Herzlichen Glückwunsch, Herr Hoeness.
Zu was?

Zum Freilos in der Champions League. Das war zumindest die gängige Reaktion in Deutschland, nachdem der FC Bayern den FC Basel als Gegner im Achtelfinal gezogen hat.
(Schnaubt.) Die Leute, die das behaupten, haben keine Ahnung von Fussball. Solche unqualifizierten Aussagen nehmen wir gar nicht ernst.

Basel ist also ein schwerer Gegner?
Aber natürlich. Man muss sich nur einmal die beiden Spiele des FCB gegen Manchester United anschauen. Wir werden diesen Gegner jedenfalls nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Wie gut kennen Sie die Basler eigentlich?
Es geht so. Aber das ist auch nicht mein Job. Ich bin jetzt Präsident. Aber selbst in meiner Zeit als Manager habe ich den Gegner nicht aus dem Effeff gekannt.

Ist nicht wahr!
Doch, doch. Wissen Sie, wir haben so viele Trainer und Beobachter, die sich bis ins kleinste Detail mit dem Gegner beschäftigen. Da muss ich nicht auch noch wissen, ob der linke Verteidiger früher einmal
Tankwart war.

Aber Xherdan Shaqiri kennen Sie sicher. Der Basler wechselt im Sommer nach München. Wird er eine Verstärkung für Ihr Team?
Ich als Präsident möchte dazu gar nicht viel sagen. Da müssen Sie unsere sportlich Verantwortlichen fragen.

Aber zu Trainer Heiko Vogel haben Sie doch sicher eine Meinung. Schliesslich kennen Sie ihn persönlich. Er hat in Basel als Nachfolger von Thorsten Fink positiv überrascht. Sie auch?
Eigentlich nicht. Ich habe einen sehr guten Draht zu Thorsten Fink. Er schlägt mit seinen Mannschaften oft das Trainingslager bei mir vor der Haustür am Tegernsee auf. Da treffen wir uns immer und in den Gesprächen hat er mir sehr oft von Heiko Vogel vorgeschwärmt.

Der, wie Thorsten Fink, eine Vergangenheit beim FC Bayern hat. Wie war Ihr Verhältnis zu ihm?
Den ganz direkten Draht hatten wir selten. Man hat sich natürlich gesehen und gegrüsst. Aber was ich über seine Arbeit gehört habe, war immer allererste Sahne.

Über den Schweizer Fussball im Allgemeinen wird Ihr Urteil wahrscheinlich nicht ganz so positiv ausfallen.
Wieso?

Gerade in Deutschland wird oft an der Qualität des Schweizer Fussballs gezweifelt.
Ich sehe da nicht ganz so schwarz. Im Gegenteil. Der Schweizer Fussball hat sich doch in den letzten Jahren unheimlich entwickelt – speziell im Nachwuchsbereich.

Trotzdem ist das Nationalteam an der angestrebten EM-Qualifikation gescheitert.
Aber man muss doch auch immer die Umstände beachten. Wie viele Einwohner hat die Schweiz? Welche Möglichkeiten? Oder umgekehrt formuliert: Wenn die Schweizer Nati plötzlich im WM-Halbfinal auftauchen würde, müssten sich doch alle grosse Fussball-Nationen fragen: Was haben wir eigentlich falsch gemacht?

Verfolgen Sie die Nati eigentlich näher, seit Ottmar Hitzfeld sie trainiert?
Natürlich. Er ist ein toller Mensch, wir sind sehr eng befreundet. Da verfolgt man automatisch etwas intensiver, was dort passiert.

Bekommen Sie auch mit, was gerade in der Schweizer Liga passiert?
Sie meinen die Probleme, die manche Klubs haben?

