Die Legende würde alles erklären. Geo Mantegazza, milliardenschwerer Immobilienhändler, soll Ende der 70er-Jahre an der Via Trevano 100 angeklopft und dem FC Lugano seine Sponsoring-Dienste angeboten haben. Der FC Lugano, damals ein Liftklub zwischen NLA und NLB, wollte aber nichts wissen von Mantegazza. Dieser soll kurzerhand die Strassenseite gewechselt haben. In unmittelbarer Nähe des Fussballstadions Cornaredo liegt die Resega, die Heimat des HC Lugano.

So weit die Legende. Ob sie stimmt, kann nicht einmal Luca Righetti bestätigen, HCL-Kommunikationschef und Vertrauter der Familie Mantegazza. «Ich habe gehört, dass sein Freundeskreis ihn, den Fussballer, bearbeitet hat», sagt er: «Er solle beim HC Lugano einsteigen.»

1978 wird Mantegazza Lugano-Präsident. Der HCL ist in dieser Zeit ein mittelmässiger NLB-Klub. Erste Erfolge stellen sich schnell ein. 1981/82 steigen Ambri und Lugano gleichzeitig in die NLA auf, wo beide Klubs seither spielen. Das Tessiner Derby wird zum Kultfaktor. Zu Beginn sind sie schon drei Stunden vor Spielbeginn restlos ausverkauft. Sogar Postauto-Chauffeure müssen erklären, ob sie für Ambri sind – oder für Lugano.

Biancoblu oder Bianconero? Noch heute werden auch Staatsräte gefragt, ob sie das blauweisse, politisch eher linke Ambri oder das gelbschwarze, politisch eher rechte Lugano bevorzugen. Die aktuelle Regierung neigt stärker zu Ambri. SP-Regierungspräsident Manuele Bertoli wegen seines Sohnes. Lega-Staatsrat Norman Gobbi war Ambri-Verwaltungsrat. Und FDP-Staatsrätin Laura Sadis gilt als Ambri-Anhängerin. Das war zwar CVP-Staatsrat Paolo Beltraminelli in seiner Jugend auch. Inzwischen sympathisiert er aber mit Lugano. Lega-Staatsrat Claudio Zali wiederum war jener Strafrichter, der 2008 die Ex-Präsidenten Fabio Gaggini und Beat Kaufmann für schuldig befand, 3,5 Millionen Franken an Steuern hinterzogen zu haben.

Das Derby sei «ein Fest des Tessiner Hockeys», sagt Ambris Trainer Serge Pelletier. «Die Kulturen im Kanton prallen aufeinander: Reich spielt gegen arm, Stadt gegen Land», sagt Ueli Schwarz, Direktor Leistungssport von Swiss Ice Hockey. Es sei das Derby mit den grössten Emotionen im Schweizer Eishockey. Ambri sei ein Bergdorf mit langer Hockey-Tradition, wie sie Langnau noch habe und Arosa und Villars gehabt hätten. Ambri hat auch über 20 Fanklubs in der ganzen Schweiz und drei in Italien. «Und Lugano hat eine Titel- und eine Professionalismus-Tradition», sagt Schwarz. «Die sehr eishockey-affine Familie Mantegazza machte Lugano in den späten 80er-Jahren zum Trendsetter.»

Die Popularität des Eishockeys «verdanken wir in erster Linie Ambri», sagt Verwaltungsratspräsident Filippo Lombardi. Ambri sei «seit jeher Symbol der mutigen Bergleute» gewesen – «und lange alleine Identitätsträger des Tessins in der NLA.» Dann sei Lugano gekommen, «mit einem klugen Milliardär an der Spitze». Sieben Meistertitel holte Geo Mantegazza mit dem HCL. Zusammen mit Bruder Sergio brachte es Geo Mantegazza im Tourismus, in der Flug- und Immobilienbranche zu einem Milliarden-Vermögen. 2013 platzierte die «Bilanz» die Mantegazzas mit 3,25 Milliarden auf Rang 38 der reichsten Schweizer.

Ambri hingegen kämpft immer wieder mit Finanzproblemen. Wie jetzt gerade. «Eigentlich ist es ein Wunder, dass sich ein Klub wie Ambri professionelles Eishockey leisten kann», sagt Schwarz. Ambri befinde sich in einer ganz schwierigen Situation, weil es ein strukturelles Defizit habe. Schwarz: «Ambri braucht ein modernes Stadion mit genug Sitzplätzen und einer Restauration, um dieses Defizit wegzubringen.»

Es ist Filippo Lombardi, seit 2009 für Ambri verantwortlich, der immer wieder finanzielle Lücken stopft. Der CVP-Fraktionschef und Ständerat soll dieses Jahr gar eine Million aus dem Vermögen seiner Eltern eingeschossen haben, sagen Insider. Lombardi bestätigt erstmals: «Seit fünf Jahren fühle ich mich als Präsident verpflichtet, als Erster in die eigene Tasche zu greifen, wenn es nötig ist, bevor ich von den anderen etwas verlange.» Zu Zahlen mache er «keine Angaben».

Blockieren ihn und das Team die wiederkehrenden Finanzsorgen? Ambris Trainer Pelletier lacht. «Trainer, Staff und Spieler sind auf dem Laufenden», sagt er. Und: «Ich sage den Spielern zum Saisonauftakt: Hier müsst ihr mehr leisten für weniger Geld.»

Finanzielle Probleme kennt der HCL ebenfalls. «Es dürfte auch in Lugano Einschüsse brauchen, weil der Klub mehr kostet als er einspielt», sagt Schwarz. Nur kann Lugano dank der Familie Mantegazza gelassen in die Zukunft blicken. Das schaffe aber auch «eine starke Abhängigkeit».

Die Familie Mantegazza schiesst nicht Geld ein und taucht ab. Ihr Engagement ist gross. Geo Mantegazza hat die Führung des Klubs an Tochter Vicky übergeben. Auch Sohn Mario arbeitet im Verein, bei der Juniorenförderung und im Marketing. Und Anna, die Tochter Mantegazzas aus zweiter Ehe, ist ebenfalls Lugano-Fan. «Die Familie Mantegazza ist das Oberhaupt der ganzen Erfolgsgeschichte», sagt Lugano-Trainer Patrick Fischer. «Es sind sehr respektvolle Leute.»

Auch Geo Mantegazza kann seinen Emotionen freien Lauf lassen. «Wir Spieler machten vor der Curva Nord den Purzelbaum», erzählt Geschäftsführer Jean-Jacques Aeschlimann. Als Mantegazza dann die Kabine aufsuchte, verblüffte er alle: ebenfalls mit dem Purzelbaum.

Es gibt eine zweite Legende, die sich um Mantegazza rankt. Er soll, als Ambri in den 2000ern vor dem Bankrott stand, Geld eingeschossen haben. Um Ambri zu retten. «Ich könnte mir gut vorstellen, dass er das tat», sagt Patrick Fischer. Mantegazza habe ein grosses Herz.

Der FC wird sich hintersinnen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper