VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL

Es war ein Fehler, sich so früh auf die erste Elf zu versteifen. Es war ein Fehler, Spieler aufzubieten, die in ihrem Klub nicht zum Stammpersonal zählen, wenn man dies als Voraussetzung für ein Aufgebot proklamiert. Es war ein Fehler, auf Nkufo zu setzen. Es war ein Fehler, vorauszusetzen, die Schweizer Spieler könnten nach zwei Abwehrschlachten in Offensivkünstler umprogrammiert werden. Es war ein Fehler, das bisschen Unbeschwertheit (Xherdan Shaqiri) nur als Tourist mitzunehmen.

Wenn bei anderen Fussball-Nationen solche Fehler passieren, hat der Trainer die Abschussrampe schon verlassen. In der Schweiz ist das anders. Und das ist auch gut so. Denn Ottmar Hitzfeld ist nicht über Nacht ein schlechter Trainer geworden. Er ist und bleibt ein guter. Vielleicht nicht der progressivste, aber einer der verlässlichsten, willigsten, ehrgeizigsten und fleissigsten Trainer auf der Welt.

18 Stunden nach dem 0:0 gegen Honduras, was das Aus an der WM bedeutete, gab sich Hitzfeld schon gewohnt professionell. Zwar spürte man ihm die Enttäuschung über das Aus an. Doch bei der Ursachenforschung liess er unglückliche Schiedsrichterentscheidungen aussen vor. «Das Verpassen des gesteckten Zieles ist für mich eine persönliche Niederlage», sagte der 61-Jährige. «Nach meiner Rückkehr werde ich mir die drei Partien nochmals in Ruhe anschauen und eine Analyse erstellen. Es ist aber schon so: Die Schweiz braucht die besten Spieler in der besten Verfassung, um an einer WM bestehen zu können.»

In Deutschland wundert man sich darüber, wie unentschlossen, uninspiriert und willensschwach die Schweizer gegen Honduras angetreten sind. Als hätten sie Beine aus Gelatine. Das ist man sich von den Teams, die Hitzfeld in der Bundesliga trainiert hat, nicht gewöhnt.

Also muss es an der fehlenden Qualität der Spieler liegen, dass die Schweiz ihre hervorragende Ausgangsposition nach dem sensationellen Coup gegen Spanien nicht veredeln konnte. Auf die Frage, ob er die gleichen Spieler aufstellen würde, falls er eine zweite Chance gegen Honduras erhielte, sagte Hitzfeld lakonisch: «Ja.»

Der Tenor in Deutschland lautet indes: Die Schweiz ist trotz Weltklasse-Trainer nicht zu mehr fähig. Deckt sich das mit Hitzfelds eigenen Gedanken? Wird der notorische Winnertyp nun über der Sinnfrage grübeln? Für den Nati-Delegierten Peter Stadelmann hat sich in Sachen Trainer nichts verändert. Für ihn ist der Lörracher nach wie vor die beste Lösung auf dem Trainerstuhl. Und Hitzfeld? Dieser antwortet auf die Frage, ob er seinen Vertrag bis 2012 einhalten werde: «Wenn mich die Schweiz noch will.»

Das eröffnet Spielraum für Spekulationen. Umso mehr, als sich ausgerechnet der Hitzfeld-Biograf und Pfarrer Josef Hochstrasser unter der Woche mit abenteuerlichen Spekulationen Gehör verschafft. In einer von der «Weltwoche» publizierten Story schreibt er: «Dass Ottmar nach der Weltmeisterschaft deutscher Bundestrainer wird, wie gelegentlich kolportiert wird, halte ich nicht für ausgeschlossen.» Doch der Lörracher gilt als wertkonservativer Mensch.

Für ihn sind Verträge dazu da, eingehalten zu werden. Und schon gestern lenkte er seinen Fokus bereits auf die nächsten Aufgaben mit der Schweiz. Denn am 7. September startet er mit dem Heimspiel gegen England in die EM-Qualifikation.

«Einen grossen Umbruch im Team wird es bestimmt nicht geben», sagt er. Dazu sei nicht nur die Zeit zu knapp, sondern es bestünde auch keine Notwendigkeit, weil viele Spieler wie Inler oder Derdiyok noch Entwicklungspotenzial hätten.

Gudrun Heute-Bluhm, Oberbürgermeisterin aus Hitzfelds Wohnort, sagt: «Ottmar Hitzfeld deutscher Bundestrainer? Mit diesem Medienrummel? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich dies antun will.» Werner Schepperle, ein ehemaliger Schulkollege in Stetten, meint: «Ottmar steht zu seinen Verträgen.» Walter Dreher, ehemaliger Teamkollege beim FV Lörrach: «Die Schweiz ist Ottmars letzte Trainerstation.»

Doch Hochstrasser schreibt weiter: «Wenn jedoch alle involvierten Personen und Instanzen bereit wären, ihn gehen zu lassen, aus Dankbarkeit für die WM-Qualifikation oder den möglichen Achtelfinal sozusagen, dann würde ihn ein Wechsel nach Deutschland wahrscheinlich schon reizen.»

Hitzfeld ist ein sehr erfolgsorientierter Mensch. Und die WM hat gezeigt, dass die Schweiz auf der internationalen Fussballbühne viel früher an ihre Grenzen stösst als Deutschland. Noch ist völlig unklar, ob in Deutschland auf der Trainerbank überhaupt Bedarf besteht. Joachim Löw
hat seinen auslaufenden Vertrag zwar noch nicht verlängert.

Ungeachtet des Ausgangs des heutigen Achtelfinalspiels gegen England würde es sehr erstaunen, sollte sich der Deutsche Fussball-Bund von Löw distanzieren. Falls doch, erscheinen die Planspiele mit Hitzfeld als neuen Bundestrainer eher unwahrscheinlich. Dafür ist er die bestmögliche Lösung für den Schweizer Verband. Denn die Schweiz hat an dieser WM bewiesen, zumindest defensiv auf höchstem Niveau bestehen zu können. Jetzt ist Hitzfeld in der Offensive gefordert.

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