Mit weniger Können wäre Patrick Küng gestern an der WM gar nicht dabei gewesen. Jetzt ist er Weltmeister in der Abfahrt: «Es ist wie im Traum. Ich kann es nicht glauben.»

Als der Weltcup im Dezember des vergangenen Jahres in Beaver Creek zu Gast war und auf der WM-Piste ein Super-G und eine Abfahrt stattfanden, schied Patrick Küng in beiden Rennen aus. In der Abfahrt wurde der 31-Jährige von einer Bodenwelle ausgehoben. Er flog spektakulär und quer durch die Luft und konnte nur durch Können einen Sturz verhindern. Wäre er gestürzt, wäre die Saison mit Sicherheit zu Ende gewesen. «Dann hätte ich die WM-Abfahrt auf dem Sofa verfolgt», blickt Küng zurück.

Es wäre eine weitere Verletzung in der Karriere von Patrick Küng gewesen. Der Glarner ist gleich alt wie Daniel Albrecht oder Marc Berthod und in jungen Jahren gleich schnell. Doch anders als die «Skizwillinge» Berthod und Albrecht, die bald Erfolge feierten, musste Küng bis zum 19. Januar 2009 warten, bis er zum ersten Mal ein Weltcuprennen bestritt. Eine schwere Beinverletzung warf ihn zuvor in seiner Entwicklung weit zurück.

Bis Küng sein erstes Weltcuprennen gewann, musste er noch deutlich länger warten. Erst im letzten Winter schlug er zu. Und – wie passend: in Beaver Creek. Am 7. Dezember 2013 gewann er im WM-Ort den Super-G. Im Januar folgte der Sieg in der Lauberhornabfahrt. Endlich, so schien es, spiegelte sich Küngs Talent in Resultaten wieder. In einer Zeit, als seine ehemaligen Weggefährten schon lange mit Verletzungen zurückgetreten sind (Albrecht) oder hinterherfahren (Berthod). Eine späte Wiedergutmachung? «Bin ich tatsächlich 31 Jahre alt? Vielleicht hat es alle Rückschläge gebraucht», sagt Küng.

Seine Pechserie ist eindrücklich. Als sich Küng ab 2010 langsam im Weltcup etablierte, wurde er ausgerechnet vor der Schweizer WM-Qualifikation krank und verpasste so die Titelkämpfe 2011. Im Februar 2012 riss er sich das Kreuzband und war im Comebackwinter an der WM 2013 in Schladming chancenlos. An die Olympischen Spiele in Sotschi im letzten Winter reiste er in Topform. Dann sorgte ein verdorbener Salat für grosse Magenprobleme. Ohne Kraft war er in den Rennen nicht für einen Podestplatz fähig. «Ich bin nur schon froh, dass ich einmal gesund an einem Grossanlass teilnehmen kann», sagte der Glarner vor den WM.

Gestern war seine Leidensgeschichte vergessen. Auf der «Birds of Prey» schrieb Küng ein Märchen mit Happy End. Er ist der erste Schweizer Weltmeister in der Abfahrt seit Bruno Kernen 1997. «Es ist nicht immer einfach, Skifahrer in der Schweiz zu sein. Der Druck und die Erwartungen sind enorm. Es ist ja nicht so, dass wir es seit 1997 nicht versucht hätten», erklärt Küng die lange Durststrecke.

Gestern ist ihm die perfekte Fahrt gelungen. Was man von Beat Feuz nicht behaupten konnte. Trotzdem freute sich der 27-Jährige über Bronze hinter dem Amerikaner Travis Ganong. «Noch vor zwei Jahren hätte wohl niemand daran geglaubt, dass dies möglich sein könnte», sagt Feuz. Seine Geschichte ist ebenso märchenhaft.

Vor drei Jahren entzündete sich das bereits elfmal operierte Knie von Feuz. Er verpasste dadurch nicht nur die ganze Saison 2012/13, seither ist sein verletztes Bein deutlich weniger muskulös als das andere. Tägliche Therapien, Schmerzmittel und Pausen gehören seither zu seinem Sportlerleben dazu. Wäre er in der Privatwirtschaft tätig, würde er wohl eine Invalidenrente beziehen können. Dass er überhaupt noch Skifahren kann, grenzt an ein Wunder.

Doch Feuz kämpfte sich zurück. Im vergangenen Winter fuhr er in seinem dritten Rennen nach seinem Comeback auf Rang sechs. In Beaver Creek! In dieser Saison stand er ebenfalls im WM-Ort auf dem Podest. Und gestern setzte auch er einen vorläufigen Punkt hinter das von ihm geschriebene Märchen. «Es ist unglaublich», sagt er. «Nachdem uns Hannes Reichelt am Lauberhorn den Sieg geklaut hat, habe ich gesagt, wir schlagen zurück.»

In Kitzbühel eine Woche später ist dies den Schweizern nicht geglückt. Dafür gestern im wichtigsten Rennen des Jahres. Neben Weltmeister Küng und Bronzegewinner Feuz klassierten sich auch Carlo Janka (9.) und Didier Défago (11.) vor dem besten Österreicher. Was für ein Tag!

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