Genau. Xamax wurde die Lizenz entzogen, Servette droht die Insolvenz, Sion bekommt 36 Zähler Abzug und klagt gegen alle. Drei Vereine, die eng mit mächtigen Geldgebern verknüpft sind. Ist das ein Problem im heutigen Fussball?
Nicht per se. Schauen Sie mal in Städte, in denen die Geldgeber tatsächlich Geld haben. Ich spreche von Vereinen wie Manchester City, Inter Mailand oder der AC Milan. Wenn man als Verein schon auf Geldgeber setzt, dann muss man bei der Auswahl dieser Partner eben extrem vorsichtig sein. Aber Sion mit Christian Constantin ist da ein anderer Fall. Dort ist ja nicht die mangelnde Solvenz das Problem.

Haben Sie eigentlich besondere persönliche Erlebnisse mit dem Schweizer Fussball?
Ja klar, da gibt es einige Berührungspunkte. Ich habe öfter gegen Xamax und Uli Stielike gespielt. Zur Familie Facchinetti hatte ich auch immer ein sehr gutes Verhältnis. Und als Karl-Heinz Rummenigge in den 80ern für Servette gestürmt hat, habe ich ihn öfter in Genf besucht. Aber wissen Sie was?

Ich bin gespannt.
Ich habe auch über das Sportliche hinaus ein ganz persönliches, enges Verhältnis zu diesem tollen Land.

Oh!
Auf der Lenzerheide habe ich eine Ferienwohnung. Von den vielen Freunden ganz zu schweigen.

Sie haben also keine Angst, an der Schweizer Grenze abgewiesen zu werden?
Wieso das denn?

Na immerhin ist die Schweiz auch die Heimat von Sepp Blatter. Und mit dem Fifa-Präsidenten liegen Sie schliesslich im Dauerclinch. Was sagen Sie denn zu dessen jüngster Attacke, Sie seien schuld daran, dass München die Olympischen Spiele 2018 nicht bekommen habe?
Das war nicht nur unsachlich von ihm, es hat auch nicht gestimmt. Er hat mir ja vorgeworfen, ich hätte mit meinen Aussagen zur WM in Südafrika die Afrikaner verärgert. Aber selbst wenn alle Afrikaner für München gestimmt hätten, hätte es nicht gereicht. Das war alles nur Geplänkel von Herrn Blatter.

Ein Geplänkel mit Folgen? Oder was machen Sie, wenn Sie ihm begegnen?
Ach, das ist kein Problem. Und es ist nach seiner Kritik auch schon geschehen. Wir haben uns vor kurzem in Zürich gesehen und die Hand gegeben. Unser Umgang ist professionell.

Dennoch gibt es ja grosse Spannungen zwischen ihnen. Die Blatter-Attacke war offenbar eine Antwort auf Ihre Kritik an ihm. Haben Sie eine Idee, wie die Fifa möglichst schnell aus den Negativ-Schlagzeilen kommt?
(Hebt abwehrend die Hände.) Nein, nein, nein. Ich möchte das Spiel gegen Basel nicht nutzen, um Öl ins Feuer zu giessen.

Sie weichen aus!
Nur so viel: Ich werde immer ein kritischer Beobachter von ihm sein.

Würden Sie denn für ein Amt zur Verfügung stehen – wenn dadurch die Möglichkeit bestünde, dass in der Fifa vieles besser wird?
Die Frage stellt sich überhaupt nicht. Der Deutsche Fussball-Bund ist in der Exekutive gut vertreten.

Zurück zur Champions League. Der Final im Mai findet in München statt.
In der Arena des FC Bayern …

… und darauf freuen wir uns alle riesig.

Aber diese Konstellation bedeutet auch jede Menge Druck. Wie nimmt man diese Last von der Mannschaft?
Wissen Sie: Dieser Druck kommt von aussen. Wir haben das nie angenommen und lassen uns davon auch nicht verrückt machen. Völlig wurscht, was gefordert, gesagt oder geschrieben wird.

Wissen das auch Ihre Spieler?
Selbstverständlich. Das kommunizieren wir schliesslich auch nach innen. Klar ist aber auch, dass die Spieler alles dafür tun wollen, um dieses Ziel zu erreichen. Aber man muss immer sehen, welche Klasse unsere Gegner haben.

