VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL

Er legt sich auf einem der vielen Trainingsfelder weit hinter der Eishalle den Ball zurecht, läuft an und trifft in die linke hohe Torecke. Die meisten Kollegen sind längst unter der Dusche, während Alex Frei seine Freistoss-Technik veredelt. Irgendwann ist auch für ihn Schluss. Nicht ganz. Eine Schar Teenies belagert den Rekordtorschützen der Nationalmannschaft. Warten auf Alex.

Der Eindruck aus dem Training ist ambivalent. Als Erstes fällt der blaue Verband an seinem rechten Unterarm auf. «Nur zur Stabilisation», beruhigt Frei. Er macht Liegestützen, doch im Trainingsspiel weicht er den Zweikämpfen aus. Er tollt sich nach einem Treffer auf dem Boden, doch er muss die Leistungsbereitschaft im Trainingsspiel kontrollieren. «Kondition und Muskulatur sind in Ordnung. Die Koordination ist okay. Von der Kraft her stimmt alles. Aber im Kopf fehlt es noch. Dass ich noch nicht in die Zweikämpfe gehe, ist nicht eine Frage von Mut. Aber ich habe noch Respekt vor den Schmerzen, sollte ich auf den Oberarm fallen. Ich mache jetzt spezielle Übungen, um kontrolliert zu fallen. Aber wenn der Arzt sagt, der Bruch halte, dann hält er.» Wie hoch ist das Risiko eines erneuten Bruchs am operierten Oberarm, sollte Frei drauffallen? Markus Rothweiler, einer der Sportärzte des FC Basel, sagt: «Wie bei jedem gesunden Sportler. Das Risiko ist das gleiche, aber nie bei null.»

Die Autogrammwünsche sind erfüllt. Frei schnappt sich ein Mountainbike, steigt auf und fährt im Schritttempo neben mir her. Von allen Verletzungen, die er erlitten habe, sei diese die mühsamste. 14 der letzten 48 Monate hatte er wegen Verletzungen gefehlt, rechnete die «SonntagsZeitung» Ende Februar aus. Jetzt sind nochmals zwei Monate des Leidens dazugekommen. Seit 2006 wurde Frei der Reihe nach am Schambein, an der Hüfte, am Innenband und nun am Oberarm operiert. «Ich konnte zwar sehr früh mit dem Aufbau wieder beginnen und habe deshalb weder Gewicht zugelegt noch an Fitness verloren», sagt er. «Doch die Handicaps im Alltag waren für mich als Rechtshänder enorm.»

Ein Handicap hat auch der FCB. An jenem 20. Februar, als Frei mit den Stollen in den Schnürsenkeln von Aaraus Verteidiger Martin Stoll einfädelte und deshalb fürchterlich auf den Arm fiel, schien der Titelkampf entschieden. Vier Punkte betrug der Rückstand auf YB zu jenem Zeitpunkt. Aber ohne Frei, da waren sich viele Experten sicher, würden es die Bebbi nicht mehr schaffen, an den Bernern dranzubleiben. Doch Basel blieb dran – zwischenzeitlich sogar ohne Frei und ohne Streller – und liegt nur noch drei Punkte hinter den Young Boys. «Ich hatte den Glauben an die Mannschaft nie verloren», sagt Frei. «Ich wusste, dass sich unsere Qualität irgendwann durchsetzen wird.» Und wird er im Titelkampf sogar noch einen Faktor spielen? «Ich gehe davon aus, dass ich in dieser Saison noch für den FCB auflaufen werde.» Vielleicht schon am 9. Mai im Cupfinal gegen Lausanne.

«Der Frei verreckt schier vor Ungeduld», behauptet ein Beobachter während des Trainings. Frei dementiert. Die Geduld sei nicht das Problem. «Denn die Mannschaft harmoniert und ist erfolgreich». Aber durchwegs souverän waren die Vorstellungen ohne Frei nicht. Hoch oben im St.-Jakob-Park musste er beispielsweise das 1:2 gegen GC mitverfolgen. Oder den mühsamen Sieg gegen St.Gallen. Und dann wollen die Leute von ihm wissen, was passieren muss, damit es doch noch gut komme für den FCB. «Ein Penalty in den ersten zehn Minuten», antwortete Frei, als der FCB gegen St.Gallen zur Pause 0:2 hinten lag. Der Penalty wurde gepfiffen, Huggel verwandelte in der 52. Minute und Basel gewann noch 3:2.

«Es nervt mich, dass ich nicht eine ganze Saison durchspielen konnte», sinniert Frei. Er rechnet den FCB-Verantwortlichen den finanziellen Kraftakt hoch an, den es gebraucht hat, um ihn aus Dortmund loszueisen. Und Frei versprach dem Basler Publikum bei seiner Vorstellung Titel. Rumort habe es zwar, als der Rückstand auf YB zwischenzeitlich 13 Punkte betragen hatte. Doch das Zweifeln überliess er anderen. Mit Streller, Huggel und ihm selbst hat der FCB ein Fundament aufgebaut, das auf Selbstbewusstsein, Qualität, Identifikation und Leidenschaft basiert. Der FCB wird durch eine Achse von Schweizer Nationalspielern angetrieben. Frei findet das fantastisch.

Und dann die Jungen: Stocker, Shaqiri. «Wunderbare Fussballer», wie Frei anerkennt. Ihm ist klar, dass der FCB nicht auf ewig in dieser Zusammensetzung spielen wird. «Das ist der Lauf der Zeit», sagt er. «Jener ausländische Klub, der kein Interesse an Stocker oder Shaqiri hat, beweist nicht viel Sachverstand.» Klare Worte, wie gewohnt.

Wir stehen vor dem Stadion. «Mich nervt, dass ich jenen Menschen, die mir die Türe beim FCB geöffnet haben, nicht bis zum Schluss der Saison das zurückgeben kann, was ich mir vorgenommen habe.» Wenn er sich da mal nicht irrt.

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