Entweder sie fallen vor Schreck fast vom Velo oder halten ihn für verrückt. Die Velofahrer, denen dieser dunkelhäutige, hagere junge Mann vor dem Asylzentrum in Birr entgegenspringt. Und fragt: «Do you have a racing team for me?» So beginnt im Sommer 2012 Natnael Mesmers zweite Karriere als Radfahrer. Die in der Schweiz.

Die erste beginnt in der Hauptstadt von Eritrea, in Asmara. Mit einem Sturz mitten aufs Gesicht. Das Blut tropft zu Boden, der Nasenknochen liegt frei – aber das sind nur kleine Sorgen des fünfjährigen Natnael: Daheim darf seine Oma auf keinen Fall erfahren, dass er Velo fährt. Sie hat es verboten. Wie Natnael geht es auch seinen Kumpels. Um die Lust aufs Zweirad trotzdem zu stillen, treffen sie sich nachts in der Dunkelheit und fahren illegale Rennen. Jeder zahlt 20 Nakfa Startgeld, etwas mehr als 1 Franken. Die drei Erstplatzierten teilen sich den Pott. Natnael ist talentiert, fährt Jahr für Jahr besser als alle anderen in seinem Alter. Aber eben: Alles ist geheim. Velo, Helm und Renndress leiht er sich von seinen Kumpels. Bis er eines Tages doch auffliegt. «Oh, das gab Stress mit Oma.» Kurz darauf hat Natnael sie so sehr von seiner Leidenschaft überzeugt, dass Oma ihm ein Velo kauft.

Als er 18 ist, fährt er sein erstes legales Rennen. Und gewinnt. Er träumt von einer Karriere in Eritrea, wo Radsport seit der italienischen Besetzung in der Kolonialzeit Volkssport ist. Die besten Fahrer werden gefeiert wie Popstars. Auf dem Velo denkt Natnael an die Worte, die sein Vater zu ihm sagte, als sie zusammen ein Radrennen besuchten: «Hörst du, wie die Menschen den Namen des Siegers schreien? Wenn du fleissig bist, schreien sie auch einmal deinen Namen.» 1999 verliert Natnael seinen Vater ans Militär und zieht mit seinen zwei Schwestern zur Grossmutter. Der Vater blieb trotz Nachforschungen verschollen. Aber seine Worte vergessen hat Natnael nie.

Nach seinem 18. Geburtstag wird er vom Militär eingezogen. Pflicht für alle einigermassen gesunden Männer und Frauen. Meist bis zum Lebensende. So will es der Diktator. Am Anfang hat Natnael Glück: Weil er in Asmara stationiert ist, kann er weiter auf dem Velo trainieren. Doch irgendwann werden er und ein Kumpel 300 Kilometer weit ins Landesinnere geschickt, ins Haus eines Offiziers. Diesem muss er dienen wie ein Sklave. Das Velo bleibt in Asmara.

Anders als viele Gleichaltrige wehrt sich Natnael gegen sein Schicksal. In ihm wächst die Unzufriedenheit. Sie wird zu Wut. Und mündet im Jahr 2011 im Entschluss: «Ich muss raus aus diesem Land! Ich kann etwas, ich kann gut Velo fahren. Ich sagte mir: Natnael! Entweder du flüchtest – oder du stirbst ohne Geschichte!» Beim Gedanken an diese Zeit stockt Natnael. Die Stimme wirkt belegt, das Lächeln schwindet. «Ich musste mich entscheiden zwischen meiner Familie und einer besseren Zukunft.» Eines Nachts verlassen Natnael und sein Kumpel das Haus des Offiziers. Zu Fuss brechen sie auf. Ziel ist die Grenze zum Sudan. Auf dem Dreitage-Marsch denkt Natnael jede Sekunde an die, die er zurückgelassen hat. Es kommt der Moment, an dem er umdrehen will. «Ich brachte es nicht übers Herz, meine Familie zu verlassen.» Sein Kumpel zieht ihn weiter, sagt, es sei zwecklos. Mehr noch: Die Rückkehr wäre gleichbedeutend mit dem Gang ins Gefängnis. Oder in den Tod. «Seither habe ich meine Familie nicht mehr gesehen.»

Das andere Talent
Im Sudan besorgt sich Natnael falsche Papiere, fliegt nach Mailand und landet als Einziger seiner Fluchtgruppe in der Schweiz. Die anderen reisen weiter nach England oder Norwegen, weil die Aufnahme dort einfacher ist. Natnael aber will unbedingt in die Schweiz. Genauer gesagt nach Aigle im Kanton Waadt. Dort steht das Trainingszentrum des Radweltverbandes UCI. «Ich habe es mir so gedacht: Ich gehe zur Tür rein, stelle mich vor und beginne zu trainieren.» Natnaels naive Vorstellungen zerschellen am Schweizer Behördenapparat. Vom Auffanglager in Vallorbe wird er nach Birr im Kanton Aargau verlegt. Dort steht er auf die Strasse. «Do you have a racing team for me?»

Niemand kann ihm helfen. Also sucht er im Internet nach Adressen von Veloklubs und schreibt Briefe. Und tatsächlich: Eines Abends klingelt das Handy. Natnael versteht zu diesem Zeitpunkt zwar kein Deutsch. Doch er spürt, was der Mann am anderen Apparat sagt: «Ich habe da einen Kontakt für Sie.» Es ist Stefan, der Organisator des Brugger Abendrennens und heute Natnaels bester Freund. Stefan gibt ihm ein Rennrad und sagt: «Verkauf es nicht.» Es ist ein altes Rad, aber Natnael hütet es wie einen Schatz.

