Sie wirken in dieser Saison gestresster als auch schon. Täuscht der Eindruck?
Bernhard Heusler: Schwierig zu sagen. Stressig ist, wenn man sich mit Nebenschauplätzen beschäftigen muss. Diese rauben viel unnötige Energie. Dazu kommt das Gefühl, sich nicht um die Hauptaufgaben kümmern zu können. Das löst Stress aus.

Was hat Ihnen am meisten zu schaffen gemacht?
Die monatelangen Verhandlungen um die Vermarktungsrechte im Stadion, aber auch die Ereignisse in den beiden Spielen gegen Schalke 04 im Herbst. Ganz besonders die Reaktionen auf die Greenpeace-Aktion. Auch der Fall Raul Bobadilla in einer Phase, als sich Marco Streller verletzt hat und wir noch nicht für die Champions League qualifiziert waren. Im Frühling die Aufarbeitung von Salzburg. Und der Cupfinal, der in negativer Erinnerung bleibt, auch wenn ich mit etwas Abstand fast froh sein muss, dass nicht wir durch einen zweifelhaften Schiedsrichter-Entscheid Cupsieger geworden sind und gleichzeitig Ausschreitungen beklagen mussten.

Interessant, dass Sie die atmosphärischen Störungen nicht aufzählen.
Ich habe sie deshalb nicht aufgezählt, weil der Umgang mit Menschen im Klub zu meinen Hauptaufgaben gehört.

Krass ist, dass Sie schon fast froh sind, den Cupfinal verloren zu haben.
Das ist etwas überspitzt, aber es hängt mit meinem Verständnis der Verantwortung eines Präsidenten zusammen. Ich kann einer Bewertung eines Präsidenten allein aufgrund der Titelgewinne wenig abgewinnen. Es sind andere Dinge, für die ich mich verantwortlich fühle. Nach dem Cupsieg 2012 (Red; Aleksandar Dragovic hatte Sportminister Ueli Maurer auf den Kopf getätschelt) musste ich mir tagelang Anfeindungen anhören und abarbeiten. Diese gipfelten in rassistischen Beschimpfungen. Reaktionen dieser Art rauben die Freude am sportlichen Erfolg. Nach dem diesjährigen Cupfinal wurde gezielt pauschal über Fan-Ausschreitungen berichtet. Nicht auszudenken, welche Forderungen laut geworden wären, hätten die Ausschreitungen den Matchbesuchern im FCB-Fansektor angerechnet werden können.

Laden Sie sich nicht etwas zu viel Verantwortung auf?
Ich lade mir die Verantwortung nicht selber auf. An sich weiss ich genau, wofür ich verantwortlich bin. Fanpolitik gehört zur Aufgabe eines Klubs. Das ist Knochenarbeit, wird auch nicht erkannt, aber ist wichtig. Mit der Fanpolitik können wir Klubs unseren Beitrag an die Sicherheit leisten. Dies wiederum wird missbraucht von denjenigen, welche sich nur nach Ereignissen melden, um Schuldige zu nennen. Aus dem Uefa-Urteil nach Salzburg etwa habe ich in einem langen Artikel lesen müssen, dass letztlich ich mit der von mir verantworteten Fanpolitik dem Verein diesen Schaden zugefügt hätte. Da wird – bar jeder Realität – ganz gezielt ein Mensch zur Verantwortung gezogen. Machen wir uns keine Illusionen: es kann auch mal passieren, dass ein Mensch bei einem Fussballspiel ganz schwer zu Schaden kommt, wie zuletzt beim Cupfinal in Italien. Das Feld ist von den Populisten bereitet, um auch in diesem Fall statt einer sachlichen Aufarbeitung menschliche Hetze zu betreiben.

