Die Strassen sind vollgekleistert mit Plakaten. Die Politik prägt zwei Wochen vor den eidgenössischen Wahlen die Schweiz. Es sind wegweisende Zeiten. Nicht nur für die Schweiz – auch für Europa. Im Fokus: die Flüchtlingskrise. Es wird diskutiert und politisiert. Nur der Schweizer Sport schweigt.

Warum eigentlich? Warum verschwindet er von der Bildfläche, sobald es um Politik geht? Wo bleiben die Zeichen und Meinungen von Sportlern, die dank ihrer Popularität Leute in den Bann ziehen könnten, die sich sonst nicht so sehr für Politik interessieren? Die «Schweiz am Sonntag» hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Beginnen wir mit dem 6. September 1995. Es ist der Tag der wohl berühmtesten Protest-Aktion der jüngeren Schweizer Sportgeschichte. Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft entrollt bei der Nationalhymne vor dem Spiel in Schweden ein Banner mit der Aufschrift «Stop it Chirac!». Federführend ist Alain Sutter. Am Tag zuvor hatte Frankreichs Präsident Chirac eine Atombombe getestet. Die Protest-Aktion ging um die Welt.

Später verbot die Uefa politische Kundgebungen auf dem Fussballplatz. Begründung: Man soll den Fussball nicht für die Politik missbrauchen.

Ob so eine Protestaktion gut ist oder nicht, darüber kann man geteilter Meinung sein. Fakt aber ist, dass es in jüngster Zeit, gerade in der Schweiz, viele politische Vorlagen gab, die auch den Sport tangieren. Beispielsweise die Ausschaffungs-Initiative oder die 1:12-Initiative. Warum also äussern sich Sportler kaum dazu?

Wer sich bei Sportlern umhört, erhält hinter vorgehaltener Hand häufig diese Antwort: «Ich würde sehr gerne politisch gefärbte Interviews geben. Aber nur, falls alle Aussagen auch wirklich so gedruckt würden. Das wäre aber nicht zu vereinbaren für Sponsoren oder den Verein.»

FCB-Präsident Bernhard Heusler kennt das Dilemma. Er sagt: «Ich habe zwei Herzen in der Brust. Auf der einen Seite wollen wir Spieler, die mündig und politisch interessiert sind. Andererseits repräsentieren sie immer auch den FC Basel. Und weil die Meinung eines Einzelnen niemals deckungsgleich sein kann mit allen Personen, die für den FCB arbeiten oder sich ihm verbunden fühlen, sind politische Statements halt sehr heikel.»

In den Statuten des FCB ist festgehalten, dass der Fussballklub Basel neutral ist. Heusler sagt, er selbst werde immer wieder mit der Bitte um Stellungnahme in politischen Fragen konfrontiert. «Ich verzichte bewusst auf die Teilnahme an politischen Talk-Sendungen, weil ich meine Rolle als FCB-Präsident nicht missbrauchen will, um Politik zu machen.»

Vor zwei Jahren wurde der FC Basel während eines Champions-League-Heimspiels gegen Schalke Opfer einer Aktion von Greenpeace. Die Umweltaktivisten kletterten aufs Dach und enthüllten ein riesiges Banner. «Diese Aktion hat gezeigt, dass der Fussball eine übersteigerte Bedeutung geniesst», sagt Heusler. «Es gab einerseits Leute, die uns Komplizenschaft mit Greenpeace unterstellt haben. Andererseits aber auch solche, die uns Ignoranz gegenüber Umweltanliegen vorwarfen.»

Tapetenwechsel. Christof Kaufmann ist Leiter Marketing und Kommunikation bei Swiss Olympic. Er sagt: «Wir schreiben unseren Athleten nicht vor, was und wie sie kommunizieren sollen. Wir geben höchstens Empfehlungen ab oder liefern ein Positionspapier mit Hintergrundinformationen zum Land des Austragungsorts ab.» Kaufmann akzeptiert den Vorwurf, dass Swiss Olympic bisher politisch wenig aktiv war. «Schliesslich wollen wir uns in erster Linie auf die Sportförderung konzentrieren.» Gleichzeitig sagt er auch: «Wir wollen künftig politisch mehr Gewicht erzielen. Schliesslich vertreten wir als Dachverband des Schweizer Sports 1,6 Millionen Menschen. Aber auch da stellt sich die Frage: Wo ist der gemeinsame Nenner für die 1,6 Millionen Menschen?»

