Auf der Piste führte Tina Maze im Super-G von St. Moritz mit über einer Sekunde Vorsprung auf die Konkurrenz und schien auf bestem Weg, den zweiten Teil ihres angekündigten Engadiner Hattricks zu realisieren. Aber Lindsey Vonn wäre nicht Lindsey Vonn, wenn sie diese Herausforderung nicht angenommen hätte. Mit 0,37 Sekunden wies sie die Slowenin in die Schranken und feierte ihren 57. Weltcupsieg.

Was verbal zwischen den beiden abseits der Piste ablief, lässt sich weniger genau erfassen als der Kampf um Zehntel- und Hundertstelsekunden. Tina Maze eröffnete den Zickenkrieg mit einer beiläufigen Bemerkung im Ziel-Interview: «Lindsey Vonn muss ein grossartiges Rennen gefahren sein, denn meine Fahrt war nahezu perfekt. Ich respektiere ihre Leistung. Aber ich erwarte von ihr, dass sie mir den gleichen Respekt entgegenbringt. Ihre Äusserung über mich hat mich schwer enttäuscht!» Was hat sie denn gesagt? «Da müsst ihr Lindsey selber fragen!»

In der Zwischenzeit weilte Mazes Teamchef und Freund Andrea Massi bereits im TV-Übertragungswagen und schaute sich die Aufzeichnungen von Lindseys Jubelszenen im Ziel an. Mit dem nicht gerade Ladie-liken Ausdruck «Fuck you, Maze» soll sie über ihre Rivalin hergefallen sein. «Nichts dergleichen habe ich gesagt», widersprach Lindsey Vonn angeblichen Ohrenzeugen. «Ich habe lediglich gesagt: That’s fucking right!» Aber phonetisch lassen sich die beiden Ausdrücke «Fuck you, Maze» und «That’s fucking right» kaum verwechseln? Vonn nochmals: «Ich habe nichts anderes gesagt, hundertprozentig. Da könnt ihr alle Aufzeichnungen abspulen. Ihr werdet nichts finden.»

Vor zwei Jahren kündigten Lindsey Vonn und Maria Riesch ihre langjährige Freundschaft auf und kredenzten ihren sportlichen Zweikampf mit verbalen Seitenhieben. Nun erlebt das in der Boxszene populäre «Ballyhoo» offenbar eine Neuauflage im Kampf um den Weltcup-Gesamtsieg 2012/13, der Tina Mazes erklärtes Ziel ist: «Ich habe genug von den vielen Ehrenplätzen. Jetzt will ich die grosse Kristallkugel.

Darauf arbeite ich hin. Von Jahr zu Jahr komme ich diesem Ziel einen Schritt näher.» Mit ihrem Pop-Song «My way is my decision» führt sie seit Wochen die slowenischen Charts an. Auch im Skisport geht sie unbeirrt ihren Weg zur Nummer 1.

«Ich will nicht mehr Zweite sein», schwor sie sich nach dem letzten Winter, als sie in der Gesamtwertung, 500 Punkte hinter Vonn, mit dem zweiten Rang vorlieb nehmen musste und insgesamt zehnmal auf dem Podest stand, aber nie als Siegerin. Nun weist sie vor dem heutigen Riesenslalom trotz ihrer «Niederlage» im Super-G in der Gesamtwertung immer noch 163 Zähler Vorsprung auf.

Lindsey Vonn ist für einmal die Jägerin und nicht die Gejagte. «Ich fahre nicht gegen jemand, weder gegen Maria, Lara noch gegen Maze», relativiert die Amerikanerin. «Ich versuche einfach so gut zu fahren, wie ich kann. Wenn jemand Druck erzeugt wie jetzt Tina, die in allen Disziplinen stark ist, erhöht das die Motivation. Aber für mich ändert sich nicht viel. Gestern im Kombi-Super-G fühlte ich mich unsicher. Deshalb wollte ich heute wieder das Gefühl zurückbekommen. Dass mir das gelungen ist, freut mich am meisten – mehr als ein Sieg über Tina.» Doch so etwas wie versöhnliche Worte?

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