In Salzburg wurden Sie von Menschen enttäuscht, für deren Interessen Sie viel Verständnis entgegenbringen. Hat sich dadurch Ihr Verhältnis zu den eigenen Fans abgekühlt?
Das mit dem Verständnis gefällt mir nicht. Ich bin weder Fan-Arbeiter noch Fan-Anwalt. Ich handle immer im Interesse des Klubs. Die Menschen in den Fankurven verdienen, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen, dass sie nicht pauschal als Mob betitelt oder ausgegrenzt werden. Der repressive Zugriff auf Täter obliegt dem Staat. Er hat die Mittel und das Gewaltmonopol, wir Vereine haben definitiv keine Staatsgewalt. Zu viele Leute sehen nur schwarz oder weiss. Ich verwende in meiner Kommunikation nie extreme Ausschläge. Deshalb kann ich nicht tief enttäuscht sein und sämtliche Fans pauschal verurteilen, wenn ein Ereignis wie in Salzburg passiert. Wer das fordert, dem sind offenbar verbale, wirkungslose Verurteilungen der Fussballfans durch einen Klubpräsidenten wichtiger als Verurteilungen der Täter durch unsere Gerichte.

Reden wir noch etwas über Fussball.
Super.

Der FC Basel wird wohl eine neue Bestmarke aufstellen. Was bedeutet Ihnen der fünfte Meistertitel in Serie?
Ich will und kann darüber nicht sprechen. Ob Sie es glauben oder nicht: Aber in der aktuellen Phase sind wir derart angespannt und konzentriert auf das Hier und Jetzt, dass wir uns gar keine Gedanken machen über «was wäre wenn».

Wirkt die Mannschaft auf Sie derart unsouverän, dass Sie so angespannt sind?
Nein, keineswegs. Anspannung ist auch nicht Unsicherheit oder gar fehlendes Vertrauen. Ich habe im Sport die unglaublichsten Dinge erlebt. Vor einer Woche verspielte Liverpool auf dem Weg zum Meistertitel gegen den Underdog Crystal Palace eine 3:0-Führung. Wir hatten zwei Runden vor Schluss auch mal sechs Punkte Vorsprung auf den FC Zürich und sind nicht Meister geworden. Wer am 13. Mai 2006 im Stadion war, weiss, was es heisst, im letzten Moment einen Titel zu verlieren.

Nach dem Verkauf von Mohamed Salah sagten Sie, dass der Erlös sofort reinvestiert würde. Das war etwas voreilig.
Vielleicht. Sofort ist im Nachhinein nicht richtig. Aber wir hatten damals einen ganz konkreten Plan.

Sie wollten den portugiesischen Nationalspieler Rafa Silva von Braga verpflichten?
Ja. Wir waren überzeugt, dass wir diesen Transfer machen können. Aber leider fiel alles komplett auseinander.

Ist der Preis in die Höhe geschnellt?
Ja, auch. Wobei es auch plötzlich hiess, der Spieler sei gar nicht mehr verkäuflich. Es war schlicht und einfach eine Situation, aus der nichts Gutes hätte entstehen können.

Ist Yann Sommer der gewichtigste Abgang während Ihrer Präsidentschaft?
Es ist schwierig, die einzelnen Abgänge gegeneinander abzuwägen. Wir haben das verfluchte Schicksal, dass wir die absoluten Leistungsträger nicht an uns binden können. Wenn wir ein All-Star-Team der letzten fünf Jahre bilden könnten – das wäre eine schöne Mannschaft. Ich denke da allein schon an Ivan Rakitic, der als Captain Sevilla in den Europa-League-Final führt. Aber natürlich ist Sommer ein ganz gewichtiger Abgang. Die Personalie Sommer war auch eine unserer gefährlichsten und schwierigsten Entscheidungen der letzten Jahre.

Gibt es Momente, in denen Sie sich für den Mut, auf Sommer zu setzen, auf die Schultern klopfen?
Nein. Das ist Vergangenheit. Auf die Schultern klopfen muss ich in erster Linie Yann Sommer. Im Wintertrainingslager 2011 hat er mit uns das Gespräch gesucht. Er sagte: Eigentlich sei bei seiner Rückholung im Vorsommer abgemacht gewesen, dass er ab Saison 2011/12 die Nummer 1 werde. Aber er sehe, wie gut Franco Costanzo derzeit spiele und denke, dass der FC Basel vom Plan abrücken werde. Er sagte das mit einer unglaublichen Reife. Das hat uns wahnsinnig Eindruck gemacht. Wie auch sein familiäres Umfeld, das selbst dann unsere Auswärtsspiele besucht hat, als Sommer noch die Nummer 2 war.

