir in den ersten 20 Minuten nach der Pause unter die Räder gekommen. Wir haben keine Lösung gefunden. Und das nicht aus taktischen Gründen, sondern weil wir mit der 1:0-Führung genügsam geworden sind. Es darf nicht sein, dass wir nach Luzern reisen und denken: Wenn wir verlieren, haben wir immer noch 14 Punkte Vorsprung. Das regt mich auf. Mich betrifft es ja nicht mehr gross. Aber es betrifft die jüngeren Spieler, die im Ausland eine grosse Karriere machen wollen. Ihnen will ich vermitteln, dass Genügsamkeit keinen Platz haben darf.

Wie viel Kalkül steckt also hinter solchen Aktionen?
Ich habe mich als Profi nie inszeniert. Ich habe mich auch nie verbogen und wollte auch nie nur das sagen, was man gerne hört.

Stand Ihnen dieser Ehrgeiz, der in Luzern zum Ausdruck gekommen ist, schon mal im Weg?
Ein paar Mal wäre weniger Ehrgeiz wohl mehr gewesen. Aber wenn ich zurückblicke, komme ich zum Schluss, dass der Ehrgeiz das tragende Element meiner Karriere war.

Wo wäre weniger Ehrgeiz mehr gewesen?
Wahrscheinlich habe ich in gewissen Interviews zu viel von meinem Ehrgeiz nach aussen getragen.

Wir behaupten, dass Sie auch auf dem Platz schon mal über ihren Ehrgeiz gestolpert sind. Insbesondere in der letzten Phase Ihrer Nati-Karriere, als Sie gleichzeitig sowohl die Rolle des Skorers wie des Vorbereiters und des Spielmachers ausfüllen wollten.
Gerade in der letzten Phase meiner Nati-Karriere habe ich mich zu sehr unter Druck gesetzt. Mit dem Nati-Rücktritt ist viel Druck von mir abgefallen. Ich bin seither ausgeglichener.

Beim FCB ist Ihre Rolle als Skorer relativ klar definiert. Trotzdem attestieren wir Ihnen grosse Spielmacher-Qualitäten. Wann sehen wir Sie auf dieser Position?
Oh, welch ein Kompliment. Zusammen mit Marco Streller, der eher der Stossstürmer ist, funktioniert es hervorragend. Das beweisen die Zahlen. Wenn Cabral wie in Thun nach 26 Minuten eine rote Karte kassiert, opfern neun von zehn Trainern einen Stürmer für einen Mittelfeldspieler. Aber weil Heiko Vogel weiss, dass er mich ins Mittelfeld zurückziehen kann, braucht er nicht schon früh zu wechseln. Aber ich weiss, was Sie ansprechen wollen.

Was?
Ich will jedenfalls mit 35, wenn mir vielleicht das Tempo fehlt, nicht als Innenverteidiger enden und so meine Karriere künstlich verlängern. Das entspricht nicht meinem Naturell. Wenn ich als Stürmer stets einen Schritt zu spät komme, werde ich bestimmt realisieren, dass der Moment gekommen ist, um die Karriere zu beenden.

Im Moment ist das noch nicht der Fall.
Nein, und ich hoffe, dass es in den nächsten zwei, drei Jahren nicht der Fall sein wird.

Planen Sie so weit voraus?
Ich war fast zwei Jahre nicht mehr verletzt. Und ich spiele jetzt cleverer als mit 22. Deshalb sehe ich keine Notwendigkeit, meine Physis zu hinterfragen.

Also wird bald die Vertragsverlängerung kommuniziert?
Nein. Mein Vertrag läuft noch bis Sommer 2013. Ich bin bei jedem Verein immer im Guten gekommen und im Guten gegangen. Ich sehe also keine Gefahren, dass wir uns nicht einig werden.

Gab es schon Gespräche?
Nein, wir haben ja noch 14 Monate Zeit.

