VON RICHARD HEGGLIN AUS GARMISCH

So musste der 36½-jährige Neuenburger wieder einmal mit einer jener Klassierungen vorliebnehmen, die ihn vermutlich schon im Traum verfolgen. Als Olympia-Zweiter startete er 1998 im Super-G von Nagano seine internationale Karriere. Und Zweiter war er auch in der WM-Abfahrt 2009 in Val d’Isère – ebenfalls hinter einem Kanadier (John Kucera).

Im Weltcup war er schon 25-mal (!) Zweiter und 18-mal Dritter – eine krasse Diskrepanz zu seinen «nur» 16 Siegen. Cuche kann mit solchen Ergebnissen umgehen und wird sich damit abfinden, dass seine Karriere wohl ohne Olympiasieg und ohne Abfahrts-WM-Titel zu Ende gehen wird. «Drei Disziplinen-Weltcupsiege sind mir genauso viel wert, weil sie die Leistung über eine ganze Saison honorieren», sagt Cuche.

Er habe Silber gewonnen und nicht Gold verloren. «Aber», so Cuche, «der Zweite ist immer auch der erste Verlierer. Doch unter den gegebenen Verhältnissen war es schwierig, das Feld von hinten aufzurollen.» Mit der Startnummer 18 war er gegenüber dem 20 Minuten früher gestarteten Guay (Nummer 10) klar benachteiligt.

Trotzdem verlor er nur 32 Hundertstel auf den «Crazy Canuck», den verrückten Kanadier: «Wenn wir gleichzeitig gestartet wären, hätte Erik mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung gewonnen», flachste Cuche, der auf der Gratwanderung zwischen verstecktem Frust und ehrlicher Freude ebenso gut balancierte wie mit den Ski auf der Piste.

Durch den Wärmeeinbruch hatte sich das ruppige Eisfeld in eine weiche, griffige Piste verwandelt, auf der die früher gestarteten Nummern bevorteilt waren. Ohne den (verdienten) Erfolg des Kanadiers zu schmälern, der nach 2007 (Abfahrt) und 2010 (Super-G) den dritten Erfolg in Garmisch feierte, waren sich die Experten einig: Cuche war der Beste. Der verletzte Olympiasieger Didier Défago sagte unumwunden: «

Das gegenwärtige Startnummern-System ist gut für die Spannung, aber nicht fair. In der Formel 1 hat man einst mit Reglementsänderungen Michael Schumacher gebremst, um die Rennen attraktiv zu machen. Im Skisport ist Hermann Maier zurückgestutzt worden. Jetzt trifft es Didier. Alle Parteien, die FIS, Athleten und die Medien, müssen wieder einmal darüber diskutieren.»

Ins gleiche Horn stösst Abfahrtstrainer Hans Flatscher: «Wir brauchten viel Glück, um bei diesen Verhältnissen überhaupt zu einer Medaille zu kommen. Didier musste noch mehr leisten als sonst.» Sogar von österreichischer Seite kommt Unterstützung. Ex-Weltmeister und Ski-Impresario Harti Weirather bestätigte: «Ausser einem kurzen ‹Zappler› vor dem Ziel habe ich an seiner Fahrt keinen Fehler gefunden.

Sie war weltmeisterwürdig.» Der neue ÖSV-Männerchef Matthias Berthold doppelte nach: «Im Moment möchte ich mich zum Thema Startnummern nicht äussern. Aber im Frühling müssen wir darüber reden.» In seinem Team gehörten Romed Baumann (4.) und Lauberhornsieger Klaus Kröll (nur 11.) zu den Opfern. So gingen die Österreicher nach ihrer vermeintlichen Wiederauferstehung in der Abfahrt komplett leer aus. Dieser Schmerz wird auch durch die beiden Goldmedaillen der Frauen nicht gemildert.

Nur Cuche verhielt sich staatsmännisch gelassen und abgeklärt. «Ich hatte nicht jenen ‹Flow›, den ich in Kitzbühel und Chamonix spürte.» Er war extrem bestrebt, dem neuen Abfahrtskönig keinen Zacken aus der Krone zu brechen.

Seine grösste Zitterpartie erlebte Cuche ohnehin am Vorabend. Um 22 Uhr alarmierte ihn sein Servicemann Chris Krause und teilte ihm mit, der Siegerski vom März 2010 in Kvitfjell, mit dem er sich zum dritten Mal den Abfahrtsweltcup gesichert hatte, sei definitiv kaputt. «Sechs Stunden», so Cuche, «hatte Chris daran gebastelt. So entschlossen wir uns, einen ‹Bruderski› zu verwenden, den wir noch nie im Rennen eingesetzt hatten.»

Auf Französisch, weil er das in seiner Muttersprache besser ausdrücken könne, fügte er an: «Auch wenns fatalistisch klingt: Ich glaube ans Schicksal, im Positiven wie im Negativen. Was geschieht, geschieht.»

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