Einem anderen FCB-Exponenten, Trainer Murat Yakin, wird ein eher zwielichtiges Umfeld nachgesagt.
Natürlich ist immer wieder vom schwierigen Umfeld Yakins zu hören und dass sich da zehn Leute einmischen würden. Aber das habe ich so nicht erlebt. Man muss auch sehr vorsichtig mit Gerüchten umgehen, die im Fussball kursieren. Ich erwarte von einem Trainer, dass er direkt mit mir kommuniziert. Das war bei Yakin nie anders.

Wieso spaltet dieser erfolgreiche Trainer die Stadt, ja gar den Klub?
Spalten ist für mich übertrieben. Er polarisiert.

Wie begründen Sie das?
Als Murat Yakin für Heiko Vogel kam, war ich einem beispiellosen Shitstorm ausgeliefert. Die Entrüstung gründete nur etwa zur Hälfte darin, dass wir uns vom allseits beliebten Heiko Vogel getrennt hatten. Und zur anderen Hälfte, dass wir Murat Yakin verpflichtet haben. Dabei ist Yakin weder ein Grossmaul, noch ist er ein Showman, noch ist er arrogant – dennoch polarisiert er.

Vielleicht ist er zu distanziert.
Ja, vielleicht wirkt seine Art auf gewisse Leute wie eine Provokation. Weil sie denken, er lässt nichts an sich ran.

Hat sich Yakin seit letztem Herbst, als die atmosphärischen Störungen ihren Höhepunkt erreicht haben, entwickelt?
Mit den viel zitierten atmosphärischen Störungen kann ich nicht viel anfangen. Verärgert hat mich, dass in dieser Saisons Internas an die Öffentlichkeit gelangten. Es ist fast ein Segen, dass die Mannschaft seit Monaten im 3-Tage-Rhythmus spielt. Die Kadenz ist so hoch, dass kaum Raum für Nebengeräusche bleibt. Trainer und Team sind alle drei Tage unter einem enormen Leistungsdruck. Bewundernswert finde ich, mit welcher Gelassenheit unser Trainer damit umgeht, dass bei ihm die Toleranzgrenze unglaublich tief ist. Meist reicht ein Unentschieden – und die Trainerdiskussion geht wieder los.

In welchen Bereichen hat Yakin noch Luft nach oben?
Wenn man ihn nach den Ergebnissen misst, muss man nicht von Luft nach oben sprechen. Nur schon das aktuelle Niveau zu halten, ist grandios. Wichtig für ihn ist, die Leute hinter sich zu bringen. Darin besteht sein Tagesjob. Das ist aber für jeden Trainer die ganz grosse Herausforderung. Aber Yakin weiss, dass wir seine Führungsentscheide stützen.

Sind die letzten drei Spiele massgebend dafür, ob Yakin FCB-Trainer bleibt?
Nein. Natürlich ist ein Trainer-Entscheid immer vom Erfolg oder Misserfolg der Mannschaft getrieben. Aber wir wollen diesen wichtigsten Personalentscheid im Klub nicht von einzelnen Spielergebnissen abhängig machen. Die Frage ist eigentlich obsolet. Yakin hat einen Vertrag und wir alle haben ein gemeinsames Ziel. Und wenn man zum Schluss kommt, diese Ziele nicht erreichen zu können, kann es Veränderungen brauchen.

Provozieren Sie diese Veränderungen?
Bis zu einem gewissen Grad ist das meine wichtigste Aufgabe. Wer ein Unternehmen führt, muss immer wieder Probleme sehen, sie intern ansprechen, damit sie auch gemeinsam gelöst werden können. Wenn man das Gefühl hat, in einem problemlosen Zustand zu leben, gehts nur noch abwärts. Wer am Punkt angelangt ist, dass er glaubt, alles richtig gemacht zu haben, der ist in einem gefährlichen Fahrwasser, das ihn schnell runterzieht.

Die Umwälzung ist doch gegeben. Vom aktuellen Kader waren einzig Marco Streller und Valentin Stocker bei den vier vorangegangenen Meistertiteln dabei.
Das meine ich ja. Die viel beklagten Wechsel im Kader sind auch eine Chance, immer wieder neue Reizpunkte zu schaffen. Streller und Stocker sind zwei ganz besondere Persönlichkeiten. Das sind zwei Spieler, die einen nie im Stich lassen, wenn es darauf ankommt. Das sind Spieler, die man nicht so leicht ersetzen kann.

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