Können Sie sich ein fussballerisches Abenteuer im arabischen Raum vorstellen?
Im Normalfall werde ich beim FCB meine Karriere beenden. Das ist auch die Idee des Klubs. Aber im Fussball kann es zu unerwarteten und schnellen Veränderungen kommen. Was, wenn wir einen neuen Trainer bekommen und dieser das Gefühl hat, ich sei zu alt? In einem solchen Fall würde ich nicht sechs Monate auf der Bank sitzend abkassieren. Das bin nicht ich. Was ich aber Bernhard Heusler (FCB-Präsident; die Red.) schon mitgeteilt habe, ist, dass mich die New York Red Bulls reizen würden. Wegen der Stadt und der Sprache. Der Reiz, im arabischen Raum zu spielen, beschränkt sich nur auf das Finanzielle. Aber wie gesagt: Im Normalfall beende ich meine Karriere beim FCB.

Sie wollen Vorbild für die jungen Spieler sein. Macht es Sie stolz, wenn ein junger Teamkollege wie Xherdan Shaqiri zu Bayern München wechseln kann?
Ich weiss nicht, ob ich ihm auf dem Weg zu den Bayern geholfen habe. Es geht auch nicht darum, ob es mich stolz macht. Aber der Verein kann stolz sein, dass man aus der Schweiz zu einem europäischen Top-Klub wechseln kann. Was ich Shaq auf den Weg gebe: Er soll sich bewusst sein, dass das Ziel mit dem Wechsel allein nicht erreicht ist. Das kann auch nicht der Anspruch sein. Dafür hat er zu viel Talent. Nein, er muss wissen, was ihn dort erwartet. In München herrschen 330 Tage im Jahr absoluter Rummel. Da bist du der gläserne Profi. Und dafür muss er parat sein.

Aus der Schweiz zu Bayern wechseln kann man nur als Spieler des FC Basel.
Es gab auch einen, der hat das von Aarau aus geschafft – Slawomir Wojciechowski (1999 von Aarau nach München; d. Red.). Für mich ist es eine Frage der Qualität. Aber man kann vom FC Basel sagen, dass er in den letzten Jahren vieles richtig gemacht hat. Das darf man auch als Aussenstehender so sehen, ohne den Verein über den grünen Klee zu loben.

Was meinen Sie?
Man darf nicht vergessen, dass wir lahm in die Saison gestartet sind, mit neun Punkten aus sieben Spielen. Dann haben wir einen Trainer verloren, der durch seinen Assistenten ersetzt worden ist, ohne zu wissen, ob Heiko Vogel längere Zeit bleiben darf. Unter diesen Umständen ist es keineswegs einfach, solche Erfolge zu schaffen. Es war eine anstrengende, turbulente Saison, und man darf heute sagen, dass wir Grossartiges geleistet haben.

Was ist denn das Rezept des FC Basel, trotz einem Trainerwechsel und ständigen Transfergerüchten erfolgreich zu sein?
Ich will etwas vorausschicken: Die nächste Saison wird die schwierigste aller Zeiten für den FC Basel.

Wieso?
Im Sommer gibt es einen grossen Umbruch. Das sagt mir mein Gefühl.

Trotzdem: Was ist das Erfolgsrezept des FC Basel?
Es gibt hier immer einen Plan A und einen Plan B, alle Szenarien werden in Betracht gezogen. In der Juniorenabteilung leisten die Trainer sehr gute Arbeit, was in der ersten Mannschaft zum Tragen kommt. Das ist nicht das Resultat der letzten drei, vier Jahre, sondern einer langjährigen Aufbauarbeit. Selbstverständlich mit der Unterstützung von Gigi Oeri, aber auch von allen anderen Beteiligten. Als ich 1995 nach Basel kam, sass man zwar in einem wunderschönen alten Stadion, aber auf Holzbänken. Links und rechts wuchs der Schimmel, nur jede dritte Dusche hatte warmes Wasser. Das darf man nicht vergessen. Es geht länger, bis man ganz oben ist, dafür umso schneller, bis man fällt.

