VON FELIX BINGESSER

Scheitert die Schweiz an einem Schweizer? Das Spiel der Schweizer Nationalmannschaft am nächsten Freitag in Montenegro ist eine Schlüsselpartie. Und der 23-jährige Elsad Zverotic ist dabei eine Schlüsselfigur. Er, der sich vor einigen Jahren entschieden hat, für Montenegro und damit für die Heimat seines Vaters, statt für die Schweiz, zu spielen. «Damals musste ich lange auf den Schweizer Pass warten. Darum spiele ich jetzt für Montenegro», sagt Doppelbürger Zverotic. Und jetzt ist der junge Mann, der mit seinem ersten Länderspieltor den Siegestreffer gegen Bulgarien erzielt hat, in den Fokus gerückt.

Nun sitzt er da, am Rande des Trainingsgeländes in der Allmend. Er erzählt seine Geschichte und diese Geschichte wiederholt sich so oft in diesen Jahren im Schweizer Fussball. Der Vater kam mit 22 Jahren aus Montenegro in die Schweiz und fand Arbeit auf dem Bau. Als Elsad vier Jahre alt war, kam es zum Familiennachzug und heute spricht Elsad in fast lupenreinem Ostschweizer Dialekt.

Er erzählt von seiner Jugendzeit, von den fussballerischen Anfängen in Wattwil und in Bazenheid und später beim FC Wil. Dort spielte er zusammen mit seinem Cousin Anes Zverotic, der mittlerweile beim Erstligisten Tuggen seine Tore schiesst. Er erzählt auch von seinem elfjährigen Cousin Amil, der in seinem Alter zu den hoffnungsvollsten Talenten im Tennis gehört. Der Umgang mit grösseren und kleineren Bällen scheint der Familie in die Wiege gelegt.

Das hat vor zweieinhalb Jahren auch Ciriaco Sforza erkannt, der Zverotic zum FC Luzern geholt hat. Dort hat sich der dynamische und kämpferische Aussenverteidiger mittlerweile einen Stammplatz erarbeitet. «Wenn er jetzt aber auch noch die Schweiz abschiesst, dann landet er im Nachwuchs», lacht Luzern-Trainer Rolf Fringer. Zverotic hat mit seinem Tor gegen Bulgarien in der Heimat seines Vaters eine Euphorie ausgelöst. Nach zwei Spielen und sechs Punkten hat das Team, das erst vor drei Jahren und nach der Loslösung von Serbien sein erstes Länderspiel bestritten hat, eine hervorragende Ausgangslage in dieser EM-Qualifikation.

Und nicht nur im Fussball, sondern auch im Basketball und im Wasserball (Europameister 2008) ist Montenegro mit weniger als einer Million Einwohnern eine Hochburg im Mannschaftssport. In der Fifa-Weltrangliste ist das Team bereits auf Platz 40 und damit vor Mannschaften wie Kolumbien, Schottland, Österreich oder Belgien klassiert.

«Meine Heimat ist die Schweiz. Ich habe der Schweiz alles zu verdanken», sagt Zverotic, «aber mein Blut ist aus Montenegro». Damit will er sagen, dass er sich in der Heimat seines Vaters wohl fühlt und sein Entscheid, für Montenegro zu spielen, nicht nur pragmatisch, sondern auch emotional begründet ist. «Ich bin ein mediterraner Typ. Obwohl ich nahe an den Bergen aufgewachsen bin, fahre ich nicht Ski. Ich liebe den Strand und die Wärme.» Die geniesst er seit Jahren im Sommer an der Adriaküste. Dort, im Touristenort Bar, hat die Familie ihr Sommerhaus.

Nun steht Zverotic, der an seinen freien Tagen immer zur Familie und zu seiner Freundin nach Wattwil fährt, vor den turbulentesten Tagen seiner Karriere. Heute steht der Spitzenkampf gegen die Young Boys auf dem Programm und bereits morgen fliegt er in die montenegrinische Hauptstadt Podgorica. «Dort wird am Freitag beim Spiel gegen die Schweiz die Hölle los sein», sagt er. Sein Zimmerkollege, der überragende Angreifer Stevan Jovetic von der AC Fiorentina, ist verletzt.

Dafür steht mit Mirko Vucinic von der AS Roma ein anderer herausragender Spieler im Kader. «Ansonsten leben wir vom Teamgeist und der tollen Stimmung», sagt Zverotic. Das junge Land hat das Nationalteam als ein Vehikel entdeckt, das Identität stiftet. Das freut auch Verbandspräsident Dejan Savicevic, der einst mit Milan die Champions League gewonnen hat «und mit dem ich auch schon Kaffee getrunken habe», wie Zverotic sagt.

Die Geschichte von Elsad Zverotic ist die Geschichte eines jungen Mannes, wie es sie im Schweizer Sport immer öfter gibt. Ein Sohn von Einwanderern macht Karriere, er schafft den sozialen und sportlichen Aufstieg und wird irgendwann vor die Wahl gestellt, ob er für sein Vaterland oder sein Heimatland Fussball spielen soll. Zverotic hat sich für sein

Vaterland entschieden. Das Spiel vom nächsten Freitag wird für ihn zum ganz grossen Erlebnis. Und für sein Heimatland Schweiz hat es gar kapitalen Charakter. Es wäre Ironie des Schicksals, der Schweizer Zverotic würde die Schweiz ärgern.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!