Wer sind denn die grössten Konkurrenten auf dem Weg ins Endspiel?
Natürlich der FC Barcelona. Aber auch Real Madrid halte ich in dieser Saison für besonders stark.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass der FC Bayern den Final erreicht?
So weit denke ich überhaupt noch nicht. Es sind noch sechs Spiele bis dorthin. Das ist ein sehr weiter Weg. Selbst als Präsident von Barcelona würde ich noch nicht vom Final reden. Klar ist dies ein Traum von uns – aber zunächst einmal geht es gegen Basel. Das wird schwer genug. Dieses Team hat nichts zu verlieren.

Schwerer als erwartet wird es auch in der Bundesliga. An der Tabellenspitze ist es so eng wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Freut sich der Fussball-Fan Uli Hoeness ein wenig darüber? Oder wäre es Ihnen viel lieber, wenn der FC Bayern zehn Punkte Vorsprung hätte?
Der Vorsprung wäre mir deutlich lieber, weil wir als einziges dieser vier Teams noch in der Champions League spielen. Das ist wunderbar, aber von der Belastung für die Spieler ein Nachteil. Aber statt des Vorsprungs sind wir jetzt sogar ein wenig im Hintertreffen, weil wir in den letzten Wochen leider einige Punkte haben liegen lassen.

Dennoch wirken Sie derzeit in Interviews so entspannt wie selten. Warum?
Zum einen ist es nicht mein Job, als Präsident das HB-Männchen zu spielen. Zum anderen geht es bei uns in dieser Saison allgemein sehr ruhig zu (lacht). Das muss ich ja nicht zwanghaft ändern.

Auf der Tribüne ist es mit der Ruhe allerdings manchmal vorbei.
Ist doch klar, dass es da emotional zugeht. Wir sind schliesslich nicht beim Schach, sondern beim Fussball. Da darf man auch mal ein bisschen mitgehen. Da kann ich gar nicht anders – selbst wenn ich wollte.

Sie sitzen im Stadion immer neben Ihren Kollegen aus dem Vorstand, Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner …
… und wir werden permanent von Kameras beobachtet.

Stört Sie das?
Ja. Ich finde das ehrlich gesagt völlig unangemessen. Aber das gehört eben mittlerweile dazu. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen.

Beeinflusst das Ihre Reaktion? Oder sehen Sie sich das Spiel trotzdem wie jeder andere Stadionbesucher an?
Ich bin ich, auch auf der Tribüne. Da geht es wie gesagt emotional zu, manchmal auch ein wenig hektisch. Aber das ist doch besser, als wenn wir dasitzen würden wie die Ölgötzen.

Hopfner, Rummenigge und Sie prägen den Verein seit Jahrzehnten. Jetzt soll eine neue Generation von Ex-Bayern-Spielern herangezogen werden. Wie sieht der Zeitplan aus?
Da gibt es noch keinen genauen Plan. Wir haben aber auch noch Zeit, ich bin doch erst 60 geworden. Aber bis in fünf Jahren soll alles umgebaut sein.

Und dann ist der FC Bayern nicht mehr zu stoppen.
Klingt gut. Aber warum glauben Sie das denn?

Weil Ihr Verein bald das Stadion abbezahlt hat und dann finanziell in einer noch besseren Position ist als jetzt. Dazu will die Uefa das Financial Fairplay einführen, von dem Klubs, die solide geführt werden, ebenfalls profitieren.
Abwarten. Da gibt es immer Unwägbarkeiten. Wir müssen zuerst einmal schauen, wie gut das Financial Fairplay überhaupt umgesetzt wird. Wenn dies gut gelingt, werden die deutschen Vereine ganz sicher davon profitieren.

Sind Sie eigentlich noch sehr verwundert darüber, welche Wichtigkeit der Fussball in der Gesellschaft
eingenommen hat?
Für den Fussball und die Protagonisten ist das schön. Aber ich bin manchmal schon überrascht, welche Relevanz unser Sport mittlerweile hat.

Aber Sie beschweren sich nicht.
Das darf ich auch nicht. Ich gehöre ja zu denen, die diese Geister gerufen haben.

Aber?
Aber manchmal würde ich den einen oder den anderen Geist gerne wieder zurückschicken.

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