In welcher anderen Hauptstadt der Welt wäre das möglich? In der U-Bahn sitzen Leute in voller Langlauf-Montur mit einem Paar Ski in der Hand. Weitere steigen zu, während der Besucher im Stadtzentrum den Zug verlässt – und gleich nochmals staunt: Auf dem Schlossplatz laufen die Vorbereitungen auf das 25-jährige Thronjubiläum des Königs zwei Tage später. Keine pompöse Party hat sich Harald V. von der Regierung gewünscht, sondern ein sportliches Winterfest vor seiner Residenz – mit Schlittelbahn und Loipe.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass den Norwegern die körperliche Betätigung im Freien im Blut liegt. Dass sie mit Ski an den Füssen geboren werden, wie ein Bonmot sagt. Und doch ist verblüffend, wie erfolgreich sich die norwegischen Wintersportler im internationalen Vergleich präsentieren. Bei den Olympischen Spielen ist die Nation im Medaillenspiegel regelmässig auf einer Spitzenposition zu finden – weit vor sozioökonomisch vergleichbaren Ländern wie der Schweiz oder Schweden.

In dieser Saison hat Norwegen den Skisport bislang geradezu dominiert – und disziplinenübergreifend mit Abstand am meisten Weltcupsiege verbucht. Die traditionell starken Langläufer haben sich in ihrer Domäne gleich blockweise an der Spitze festgesetzt. Während das Skisprung-Team vor allem in der Breite glänzt, sind es bei den Alpinen mit Aksel Lund Svindal, Kjetil Jansrud und Henrik Kristoffersen einzelne Athleten, die dafür umso überzeugender auftreten.

Die Suche nach dem Erfolgsgeheimnis der norwegischen Sportler führt zur Endstation der U-Bahn-Linie 6 im Norden Oslos, wo die Stadt nahtlos in den Wald übergeht. In einem unscheinbaren Gebäude zwischen dem See Sognsvann und den Anlagen der Sporthochschule befindet sich das nationale Spitzensportzentrum Olympiatoppen. Hier treffen sich die besten Athleten des Landes. Wenige Tage nach seinem Sieg bei der Tour de Ski absolviert Langläufer Martin Johnsrud Sundby gerade eine Trainingseinheit mit Rollski auf einem Laufband, auf dem sich unterschiedliche Loipenprofile simulieren lassen. Im Kraftraum nebenan arbeitet die rekonvaleszente Snowboarderin Silje Norendal an ihrem Comeback für die X-Games von Ende Monat, wo sie ihren Titel aus dem Vorjahr verteidigen will, praktisch Schulter an Schulter mit der Torhüterin des Fussball-Nationalteams, einem Olympiateilnehmer im Ringen und einer Reihe weiterer Sportler.

«Das Geheimnis des Erfolgs heisst harte Arbeit», sagt Tore Övrebö, der Chef von Olympiatoppen. In seinem Haus laufen die Fäden im norwegischen Leistungssport zusammen. Die Entstehung des Zentrums, das gleichzeitig als Spitzensportabteilung des nationalen Sportdachverbandes dient, geht auf die Mitte der 1980er-Jahre zurück, als die norwegischen Olympiateams wiederholt unter den Erwartungen geblieben waren. Im Sog der nahenden Winterspiele 1994 in Lillehammer entwickelte sich eine Dynamik, die sich in der Folge in einer markanten Steigerung bei der Anzahl gewonnener Medaillen niederschlug.

Die Philosophie von Olympiatoppen besteht darin, die Kräfte in der nationalen Sportszene zu bündeln. «Der Schlüsselfaktor ist der Austausch über die Sportarten hinweg», sagt Övrebö, als Ruderer einst selber Olympiateilnehmer. «Wir haben eine Leistungskultur entwickelt, in der wir Wissen und Erfahrungen teilen.» So arbeiten bei Olympiatoppen zahlreiche Fachspezialisten aus Gebieten wie Trainingslehre, Medizin, Psychologie oder Ernährung mit Topathleten und Trainern aus zahlreichen Sportarten zusammen.

«Wir sind ein kleines Land», sagt die frühere Handball-Nationalspielerin Else-Marthe Sörlie Lybekk, die für die Abteilung Leistung und damit Koordination der einzelnen Fachbereiche verantwortlich ist. «Das ist unser Nachteil – und zugleich unser Vorteil, weil es eine enge Zusammenarbeit erleichtert.» Weil das Land mit gut 5 Millionen Einwohnern aber flächenmässig doch ziemlich gross ist, hat Olympiatoppen mehrere regionale Ableger. Ihnen allen ist gemein, dass sie ganz auf die Praxis ausgerichtet sind. Die wissenschaftliche Forschung wird den Hochschulen – allen voran in Oslo und Trondheim – überlassen, mit denen ebenfalls eine enge Zusammenarbeit besteht. Dabei denken die Spitzensport-Strategen über die Grenzen des Sports hinaus, wie eine gemeinsames Projekt von Olympiatoppen mit Oper und Ballett zum Thema Leistungskultur zeigt.

