Von Bänz Friedli

Abertausende jubeln im Fahnenmeer auf dem Berner Bundesplatz, die Spieler des Meisters taumeln im gelb-schwarzen Konfettiregen. Eine Fata Morgana wars, vorigen Samstag, vermutlich dem Defekt einer Konfettikanone geschuldet: Das Rot fehlte, denn der Jubel galt dem Sensationsmeister des Schweizer Eishockeys, dem SC Bern, Klubfarben Gelb, Rot, Schwarz.

Regulären gelb-schwarzen Konfettiregen kennt der Berner Fan nur vom Fernsehen, wenn Borussia Dortmund feiert. Als die Fussballer der Young Boys zum letzten Mal Meister wurden, am 24. Mai 1986, gab es solch «nöimödiges» Zeugs noch nicht; 10 928 Tage ist es her. Schon fast wieder drei Jahre also, als diese Zeitung mich fragte, wie man sich als Fan einer Mannschaft fühle, die seit 10 000 Tagen auf den Titel warte, und die Antwort lautet unvermindert: «Beschissen, danke der Nachfrage.»

Denn heute gilt es einmal mehr, dem Seriensieger aus Basel zum neuerlichen Gewinn der Meisterschaft zu gratulieren. Ob er auch rechnerisch schon heute oder erst in ein paar Tagen feststeht, ist einerlei. Im Grunde hätten wir dem FC Basel bereits am 17. Juli 2015 zum Titel gratulieren können, einen Tag vor Beginn des Championnats. Denn es war klar, dass die Basler wieder alles richtig und die Berner wieder manches falsch machen würden.

Kann doch nicht so schwer sein!
Ein Beispiel genügt: In Bern gelang es der sportlichen Leitung nicht, den impulsiven, schwierigen, im Grunde aber schlicht liebesbedürftigen und nach Anerkennung lechzenden Wildfang Renato Steffen richtig einzusetzen. Seine unbändige Energie verpuffte in Krämpfen und Kämpfen, bis er in der Winterpause nach Basel wechselte. Und was geschah? Der Instinktspieler Steffen, dem man gewiss nicht vorwerfen kann, ein Intellektueller zu sein, blühte auf. Weil er offenbar bekam, was er braucht: die richtige Mischung aus Nestwärme und Auslauf, Vertrauen und straffer Führung. In Basel wurde aus dem Problem- über Nacht ein Nationalspieler. «Kann doch nicht so schwer sein!», denkt sich der YB-Anhänger und bestaunt vor dem TV perplex Steffens Sturmläufe. Warum gelang dem Basler Staff, was den Bernern missriet?

Schauen Sie sich diese Rangliste an, sieben Runden vor Schluss! Das Schockierende daran ist ihre Eindeutigkeit: Basel uneinholbar voraus, YB unbestritten Zweiter. Wie oft war das nun schon so? Hat man sich in Bern damit abgefunden, der sympathische Verlierer zu sein? «Rang zwöi isch ou suberi Büez», raunt Rock-Legende Kuno Lauener, und mir kommt die Galle hoch. Die Champions League wird neue Millionen in die Basler Kasse spülen, die Kluft zwischen Rot-Blau und dem Rest der Schweiz wächst an.

Nicht, dass in Basel alles reibungslos verliefe. Aber die können sich den Luxus leisten, den mehrmaligen Liga-Topskorer Shkelzen Gashi in die USA abzuschieben! Die haben den Irrtum um Zdravko Kuzmanovićs Rückkehr locker weggesteckt! «Wer so viel Kohle hat …», flüchtet sich der Berner Fan in Selbstgerechtigkeit. Doch die greift zu kurz. Denn YB ist beileibe kein Arme-Leute-Verein, der sich in der Loser-Pose suhlen könnte. Nur wird das viele Geld der nicht besonders Fussball-affinen Brüder Rihs halt nicht schlau genug eingesetzt.

Derweil die Basler zielsicher voranschreiten. Sie haben Matías Delgado, den wir für einen Oldtimer hielten, wieder flottgemacht; sie haben die Abgänge von Schär, Streller und Frei überwunden; sie liessen Luca Zuffi zum Nationalspieler reifen und holten mit Marc Janko einen Österreicher aus Australien – was belächelt wurde, sich aber als Transfercoup des Jahres erwies.

Mein Schicksal
Die Young Boys fanden in Adi Hütter den richtigen Coach erst, als die Meisterschaft bereits verloren war – Basel hatte mit der überraschenden Berufung Urs Fischers schon zum Saisonauftakt die goldrichtige Wahl getroffen. Zwar empfingen Basler «Fans» den Urzürcher mit dem monströsen Spruchband «Fischer, nie eine vo uns!!!» – doch schon nach Tagen hatten sie ihn in ihre Herzen geschlossen. Mit Renato Steffen wiederholte sich in der Winterpause Ähnliches. Denn die Basler Anhänger sind genauso blöd, wie wir Fussballfans es alle sind: Wer die eigenen Farben trägt, wird verehrt. In Bern waren das oft genug ehemalige Basler: Odermatt, Maissen, Küttel, Yakin. YB-Anhänger sind geübt darin, Spieler willkommen zu heissen, die fürs Basler Spiel nicht mehr schnell genug sind, in Bern aber noch allemal ausreichen.

In die Berner Zeiten von Karli Odermatt fielen meine ersten Matchbesuche im alten Wankdorf. YB wurde zur grossen Liebe meiner Jugend – neben BAP, der Kölner Rockband. Gemäss deren Sänger Wolfgang Niedecken gibt es drei Dinge im Leben, die du nicht auswählen kannst: Mutter, Vater und den Verein, mit dem du ein Leben lang leiden musst. In Niedeckens Fall: der 1. FC Köln. In meinem: YB. Schicksal. Demnach muss ich – so einfach gestrickt sind wir Fans nun mal – den ewigen Sieger hassen, den FC Basel.

Bis vor einigen Jahren gelang das gut. Den Stocker mochte ich nicht, den Frei schon gar nicht, und der Streller war ein Arschloch. Aber es fing damit an, dass ich diesen Streller zu mögen begann. Der Schlüsselmoment war wohl, als «unser» YB-Verteidiger Emiliano Dudar auf dem Feld zusammensackte, sich an der eigenen Zunge verschluckte und regungslos liegenblieb. Wie liebevoll Streller, der Gegenspieler, sich sofort um ihn kümmerte, wie er gar auf Spielabbruch plädierte – es ist unvergessen. Monate später trat er mit der Begründung aus dem Nationalteam zurück, er würde auf den Auslandreisen seine Kinder vermissen, und es rührte mein Vaterherz. (Meinen YB-Spezis dürfte ich das ja nie verraten, aber: Zuletzt hab ich sogar heimlich gejubelt, als er in der Champions League gegen Liverpool traf.)

Nichts als Neid
Dann lernte ich Dominik kennen, einen eingefleischten FCB-Fan. Und er war … ein absolut patenter Kerl, überaus liebenswert. Meinen Basel-Hass zu bewahren, wurde immer schwieriger. Ich musste meine Therapeutin bereits fragen, ob es «Anger Management» auch verkehrt herum gebe: Ich müsste nicht lernen, wie ich meine verächtlichen Gefühle für den FC Basel unterdrücken, sondern wie ich sie aufrechterhalten könnte.

Verächtliche Gefühle? Im Grunde ist es nichts als Neid. Darauf, wie professionell der Klub geführt ist. «Erst in Basel habe ich gelernt, wie ein Profifussballer zu leben hat. Ich habe dort auch erfahren, wie wichtig Pünktlichkeit und Disziplin sind.» Das sagt Téofilo Cubillas über seine sechs Monate in Basel. 1973 war das! Vor Urzeiten. Und wetten, dass ein gewisser Renato Steffen dereinst dasselbe sagen wird? «Erst in Basel habe ich gelernt …» Ja, ich bin neidisch. Wie charmant dieser Bernhard Heusler gegen aussen auftritt, wie knallhart er sich intern durchsetzt. Wie er die Journalisten dressiert hat, wie ihm die Häscher des «Blicks» nach dem Maul schreiben …! Okay, auf die Frau im Taucheranzug war ich nicht besonders neidisch. Aber, ehrlich gesagt, auf ihre Millionen. Und darauf, welch grandiose Nachwuchsarbeit der Klub damit aufgezogen hat. Immer aufs Neue können eigene Talente gewinnbringend transferiert werden. Kaum ist Shaqiri weg, kommt Xhaka. Kaum ist Xhaka weg, kommt Embolo. Kaum wird der weg sein …

Ach, Basler! Ich mag es euch gönnen. Herzlichen Glückwunsch zum Meistertitel, heute oder in der nächsten oder übernächsten Runde! Egal. Mich tröstet einzig, dass dies alles im Grunde nebensächlich ist. «Es gibt wichtigere Dinge als Fussball.» Wer das gesagt hat? Unser früherer YB-Captain «Wuschu» Spycher. Von einem Basler Captain würde man so was vermutlich nicht zu hören bekommen.

PS: Bitte diese Seiten herausreissen und in einem Jahr wieder lesen, wenn Basel zum achten Mal in Folge die Meisterschaft gewonnen hat. Ich mag es dann nicht alles noch mal erzählen.

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