1«Ich dachte, ich täusche mich. Es war aber tatsächlich so, alle Welt hat es gesehen. Nach dem Schlusspfiff des ersten WM-Gruppenspiels gegen die Spanier marschierte Ottmar Hitzfeld aufs Spielfeld und tat etwas, was man bei ihm in der Schweiz noch nie gesehen hatte, keine kurz zur Faust geballte Hand, keine angedeutete Gestik der Freude, kein kontrollierter Lauf aufs Feld. Hitzfeld schlug, noch immer hoch konzentriert, mit ernster Miene das Kreuzzeichen.

Freilich, der Lörracher ist Katholik, formuliert trotzdem im engeren Kreis schon mal klar seine Kritik an der lebensfernen römischen Hierarchie, besucht lediglich ab und an den Sonntags-gottesdienst und weiss, dass die Existenz eines Gottes nicht bewiesen werden kann. Aber eines hat er aus seinen Kindertagen ganz besonders gerettet: Hitzfeld ist auch und gerade in seinen grössten Triumphen ein Mensch geblieben, dem immer daran lag, dankbar zu sein. Er kennt seine beruflichen Qualitäten sehr wohl, ist sich aber bewusst, dass man Glück nicht einfach machen kann, dass Ruhm und Ehre schnell zerbröseln.

Bei einem persönlichen Gespräch im Foyer des Mannschaftshotels in Crans-Montana vergass Ottmar Hitzfeld eine Kaffeepause lang allen Fussball, schaute gedankenverloren in die mächtige Walliser Bergwelt und sinnierte über seinen erneut an Krebs erkrankten einstigen Trainerkollegen Jörg Berger. «Mensch, wir müssen dankbar sein für das, was uns geschenkt ist», sagte Hitzfeld, suchte und fand meine Bestätigung. Es ist wohl diese Dankbarkeit dem Leben gegenüber, die ihn das Kreuzzeichen hat schlagen lassen, nachdem es – wie er es mehrmals herbeisehnte – endlich losging mit der WM, ein Zeichen aus einer belasteten Seele, Erlösung in Form einer Implosion.

Was unser Land mit Trainer Ottmar Hitzfeld in diesen Tagen erleben und geniessen darf, lebt von einer Wurzel, die weit ins biografische Erdreich des Mannes von jenseits der Schweizer Grenze reicht. Noch spielte der unbekannte Hitzfeld beim FV Lörrach, als der legendäre Uwe Seeler «den Schnellen, Dünnen vorne im Sturm» eigenhändig an die Waterkant mitnehmen wollte. Ottmar fühlte sich geehrt, folgte aber seiner damals schon heranreifenden inneren Stimme, griff im Frühling 1971 spontan zum Telefonhörer, rief den grossen Helmut Benthaus an, der nach einem Probetraining mit dem schmächtigen Burschen aus Lörrach schnurstracks zur Klubleitung eilte, um den Bossen des FC Basel klarzumachen: «Da unten auf dem Platz könnte uns ein Schnäppchen über den Weg gelaufen sein, mit diesem Hitzfeld sollten wir einen Vertrag machen.»

Es sind genau diese in einer gelungenen Mischung von rationalen und intuitiven Energien angezettelten Initiativen, welche die heute so bewunderte Winnermentalität des Ottmar Hitzfeld ermöglicht haben. Ein anderes Beispiel gefällig? Am 26. Mai 1999 spielt Hitzfeld mit dem FC Bayern das Champions-League-Finale gegen Manchester United. Die 90. Minute war angebrochen. Bayern führte 1:0. Der Sieg schien heimgefahren, doch innert hundertachtzig Sekunden verwandelten die Engländer ihre drohende Niederlage in einen Sieg.

Abgrundtiefe Enttäuschung bei der Hitzfeld-Truppe. Kuffour heulte unentwegt, Effenberg erstarrte zur Salzsäule, Kahns Blick war leer. Nur einer verlor im Tollhaus Camp Nou die Fassung nie, obwohl auch bei ihm der Schmerz tief sass. Ottmar Hitzfeld schritt gefasst über den Platz, ging von Spieler zu Spieler, tröstete, munterte auf, dankte. Diesen starken Auftritt von Hitzfeld im Moment einer bitteren Niederlage hat die Fussballwelt bewundert. Noch mehr aber bewegte die Spieler das aussergewöhnliche Verhalten ihres Trainers. An diesem traurigen Abend in Barcelona, im Moment des absoluten Tiefpunkts weckte er in ihnen jene Kraft, die sie zwei Jahre später erneut das Finale in der Champions League erreichen und es am Ende in einem packenden Elfmeterschiessen gegen den FC Valencia auch gewinnen liess.

Im Verlaufe unzähliger Meisterschafts-, Pokal- und Champions-League-Spiele hat Ottmar Hitzfeld im strategischen Bereich ein immenses Wissen erworben. Es ist aber am Ende jene Fähigkeit, über die jeder gute Lehrer verfügen müsste, die auch den Fussballlehrer Hitzfeld zu dem formte, was er heute ausstrahlt, es ist jenes subtile Einfühlungsvermögen in die individuelle Lebenssituation und das Spielpotenzial eines jeden seiner Spieler, auch und vor allem der so genannt «schwierigen», hiessen sie nun Egli, Sammer, Effenberg oder Yakin.

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