Von Marcel Hauck aus Zielona Gora

Es ist der 20. September 1998. In Lausanne sitzt ein neunjähriges Mädchen mit seiner Schwester vor dem Fernseher. Die Augen sind auf den Bildschirm fixiert, der von der Mama liebevoll zubereitete Croque Monsieur längst kalt – völlig unbeachtet. Das Mädchen heisst Timea Bacsinszky – und im Fernsehen spielt Martina Hingis an der Seite von Patty Schnyder das entscheidende Doppel im letztlich verlorenen FedcupFinal gegen Spanien.

17 Jahre sind seither vergangen, doch erst gestern streifte sich Hingis wieder die Schweizer Nationalfarben über. Angesichts der vielen Ausfälle wurde die 34-jährige Ostschweizerin sogar für das Einzel zur valablen Option. Und nicht zuletzt zum Publikumsmagneten. Über 4000 Zuschauer kamen in die Freizeit- und Sporthalle von Zielona Gora im Westen Polens und bereiteten Hingis einen warmen Empfang. Trotz einer 4:6, 0:6-Niederlage gegen Agnieszka Radwanska, die Weltnummer 9, enttäuschte sie nicht. Natürlich war die Kulisse kein Vergleich zum Fedcup-Final 1998 vor 12 000 Fans in der Genfer Palexpo-Halle oder zu einem US-Open-Final vor doppelt so vielen Schaulustigen. Dennoch ist Hingis nach einer kleineren Odyssee wieder auf der grossen Bühne angekommen. Sie sei zwar doppelt so alt wie bei ihrem letzten Fedcup-Einsatz, aber die Emotionen seien durchaus vergleichbar. «Es ist schön, mit dem Team auf den Platz zu kommen und die Schweizer Hymne zu hören», sagte sie gestern. «Die Schmetterlinge im Bauch sind immer noch da.»

Oder besser gesagt wieder. Im Februar 2003 war Hingis – im Alter von 22 Jahren, nach fünf Grand-Slam-Titeln im Einzel und 209 Wochen als Nummer 1 – wegen chronischer Schmerzen im Fuss ein erstes Mal zurückgetreten. 2006 kehrte sie zurück, schaffte es wieder bis auf Platz 7 der Weltrangliste, ehe sie in Wimbledon positiv auf Kokain getestet wurde und Ende 2007 erneut das Racket an die Wand hängte. Hingis beteuerte stets ihre Unschuld, wurde aber dennoch für zwei Jahre gesperrt und damit international in der Tennisszene zur unerwünschten Person.

Allerdings nicht für lange. Weder beim Springreiten noch als Teilnehmerin der britischen Version der Tanzshow «Dancing with the stars» wurde sie wirklich glücklich. Das Tennis liess Hingis nie los. Nach zwei kurzen Engagements als Coach von Anastasia Pawljutschenkowa und Sabine Lisicki kehrte sie vor gut einem Jahr im Doppel auf die Courts zurück. Mit Flavia Pennetta erreichte sie den Final des US Open, doch sie wollte mehr. Seit März spielt sie an der Seite der Inderin Sania Mirza.

«Der Entscheid zur Trennung von Pennetta war schwierig», gibt Hingis zu. «Aber ich kann es mir nicht leisten, Zeit zu verlieren. Ich brauchte jemanden, der sich ebenfalls voll aufs Doppel konzentriert.» Die beiden Spielerinnen sind nach drei Turnieren noch ungeschlagen und Favoritinnen auf die Siege bei den restlichen Grand-Slam-Turnieren des Jahres. «Das Doppel ist Fun, aber ich habe auch meinen Stolz. Ich will gewinnen», betont die im Kanton Schwyz wohnhafte Rheintalerin.

Zu den Zielen gehören die Olympischen Spiele 2016 in Rio. Hingis hat sowohl Roger Federer als auch Stan Wawrinka angefragt, ob sie interessiert wären, dort Mixed mit ihr zu spielen. Die Rückkehr in den Fedcup war zwar Voraussetzung für die Teilnahme in Brasilien, aber ihr Auftreten in Zielona Gora macht klar, dass der Teamwettbewerb, den Hingis zuvor während Jahren gemieden hatte, weit mehr ist als eine Pflichterfüllung. Vom ersten Moment an, als sie am Donnerstag in Polen zur Equipe stiess, setzte sich Hingis mit ganzem Herzen für das gemeinsame Ziel – den erstmaligen Aufstieg in die höchste Weltgruppe seit 2004 – ein.

Hingis zeigte gegen Radwanska, dass sie ihr feines Händchen und die grandiose Spielübersicht nicht verloren hat. Im ersten Satz stand sie sogar nahe an einer Sensation. Heinz Günthardt betonte denn auch: «Martina war unsere beste Option auf den Sieg.» Der Captain und ehemalige Erfolgscoach von Steffi Graf zeigte sich beeindruckt, von der Einstellung der «Swiss Miss». «Sie macht das für das Team, nicht um irgendjemandem etwas zu beweisen», erklärte er. «Sie ist ein echter Champion, der dieses Spiel einfach liebt. Wenn das Team findet, sie müsste dreimal spielen, dann macht sie das.»

Das wird sie voraussichtlich müssen. Dank Timea Bacsinszkys souveränem 6:2, 6:1-Sieg gegen Urszula Radwanska ist heute beim Stand von 1:1 alles offen. Um 12 Uhr (live auf TV 24) spielt die Waadtländerin gegen Agnieszka Radwanska. Nach 16 Siegen in den letzten 17 Spielen ist die Weltnummer 22 alles andere als chancenlos.

Und im vierten Einzel? Günthardt sagte am Samstag, der Entscheid sei gefallen, aber er verrate ihn natürlich nicht. Es dürfte Martina Hingis sein, die gegen Agnieszkas Schwester Urszula antritt – und danach auch noch im Doppel. Sie spiele nicht mehr auf der Einzeltour, weil es physisch sehr hart wäre, bei Turnieren regelmässig fünf oder sechs Tage hintereinander spielen zu müssen, erklärte sie. Für den Fedcup würde sie es aber riskieren. «Nachher habe ich drei Tage frei», sagte sie. «Es macht nichts, wenn ich dann ins Spital eingeliefert würde.»

Die Hoffnung auf den Aufstieg und vielleicht dereinst einen weiteren Fedcup-Final lebt – nicht zuletzt dank Hingis. Diesmal wäre Bacsinszky nicht mehr vor dem Fernseher, sondern mittendrin. «Ich hätte es nicht für möglich gehalten, einmal mit Martina zu spielen. Es ist ein Traum», sagte sie.

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