Die Führungspersonen wie Bernhard Heusler oder Georg Heitz haben keine Vergangenheit als Fussballer. Wie stark werden die erfahrenen Spieler wie Sie, Marco Streller oder Beni Huggel in Entscheidungsprozesse einbezogen, gerade jetzt vor dem bevorstehenden Umbruch?
Es ist sicherlich von Vorteil, aus dem Fussball zu kommen, jedoch kann man auch ohne 50 Länderspiele auf dem Buckel ein guter Präsident oder ein guter Sportchef sein. Es ist so, dass ich, Marco und Beni vor gewissen Entscheidungen beigezogen werden. Hier zeigt sich, dass keine Eitelkeiten vorhanden sind, dass unsere Meinung wichtig ist. Ich hatte in Dortmund mal vier Trainer in einer Saison. Also kann ich beurteilen, auf was es ankommt. Wir betreiben aber keine Politik, und entscheiden tun immer noch die anderen.

Bald werden Sie Vater. Waren Sie schon in einem Geburtsvorbereitungskurs?
Noch nicht. Wir kaufen fleissig Sachen ein. Das macht grosse Freude. Mein Vorteil ist, dass ich mit Babys umgehen kann. Mein Bruder kam auf die Welt, als ich 8, meine Schwester, als ich 16 war. Ich konnte meiner Mutter über die Schultern schauen und auch selber Hand anlegen. Jetzt bin ich also noch einen Schritt weiter als meine Frau.

Sie können Windeln wechseln?
Selbstverständlich, ist doch ganz einfach. Baden, pudern, das kann ich alles. Ich brauche keinen Vorbereitungskurs. Wenn meine Frau es möchte, dann gehe ich gerne mit.

In Ihrem Kopf passiert aber schon einiges, so kurz vor der Geburt?
Im Team nehmen mich alle hoch, dass es nichts mehr mit dem Mittagsschläfchen wird und ich mit Tränensäcken in der Kabine erscheinen werde. Wenn mich unser Baby in der Nacht wach hält, so what? Kein Problem.

Väter sagen oft, ein Kind mache gelassener. Wird es Sie auch verändern?
Ich kann das logischerweise noch nicht beurteilen. Ich glaube, dass Vaterwerden alle sportlichen Hochgefühle in den Schatten stellt.

Es relativiert vieles im Leben.
Auf jeden Fall. So wie es auch Schicksalsschläge in der Familie tun. Da ist es dann unwichtig, ob du ein Tor erzielt hast oder nicht.

Was werden Sie für ein Vater sein?
Gebt mir erst einmal die Chance, Vater zu werden und in die Rolle hineinzuwachsen. Eine Endabrechnung kann man eh erst machen, wenn das Kind von zu Hause auszieht. Was ich will, ist, meinen Kindern traditionelle Werte mitzugeben. So, wie ich das gelernt habe. Zum Beispiel, dass man Weihnachtskärtchen schreibt. Dass man heutzutage Weihnachtsgrüsse per SMS verschickt, finde ich eine Katastrophe.

Wann ist es so weit?
Im Juni.

Dann verpassen Sie das eine oder andere EM-Spiel.
Ich schaue so oder so nicht alle Spiele, suche mir die aus, die mich interessieren.

Was wird Sie an der EM interessieren?
Sicher alle Spiele der Deutschen und der Franzosen, weil ich in diesen Ländern gespielt habe. Auch Spanien, wegen des Spektakels. Und ich suche mir einen Aussenseiter aus, der hoffentlich weit kommt.

Eine Ersatz-Schweiz?
Nicht deswegen. Ich finde es faszinierend, wenn Aussenseiter auftrumpfen. So wie die Russen 2008 in der Schweiz, die das Publikum begeistert haben.

Sie sagten, Sie müssen rechtzeitig im Training erscheinen. Sonst würde es eine Busse geben. Nun haben wir doch überzogen.
Kein Problem. Ich bin der Kassier.

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