Der CEO der Young Boys, Ilja Kaenzig, und FC-Basel-Präsident Bernhard Heusler tauschen sich per E-Mail rege aus. So auch in dieser Woche. Einmal schrieb Heusler am Ende: «Ich hoffe, ihr verausgabt euch schön gegen Liverpool.» Die Antwort von Kaenzig: «Ist völlig egal, ich weiss jetzt schon, wie das Spiel läuft: YB geht in Führung – und Basel gleicht irgendwann kurz vor Schluss wieder aus.»

Es ist die Erinnerung an einige der letzten Duelle zwischen den Rivalen, die Kaenzig zu dieser Aussage verleitet. Beispiel 16. 2. 2012: YB ist dominant wie selten, führt 2:1 – doch Valentin Stocker gleicht kurz vor Schluss zum 2:2 aus. Beispiel 10. 4. 2011: YB führt sogar 2:0 – am Ende heisst es wieder nur 3:3. «So geht das mit Basel, man meint, man hat sie erlegt – aber irgendwie stehen sie immer wieder auf», sagt er. «Der Sonntag» legt Kaenzig neun Thesen vor, die sich damit auseinandersetzen, warum YB seit 1986 auf einen Meistertitel wartet.

1 Bei Basel bricht die Welt zusammen, wenn die Meisterschaft in der 93. Minute verloren geht, bei YB würden sich die Fans darüber freuen, dass die Legende des ewigen Zweiten bestehen bleibt.

«Das kann ich nicht bestätigen. Es ist nicht so, dass die Fans ihren Herzschmerz hegen und pflegen und Freude an zweiten Plätzen haben. Im Gegenteil. Es ist laut und tosend in Bern, niemand kann und will so weiterleben wie in der Vergangenheit. Vielleicht ist es so, dass ein verpasster Titel nicht so schlimm ist, wenn man aus der NLB-Abstiegsrunde kommt, aber nun steigen mit jedem Jahr die Begehrlichkeiten. Und sobald wir uns lösen wollen vom Titelzwang, heisst es im Umfeld: «YB ist ambitionslos.»

2 YB ist zu brav, um eine Störaktion durchzuführen, wie einst der FC Basel mit dem Transfer von Gilles Yapi in der entscheidenden Saisonphase.

«Ja, das ist so. Aber: YB ist hier kein Sonderfall. Der Sonderfall heisst Basel. Sie haben die Kaltschnäuzigkeit und die Erfolgsbesessenheit, um ein solches Manöver durchzuführen. Alle anderen Schweizer Klubs sind weder bekannt für solche Aktionen, noch würden sie es probieren. Basel erinnert an die Bayern in Deutschland. Oder an Alex Ferguson mit Manchester United. Und vielleicht noch José Mourinho. Ein Opfer, das mir spontan in den Sinn kommt: Rafael Benitez und Liverpool liessen sich jahrelang destabilisieren. In Deutschland heissen die Opfer seit jeher Bremen, Schalke, Leverkusen oder früher Dortmund.»

3 Marco Wölfli kostet die Young Boys pro Saison 10 Punkte, Yann Sommer rettet dem FCB pro Saison 10 Punkte.

«Diese These lässt sich widerlegen. In diesem Sommer hat jeder gesehen, dass auch Yann Sommer schon einige Fehler gemacht hat. Das Problem ist: Marco Wölfli hält uns mit seinen Paraden immer im Spiel, aber wenn wir am Ende das Spiel nicht gewinnen, dann nützen auch vier Big Saves nichts. Ich erinnere mich an Robert Enke, er hat in Hannover überragend gehalten, aber am Schluss spricht niemand über den Goalie, weil die Partie nicht gewonnen wurde. Bei einem Topklub ist das anders. Der Torhüter muss eine starke Parade zeigen, diese reicht zum Sieg und dann heisst es: Ja klar, der Torhüter! Zusammengefasst: Wir haben einen starken Rückhalt, kein Goalie-Problem.»

4 Bei YB werden junge, hoffnungsvolle Spieler schlechter oder stagnieren. Als Beispiel könnte man Moreno Costanzo und Christian Schneuwly nennen.

«Ich würde Costanzo und Schneuwly nicht mehr als ‹jung› bezeichnen. Es ist tatsächlich so: Normalerweise müsste Moreno Costanzo unser Schlüsselspieler sein. Wir sind überzeugt, dass er bald ‹explodiert›, sein Potenzial ist immens gross. Nun geht es darum, es auch abzurufen. Was Schneuwly angeht: Ich finde, er macht eine gute Karriere. Er war erst Joker bei uns, ist dann zu Thun gegangen – und war der drittbeste Skorer der Schweiz, mit gleich vielen Skorerpunkten wie Xherdan Shaqiri! Jetzt ist er Stammspieler bei YB, das zeugt von einer guten Entwicklung.»

5 Wenn Raúl Bobadilla so viele Tore erzielen würde, wie er Spiele gesperrt ist, wären die Young Boys Meister.

«Das reicht nie und nimmer! Ich denke, Bobadilla muss seine Quote aus der Rückrunde wieder erreichen, als er sieben Tore schoss und an sechs weiteren beteiligt war. Was seine Sperren betrifft: Ich sehe keine Regelmässigkeit, er ist weder in der Schweiz, noch war er in Deutschland für Ausraster bekannt. Dazu kommt, dass er von sämtlichen Gegnern provoziert wird. Für einen Südamerikaner ist es eine Kunst, ruhig zu bleiben. Ich finde es bemerkenswert, wie viel er über sich ergehen lässt. Klar ist: Ein fehlender Bobadilla ist für uns ein nicht zu kompensierender Verlust. Wir haben im Gegensatz zu Basel nicht die Möglichkeit, zwei oder drei Bobadillas kaufen zu können. Basel hat den Luxus, mit Streller und Frei zwei grossartige Stürmer zu haben – fällt der eine aus, ist der andere da.»

6 Der FC Basel verkauft seinen U17-Weltmeister (Xhaka) für 10 Millionen nach Gladbach, bei YB spielt er (Tosetti) in der Challenge League.

«Das ist so. Aber Matteo Tosetti hat auch kaum gespielt bei der U17-WM, Xhaka war Schlüsselspieler. Es ist also ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Zudem bürgt das Prädikat ‹U17-Weltmeister› noch lange nicht für eine Welt-Karriere. Der ehemalige Basler Janik Kamber sitzt jetzt bei Lausanne auf der Ersatzbank. Auch wenn wir die U17-Europameister von einst als Massstab nehmen: Gerade einmal drei Spieler davon sind im Ausland tätig (Tranquillo Barnetta, Philippe Senderos und Reto Ziegler), der Rest spielt teilweise nicht einmal mehr.»

7 Für 10 Millionen verkauft der FC Basel einen Aussenverteidiger (Inkoom), YB dagegen den absoluten Stürmerstar und Goalgetter (Doumbia).

«Die Konstellation mit Inkoom war für den FCB ein absoluter Glücksfall, weil ein Verein, der diesen Spieler wollte, viel mehr zahlte, als sein Marktpreis gewesen wäre. Unser grosses Problem heisst Champions League. Sobald die Spieler Champions League spielen, werden sie um den Faktor 1,5 teurer. Wer in der Champions League spielt, gewinnt doppelt. Erstens werden die Spieler wertvoller und zweitens stehen einem 30 Millionen mehr als der Konkurrenz zur Verfügung. Es wäre auch für Shaqiri schwieriger geworden, zu den Bayern zu gehen, wenn er nicht Champions League gespielt hätte. Bei den europäischen Vereinen hat sich längst eingebrannt, dass Basel häufig und gut in der Champions League spielt. Es ist eben ein Unterschied, ob ein Spieler gegen Kalmar oder Manchester United ein Tor schiesst. Ich bin überzeugt, wenn Doumbia mit YB in der Champions League hätte spielen können, dann hätte YB für ihn noch 20 Millionen mehr bekommen. Der Transfer des Belgiers Eden Hazard von Lille zu Chelsea (für 40 Millionen Euro) ist das beste Beispiel dafür.»

8 Der FC Basel weiss, wann ein Trainer seinen Zenit überschritten hat, wie das Beispiel Christian Gross zeigt.

«Das weiss man nie – auch Basel nicht. Schliesslich hat der FCB den Vertrag von Christian Gross im Dezember verlängert und ihn im Mai trotzdem entlassen. Es gibt drei Arten von Trainern: Solche, die haben immer Erfolg. Solche, die haben manchmal Erfolg. Und solche, die haben nie Erfolg. Gross hatte viele Jahre immer Erfolg. Bei YB hat es nicht gepasst, das kann jedem einmal passieren. Zudem: Wenn man als Klub immer wüsste, wann ein Trainer sein Verfallsdatum erreicht hat, gäbe es keine Entlassungen, sondern nur eine stetige Entwicklung. Und überdies hat Gross nach Basel den VfB Stuttgart übernommen und sensationell nach oben geführt. Auch dies widerlegt Ihre These.»

9 Raphael Nuzzolo würde beim FC Basel im Nachwuchs spielen.

«Basel hat vielleicht klingendere Namen, aber am Schluss zählt nur die Leistung auf dem Platz und die Namen sind Schall und Rauch. In den Duellen zwischen YB und Basel waren nie Unterschiede zu sehen – und wenn, dann zu unseren Vorteilen. YB hat die Meisterschaften nicht in den Direktbegegnungen verloren, sondern, weil die Leistung gegen kleinere Mannschaften nicht immer stimmte. Die Titel gingen gegen Xamax oder Luzern verloren.»

Eines ist sicher: Auch nach dem Spiel von heute ist die Meisterschaft nicht entschieden. Trotzdem hat die Partie YB - Basel wegweisenden Charakter. Wer gewinnt, darf sich langsam nach oben orientieren. Wer verliert, dem bläst der Krisen-Wind entgegen.

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