Eine berechtigte Frage. Wobei beispielsweise bei Fragen, die Menschenrechte an Austragungsorten von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften betreffen, ziemlicher Konsens herrschen dürfte. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck boykottierte deswegen die Spiele in Sotschi. Währenddessen war die Schweizer Regierung in Person von Ueli Maurer bei Russland-Präsident Putin zu Besuch.

Das war nicht immer so. Im Jahr 1956 boykottierte die Schweiz die Olympischen Spiele in Australien. Wie Holland und Spanien protestierte die Schweiz damals gegen den Einmarsch der Russen in Ungarn.

Wäre unter Umständen ein Boykott heute noch möglich? Kaufmann verneint. Und wirft ein: «Die Olympischen Spiele in Peking haben beispielsweise viel dazu beigetragen, dass sich China geöffnet hat.» Und er attestiert dem Internationalen Olympischen Komitee eine «unglaubliche Entwicklung. Heute wird im IOC vermehrt über Menschenrechte und Nachhaltigkeit diskutiert.»

Wie gross die Wirkung ist, sei dahingestellt. Immerhin sagt Kaufmann auch: «Sport und Politik zu trennen, kann heute kein Thema mehr sein.»

Zu merken ist dies im Schweizer Sport indes noch nicht. Kritische Geister, die über die Öffentlichkeit immer wieder wachrütteln würden, fehlen. Am ehesten äusserte sich in der Vergangenheit Lara Gut kritisch. Sie hätte durchaus das Potenzial zur politischen Stimme des Schweizer Sports zu werden. Vor den Spielen in Sotschi sagte sie: «Eigentlich ist es nicht richtig, in Länder zu gehen, wo man gegen Homosexuelle vorgeht, wo Menschenrechte nicht respektiert werden.» Das waren mutige, ehrliche Worte. Gleichzeitig hielt sie fest: «Es gibt Medaillen zu gewinnen, und das werde ich probieren. Es ist nicht Aufgabe der Athleten, Politik zu machen. Da wären Verbände und IOC gefordert.»

Warum versuchen Vereine oder Verbände nicht häufiger, Einfluss zu nehmen? Peter Zahner, CEO der ZSC Lions, sagt: «Vielleicht hat das mit dem Wesen der Schweizer zu tun. Die gelebte Neutralität schlägt sich in der Gesellschaftspolitik nieder.»

Und Zahner betont: «Wir als Verein äussern uns nur zu Themen, die uns direkt etwas angehen – beispielsweise die Stadion-Frage. Alles andere wäre unglaubwürdig. Und könnte uns unter Umständen zu Recht als Effekthascherei ausgelegt werden.» Deshalb, und obwohl vielen Leute bekannt ist, dass ZSC-Präsident Walter Frey der SVP angehört, betreten die Lions kein politisches Parkett.

Zahner ergänzt: «Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich Spieler nicht äussern zu gewissen Themen. Auch als Selbstschutz. Es gilt: Lieber nichts sagen und sich nicht angreifbar machen, anstatt mit einer Aussage Probleme zu kreieren. Denn wer Partei ergreift, macht sich automatisch Feinde.»

Zurück zum Fussball. Die nächste WM findet in Russland statt. Ein Politikum. Mit welchen Gefühlen sieht Peter Gilliéron, Präsident des Schweizerischen Fussballverbands, der WM entgegen? Und käme unter Umständen sogar ein Boykott infrage? «Ich gehe nach Russland, wie ich auch nach Brasilien gegangen bin. Wir nehmen an einem Wettbewerb teil, weil auch die übergeordneten Instanzen wie Uefa und Fifa an diesem Wettbewerb teilnehmen. Ein Boykott-Alleingang würde keinen Sinn machen und wäre wirkungslos. Und es wäre nicht richtig, den Spielern die Teilnahme zu verwehren.»

Alain Sutter hat mit seinem organisierten Protest vor 20 Jahren aufgerüttelt und Diskussionen ausgelöst. Würde er es wieder tun? Äussern sich Schweizer Sportler zu wenig zu politischen Fragen? Welchen Gefahren für Sportler hat der Wandel der Gesellschaft? Das alles würde die «Schweiz am Sonntag» gerne von Alain Sutter wissen. Doch Alain Sutter lehnt die Anfrage auf ein Gespräch ab. Gut möglich, dass auch er als «SRF-Fussballexperte» keine Leute vor den Kopf stossen mag.

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