Der dopingverdächtige Titelverteidiger aus Spanien war auf der ersten Etappe der 98. Frankreich-Rundfahrt in einen Sturz verwickelt und musste einen Nackenschlag wegstecken: Er verlor 1:14 Minuten auf Herausforderer Andy Schleck (Leopard Trek), der Glück im Unglück hatte. Der Luxemburger stürzte, aber schon innerhalb der 3-Kilometer-Zone – deshalb wurde er mit der Zeit der ersten Verfolgergruppe gewertet.

Contador war sich seiner prekären Situation nach der Zielankunft völlig bewusst: «Das ist ein schlechtes Ergebnis. Es wird jetzt hart, sogar sehr hart, jede einzelne Sekunde zurückzugewinnen. Aber die Tour ist noch lang, und der Wille kann Berge versetzen», sagte der umstrittene «Kletterkönig» zu seinem Fehlstart in die «Grosse Schleife».

Dagegen war Schleck neben Etappensieger Philippe Gilbert der grosse Gewinner eines ersten Tages, der von einigen schweren Stürzen geprägt war. «Es war zu erwarten, dass es eine nervöse und gefährliche Zielankunft gibt», sagte er: «Ich bin froh, dass ich nicht verletzt bin.»

Contador war Opfer eines Massensturzes etwa zehn Kilometer vor dem Ziel geworden. Ein Fahrer vom Team Astana war dabei mit einer Zuschauerin kollidiert und löste eine Kettenreaktion aus, Contador schaffte den Anschluss nicht mehr und rollte konsterniert über die Ziellinie auf dem Mont des Alouettes.

«Solche Ereignisse gehören zum Alltag des Beginns der Tour de France. Wir hätten uns ein anderes Szenario gewünscht und sicher nicht, dass Contador schon am ersten Tag Zeit auf seine wichtigsten Gegner verliert. Aber der Weg bis nach Paris ist noch weit und Contador bieten sich noch viele Gelegenheiten, die Situation zu korrigieren», sagte Bjarne Riis, Teammanager der Sportgruppe Saxo Bank-Sungard.

Der deutsche Tour-Veteran Jens Voigt, ein Teamkollege Schlecks, reagierte sportlich fair. «Es ist zynisch und bescheuert, zu behaupten, dass so etwas ein Vorteil ist», sagte der 39-Jährige: «Ich möchte nicht durch den Sturz eines anderen ein Rennen gewinnen. Niemand wünscht dem Gegner ein Unglück.» Allerdings werde es nun «schwer» für Contador, die Tour zum vierten Mal zu gewinnen».

Tagessieger Gilbert, der den Australier Cadel Evans und den norwegischen Sprinter Thor Hushovd auf die Plätze verwies, war nach den 191,5 km dagegen überglücklich. Der diesjährige «König der Ardennen» holte seinen ersten Tour-Etappensieg und wird heute im Mannschaftszeitfahren auch das erste gelbe Trikot tragen. «Alles ist perfekt gelaufen, es ist unglaublich», sagte der 28-Jährige, der als Favorit in die Etappe gegangen war.

Die Tour hatte nicht wie sonst mit einem Prolog, sondern mit einer regulären Etappe begonnen. Tour-Direktor Christian Prudhomme hatte nach der von Zuschauermassen gesäumten Passage du Gois das Rennen kurz vor 13 Uhr offiziell freigegeben. Auf der legendären «Strasse im Meer», die das Festland mit der Île de Noirmoutier verbindet und zweimal täglich vom Atlantik überspült wird, hatte der Schweizer

Alex Zülle 1999 durch einen spektakulären Sturz alle Chancen eingebüsst. Er verlor damals rund sechs Minuten auf den späteren Gesamtsieger Lance Armstrong, der am Ende den ersten seiner insgesamt sieben Tour-Siege holte. Diesmal blieben alle Fahrer im Sattel – bis es rund zehn Kilometer vor dem Ziel krachte.

Heute dürfte Contador weiteren Boden auf Andy Schleck verlieren. Beim Mannschaftszeitfahren über 23 km in Les Essarts gilt Schlecks Team Leopard Trek gegenüber dem Team Saxo Bank als überlegen.

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