Das alte hat er mittlerweile eingetauscht gegen ein federleichtes Hightech-Gerät. Auch dieses ist geliehen. Als Sozialhilfeempfänger liegt ein eigenes Rennrad nicht drin. Immerhin: Vor zwei Jahren hat Natnael das Asylzentrum verlassen, jetzt wohnt er im Aarauer Nachbarort Suhr in einer Wohnung. Allein. «Aber das ist gut so. Dann muss ich raus, wenn ich etwas erleben will.» Als Mensch, sagt Natnael, sei er angekommen. Er sei schon ein bisschen Schweizer geworden, komme immer pünktlich und mag Döner-Kebab. «Das ist doch schweizerisch?» Auch sein Deutsch ist erstaunlich gut für einen, der erst vier Jahre hier lebt. Was hauptsächlich damit zu tun hat, dass er kaum Kontakt zu anderen Eritreern pflegt. Das wurmt ihn zwar. Manchmal macht es ihn auch traurig, weil er gerne wieder einmal in der Muttersprache über die Heimat reden würde. Aber der Kopf sträubt sich dagegen. «Die meisten Eritreer bleiben unter sich, sie zeigen keinen Willen zur Integration. Das ist total falsch. Ich will vorwärtskommen.» Zuletzt absolvierte er an der Kunstschule in Aarau einen Vorkurs. Im Hinblick auf das Studium an der Hochschule für Kunst in Luzern, für das er sich bewirbt. Nebenbei jobbt er als Tätowierer.

Sein künstlerisches Talent setzt er auch im Radsport ein, Natnael hat die Trikots seines zukünftigen Teams MG Project entworfen. Seine Teamkollegen dort sind die gleichen, mit denen er bisher für das EKZ-Racing Team aus Hägendorf gefahren ist. «Der Sponsor hat sich leider zurückgezogen. Wir wollten als Gruppe aber unbedingt zusammenbleiben.» Als Elitefahrer sind seine Bühne mittelgrosse Rundfahrten und Eintagesrennen in Europa. Geld verdient er keines mit dem Sport, einzig Material, Kost und Logis werden übernommen. «Das Niveau in der Schweiz», sagt Natnael, «ist gut. Besser als gedacht.» Nur etwas habe ihn damals vor dem ersten Wettkampf erstaunt: «Alles war so professionell mit den vielen Autos und den Kameras. Doch dann standen auf der ganzen Strecke nur vier, fünf Leute. In Eritrea kommen 50 000.»

Eine solche Kulisse bieten in Europa nur die grossen Rundfahrten. «Einmal an der Tour de France zu fahren, das wäre ein Traum.» Und um sich diesen zu erfüllen, schuftet Natnael wie ein Berserker. Sechs Mal die Woche sitzt er auf dem Velo. Während der einsamen Fahrten malt er sich aus, wie es als Profi wäre – und lächelt. Hat er mal einen schlechten Tag, nimmt er den iPod zur Hand und hört sich Radiokommentare früherer Tour-de-France-Etappen an.

Hoffen auf das Wunder
Realistisch gesehen bleibt die «Grand Boucle» auch für Natnael ein Traum. Er sagt, er habe die nötigen Werte, um Profi zu werden. Doch er ist bereits 27, hat eine lückenhafte Rennfahrer-Biografie und kaum Erfahrung in Europa. Sollte ihn eines der grossen Teams der Pro Tour unter Vertrag nehmen, wäre das ein Wunder. Ob Natnael das auch so sieht? Er weicht aus und gibt sich kämpferisch: «Ich weiss, ich kann das Niveau für die Tour de France erreichen. Meine Leistungswerte sind top. Was ich brauche, sind Sponsoren und eine Chance.»

Jetzt, wo er all die administrativen Dinge wie Deutschkurse und Wohnungssuche hinter sich hat, setzt er nochmals alles auf die Karte «Profi». Bis 2019 gibt er sich Zeit. Hat er Angst vor dem Moment, an dem er sich eingestehen muss, es nicht geschafft zu haben? «Fragen Sie nicht. Ich glaube, das würde ich nicht verkraften. Alles, was ich durchgemacht habe, wäre auf einen Schlag wertlos.» So schlimm? Sie haben doch mit der Kunst ein anderes Standbein mit Perspektiven? Natnael richtet sich im Stuhl auf und sagt: «Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, um zu zeigen, was mir der Radsport bedeutet: Auf einer Rundfahrt in Frankreich war ich am Vortag gestürzt. Ich habe Schmerzen am ganzen Körper, aber ich mache weiter. Wir fahren eine Passstrasse runter, es regnet und die Strasse ist ölverschmiert. Da passiert es: Ich stürze erneut. Die Schmerzen sind kaum auszuhalten, ich kann mich nicht mehr bewegen. Als unsere Pflegerin zu mir kommt, sage ich: ‹Das wars, ich gebe auf.› Sie: ‹Mit der Rundfahrt?› Ich: ‹Nein, mit dem Radfahren. Ich fahre nie mehr.›»

Am nächsten Tag fahren seine Teamkollegen im Bus die 300 Kilometer heim in die Schweiz. Natnael nicht. Er nimmt das Velo.

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