Der norwegische Sport kann nicht nur auf eine grosse Akzeptanz in der Bevölkerung zählen, sondern scheint auch die heikle Balance zwischen Leistungssport und Breitensport zu finden. Steht die Leistungskultur im Spitzensport nicht im Widerspruch zum skandinavischen Ideal des egalitären Gesellschaftsmodells? «Das System ist grundsätzlich für alle offen», sagt Övrebö. «Das Ziel ist es, so viele Kinder wie möglich zu Bewegung zu animieren. Und wer ambitioniert ist, hat die Chance, an die Spitze zu kommen.» Gleichzeitig wird in den Vereinen und Verbänden darauf geachtet, junge Sportler auch schulisch und in der Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Bei Olympiatoppen richtet man zudem ein besonderes Augenmerk auf die Begleitung von Sportlerinnen. «Frauen zweifeln viel mehr an sich als Männer», sagt Lybekk.

In der Kantine kommen die Athleten aus unterschiedlichen Disziplinen miteinander ins Gespräch. Nicht nur, aber auch übers Training, wobei Ideen ausgetauscht werden. Im Olympiatoppen wird viel Wert auf ein abwechslungsreiches, sportartenübergreifendes Basistraining gelegt. Das bedeutet aber trotzdem nicht, dass jede Disziplin gleichermassen gefördert wird. Die Begehrlichkeiten einer Sportart wie Golf, die eine höhere globale Bedeutung geltend macht als beispielsweise Langlauf, weist Leistungssportchef Övrebö zurück: «Unser Budget ist beschränkt», sagt er. «Wenn wir Medaillen wollen, müssen wir deshalb auf jene Sportarten fokussieren, in denen wir bereits stark sind. Oder auf solche, wo wir gute Entwicklungschancen haben.»

Das Ungleichgewicht zwischen Sommer- und Winterspielen bei der Edelmetall-Ausbeute stellt für das norwegische System allerdings durchaus eine Herausforderung dar und sorgte im Nachgang der mit nur vier Medaillen unterdurchschnittlich erfolgreichen Sommerspiele 2012 in London für Diskussionen. Zu den Aushängeschildern bei den Sommersportarten gehören die Handballerinnen, die mit ihrem WM-Finalsieg vor Weihnachten im norwegischen Fernsehen mit 1,5 Millionen Zuschauern für eine Traumquote sorgten, oder das Ruderteam.

Die besten Ruderer fehlen an diesem Tag im Kraftraum. Sie sind gerade im Höhentrainingslager in Südtirol – am Langlaufen. Die Langläufer hingegen müssen einige skeptische Kommentare aus anderen Ländern zu ihren Leistungen über sich ergehen lassen. Ist eine derartige Dominanz ohne Doping zu erklären? Tore Övrebö verweist auf den riesigen Talentpool der in Norwegen äusserst populären Sportart – und neue Denkansätze im Nationalteam. «Die Topathleten haben in den letzten Jahren gemerkt, dass sie mehr und disziplinierter trainieren müssen, um konkurrenzfähig zu sein.» Dass es im norwegischen Sport überhaupt noch kaum Dopingfälle gegeben hat, ist für Övrebö kein Zufall. «Wer betrügt, verletzt kulturelle Werte, die in unserer Gesellschaft stark verankert sind.»

Gleichzeitig ist man sich in Norwegen bewusst, dass eine zu grosse Dominanz die Sportart international mittelfristig schwächen würde. Der nationale Skiverband hat deshalb in Zusammenarbeit mit dem Welt-Skiverband FIS ein Projekt lanciert, das Wissen zu teilen. So lud er in den letzten beiden Jahren Trainer aus anderen Verbänden zu Coaching-Seminaren ein – und übernahm erst noch sämtliche auf norwegischem Boden anfallenden Spesen.

Das Nervenzentrum des norwegischen Spitzensports platzt derweil aus allen Nähten. Im Olympiatoppen träumt man vom Ausbau zu einem grossen Spitzensport-Campus am Sognsvann. Gleich dahinter beginnt das endlose Loipennetz der Nordmarka in den Wäldern nördlich von Oslo. Auf Ski erweisen sich die Hügel weniger sanft, als bei der Anreise aus dem Flugzeug erschienen. Weil der Schnee auch hier spät gefallen ist, sind viele Langläufer unterwegs – die grosse Mehrheit traditionsgemäss in der klassischen Technik.

Ein paar Kilometer weiter westlich, am berühmten Holmenkollen, prangt ein grosses Schild. Mit den Worten «Willkommen zum grössten und besten Skifest der Welt» wird hier ganz unbescheiden auf den Anfang Februar bevorstehenden Höhepunkt im norwegischen Sportjahr mit Springen, Langlauf und Kombination hingewiesen. Wobei heuer mit den Olympischen Jugend-Winterspielen in Lillehammer und der Biathlon-WM am Holmenkollen gleich zwei weitere Highlights folgen.

Bei der Rückkehr zum Sognsvann ist es bereits dunkel. Im Schneepark neben der Sporthochschule übt sich eine Gruppe Kinder im Vorschulalter im Skilaufen und lässt einen erahnen, was in den grossen Langlaufzentren Norwegens am Wochenende los sein könnte. Auf dem Kunstrasenplatz nebenan sind mehrere Junioren-Fussballteams damit beschäftigt, sich bei rund zehn Minusgraden fürs Training aufzuwärmen. Dann ist es Zeit für die Rückkehr ins Stadtzentrum. Mit der U-Bahn, in voller Langlauf-Montur. Und mit einem Paar Ski in der Hand.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper