Lissabon. Über 2000 Kilometer entfernt von Basel. Die Stadt, die nur einen Fussballer kennt: Cristiano Ronaldo. Nur einen? Nicht ganz: Als der FC Basel am 4. November in Lissabon landet, wo tags darauf das Europa-League-Spiel gegen Belenenses (2:0) stattfindet, formiert sich in der Ankunftshalle des Flughafens eine Handvoll junger Frauen und Männer. Auf einem Plakat steht in bunten Buchstaben geschrieben: «Breel Embolo – we love you! Photo please!» Die Gruppe wartet – und wartet – und wartet. Leider vergebens: Embolo und seine Teamkollegen haben einen anderen Ausgang genommen.

Trotzdem: Dass im Land, in dem der schweizerische Fussball in den Köpfen der Menschen kaum existiert, ein Empfangskomitee auf Embolo wartet, sagt viel aus über den Status des 18-Jährigen. Der Hype um das Basler Sturmjuwel ist längst über die Landesgrenzen geschwappt. Und das, obwohl noch keine zwei Jahre vergangen sind seit Embolos Profidebüt. Erst in dieser Saison und nach dem Rücktritt von Marco Streller ist er zum Stammspieler aufgestiegen. Streller sagt: «Breel hat alle Anlagen, die es braucht, um ein Weltklassestürmer zu werden.»

Die Experten sind sich einig: Ein Talent vom Schlag Embolos, das hat die Schweiz noch nie gesehen. Und ein solches wird früher oder später, eher früher, die Super League verlassen. Mit einem Transfer, der alle bisherigen Wechsel mit Schweizer Beteiligung in den Schatten stellen wird. Die Rede ist von 30 Millionen Franken, die in die FCB-Kasse fliessen werden. «Eine realistische Summe», sagt der erfahrene Spielerberater Christoph Graf. Im Sommer 2016 soll der Deal über die Bühne gehen. Die «Schweiz am Sonntag» auf Spurensuche:
Die Ausgangslage: Offensivspieler. Jung. Schnell. Der Körper eine Wucht. Kräftiger Schuss. Torriecher. Abschlussstärke. Internationale Erfahrung auf Klub- und Nationalmannschaftsebene. Embolo vereint alle Zutaten, die es für einen grossen Transfer braucht. Entsprechend stehen die Interessenten Schlange. Am offensivsten kommuniziert Klaus Allofs, der Sportdirektor des VfL Wolfsburg. Er sagt: «Embolo ist ein sehr interessanter Spieler. Wir verfolgen ihn schon lange. Er ist ein Transferziel.» Allofs spricht für alle Sportdirektoren von Sizilien bis zum Nordkap: Sie alle hätten Embolo gerne in ihren Reihen. Doch nur wenige werden ihn sich leisten können. Abgesehen von England, wo sich dank dem neuen TV-Vertrag (sieben Milliarden für drei Jahre) nahezu jeder Premier-League-Klub jeden Spieler dieser Welt kaufen könnte. Dazu später mehr.

Der FC Basel: Die stetig wachsende finanzielle Lücke zu den Topligen ist für Rot-Blau Fluch und Segen zugleich: Die Halbwertszeit von guten Spielern wird immer kürzer, dafür winken Klubbosse in England mit Mega-Checks. Embolo ist zwar erst in dieser Saison zum Stammspieler gereift, doch über den Sommer 2016 hinaus wird der FCB sein Juwel kaum halten können. So ist auch die Aussage von Sportdirektor Georg Heitz zu verstehen: «Die Planung sieht nach Absprache mit Breel und seinem Umfeld grundsätzlich vor, dass er die Saison in Basel zu Ende spielt.» Es ist die Aufgabe von Heitz, im ganzen Embolo-Hype auf die Bremse zu stehen: «Der Hype ist in allererster Linie eine Medienangelegenheit. Zudem wächst seine Fangemeinde ausserhalb der Region Basel, was auch an seiner freundlichen Art liegt, mit Fans umzugehen. Aber natürlich bereitet uns Breel aufgrund seiner menschlichen und fussballerischen Qualitäten viel Freude.» Aber: Der FCB führe intern kein Embolo-Dossier und es sei auch nicht so, dass sich täglich Vereine oder Berater meldeten, wenngleich diesbezüglich die Tendenz zunehmend sei.

Bayern, Juventus, Chelsea – grundsätzlich traut Heitz Embolo den Sprung zu einem der Top-10-Klubs in Europa zu. «Aber es stellt sich die Frage: Wie gescheit wäre ein solcher Sprung vom Zeitpunkt her? Bei diesen Klubs herrscht eine brutale Leistungskultur, die Kader sind riesig. Dazu braucht es Glück: Der Trainer muss einen mögen, die direkten Konkurrenten sollten nicht gerade in der Form ihres Lebens sein.» Wer den FCB verlasse, müsse damit umgehen können, dass anderswo die Atmosphäre weniger familiär sei.

Welche Sehnsüchte weckt Embolo bei Heitz? «Sportlich erhoffen wir uns, dass er weiterhin hilft, Spiele zu gewinnen. Gemeinsam mit seinen Teamkollegen.» Alles andere werde sich, den Regeln des Transfermarktes folgend, ergeben. «Der Marktwert eines Spielers ist abhängig von vielen Faktoren. Primär vom Willen des Spielers, denn um ihn und seine Karriere geht es zuallererst. Aber es ist so: Wir haben konkrete Vorstellungen davon, was unsere Spieler wert sind.» Das Verständnis vonseiten der Spieler und deren Beratern, dass der FCB nicht beim erstbesten Angebot verkaufe, sei da: «Weil wir unsere Spieler gut ausbilden, entlöhnen und ihnen die internationale Bühne bieten können.»

Der Spielerberater: Irgendwo zwischen 25 und 30 Millionen Franken. In diesem Bereich, so Christoph Graf, werde sich die Ablösesumme für Embolo einpendeln. «Wenn er eine sehr gute Europameisterschaft spielt, wird die Summe noch höher sein.»

Der frühere Berater von Lucien Favre und den Yakin-Brüdern sagt: «Anfragen waren schon im vergangenen Sommer genügend da. Aber der FC Basel hat alles richtig gemacht, indem er Embolo nicht zum Discount-Preis verkauft hat. Seine Leistungen in der aktuellen Saison werden den Preis markant ansteigen lassen.» Embolo stehe bei allen finanzstarken Klubs in Europa auf dem Zettel, Graf aber geht nicht von einem Wechsel zu einem der ganz Grossen aus. «Man muss sehen: Bislang hat es noch kein Spieler geschafft, direkt aus der Super League Stammspieler bei einem dieser Vereine zu werden. Das hemmt. Die Grossklubs werden abwarten, wie sich Embolo bei einem kleineren Verein in einer Topliga schlägt.»

Wer sind die potenziellen Käufer? Einen Wechsel nach Italien, Spanien oder Frankreich schliesst Graf aus. In der Bundesliga gebe es neben Bayern München noch Wolfsburg, Dortmund und vielleicht Schalke 04, die den Preis für Embolo bezahlen könnten. Bleibt England. Klubs wie Tottenham, Liverpool oder Everton. Graf: «Auf der Insel ist Embolo ein sehr heisses Eisen. Ein Wechsel nach England wäre auch für den Schweizer Fussball eine tolle Sache: Er könnte in der Premier League eine Bresche schlagen für das momentan schlechte Image des Schweizer Fussballs. Embolo wäre dank der weltweiten TV-Ausstrahlung der Liga in Kürze auf dem ganzen Globus bekannt. Und davon würde auch die Super League profitieren.»

Über den Embolo-Transfer, so Graf, werde viel getuschelt in der Beraterszene. Wo viel Geld im Spiel sei, möchten möglichst viele sich ein Stück vom Kuchen abschneiden. Auch Georg Heitz sagt: ««Breel bekennt sich klar zu seiner Agentur, mit der wir auf sehr vernünftiger Basis zusammenarbeiten. Trotzdem versuchen viele Berater, auf den Zug aufzuspringen – wie wir das auch schon in anderen Fällen erlebt haben.» Erdin Shaqiri, Embolos Berater, liess die Kontaktaufnahme der «Schweiz am Sonntag» unbeantwortet.

Der Spieler: Erstaunlich abgeklärt spricht Embolo über die grossen Summen, mit denen er in Verbindung gebracht wird: «Ich kann mir nicht erklären, woher diese Zahlen kommen. Natürlich bekomme ich alles mit, aber ich nehme es locker. Ich habe einen Vertrag beim FC Basel (bis 2019; d. Red.). Wenn ich spüre, dass der Zeitpunkt für einen Wechsel der richtige ist, werde ich mich entscheiden.» Keine Spur von Arroganz, die junge Spieler auch schon mal befällt, wenn sie innert kürzester Zeit ins Scheinwerferlicht geraten. Passend dazu diese Episode: Als sich Embolo kürzlich wegen seiner entzündeten Patellasehne behandeln liess, ging er danach nicht etwa nach Hause, sondern schaute bei garstigem Wetter den Teamkollegen beim Training zu – 90 Minuten lang. «Breel steht mit beiden Beinen auf dem Boden und fühlt sich sehr wohl in der Mannschaft. Dazu kommt seine hohe Sozialkompetenz – er kümmert sich immer wieder um Kollegen, denen es gerade nicht so gut geht», sagt Georg Heitz.

Weg von der Familie, weg vom FCB, weg von seinen Freunden und vom geliebten Basel – der Abschied wird Embolo schwerfallen. Im Hintergrund laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Bis dahin, so Embolo, geniesse er jede Sekunde im gewohnten Umfeld. Wir sollten es ihm gleichtun, solange er noch in der Schweiz spielt.

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