Die Französische Revolution hat am Ende des 18. Jahrhunderts die bestehende Ordnung in Europa gestürzt und die Menschen in der Schweiz verunsichert. Neue revolutionären Ideen («Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit») drohen über alle Grenzen hinweg das überlieferte Schweizer Brauchtum zu verdrängen, ja stellen die Existenz der Schweiz infrage. In dieser bewegten Epoche leiden die Schweizer zudem unter französischer Fremdenherrschaft und inneren Streitigkeiten: Tief sind die Gräben zwischen Stadt und Land. Ein klein wenig mahnt diese Ausgangslage an die heutige Zeit.

Gäbe es Unspunnen nicht, dann würde das Fest heute von einer politischen Partei wie der SVP erfunden. Die Verknüpfung mit der SVP mag politisch nicht ganz korrekt und eine saloppe Formulierung sein. Aber sie hilft uns, das Wesen und Wirken des Unspunnen-Spektakels besser zu verstehen: Die Ursprünge dieses Festes sind nämlich nicht sportlicher oder schwingtechnischer, sondern politischer und kultureller Natur.

Weitsichtige Männer aus der Stadt Bern «erfinden» 1805 Unspunnen: Der Offizier Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833), der Regierungsbeamte Friedrich Ludwig Thormann (1762–1839), der Kunstliebhaber Franz Sigmund Wagner (1959–1835) und der geschäftstüchtige, zeitweise im Schloss Interlaken wohnende Maler Franz Niklaus König (1765–1832). Nach langen Jahren der Demütigung durch die Franzosen soll dem Schweizervolk endlich wieder einmal Gelegenheit zu echter Festfreude geboten werden, sollen schweizerische Kampfspiele und Lieder das Selbstvertrauen und das Nationalbewusstsein stärken. Eine ähnliche Idee wird im 20. Jahrhundert zu Veranstaltungen wie der Expo führen.

Die vier «Unspunnen-Erfinder» ahnen kaum, dass dieses Folklore-Festival mit dem so urtümlich klingenden Namen einer verlassenen Burgruine bei Interlaken auch 200 Jahre später im 21. Jahrhundert die Massen faszinieren wird. Das erste, zweitägige Unspunnen-Fest von 1805 wird für das Schweizer Brauchtum sozusagen das, was die drei Tage von Woodstock 1969 für die Hippies sein werden: Mythos und Erweckungserlebnis.

Mit Unspunnen wird die alte Hirtenkultur vor dem Untergang bewahrt und in die neue Zeit hinübergerettet. Über 3000 Zuschauer kommen – für die damalige Zeit, als das Reisen mühsam war und es noch keine Eisenbahn und keine Autos gab, ein gewaltiger Aufmarsch. Zahlreiche Publikationen verbreiten die wieder belebten Schweizer Volksbräuche in Wort und Bild in ganz Europa. Berühmt ist die Unspunnen-Schilderung der Pariserin Elisabeth Vigée-Lebrun in ihren Memoiren «Souvenier de ma vie»: «Die Hirtinnen und Hirten sangen im Chor geistreiche und harmonische Lieder; die Alphörner antworteten sich gegenseitig.

Dieser Moment war so überwältigend, so feierlich, dass mir die Tränen kamen. Ich war nicht die Einzige, die solche Emotionen zeigte. Jeder fühlte das Gleiche.» Die Bedeutung von Unspunnen für das Heimatgefühl der Schweizer und die Anerkennung der schweizerischen Eigenart und Kultur in ganz Europa in einer bewegten, unruhigen Zeit kann im Rückblick gar nicht hoch genug bewertet werden. Und ganz nebenbei gelingt es auch, den Tourismus zu befeuern und die einsetzenden Ströme des Fremdenverkehrs nach Interlaken umzuleiten.

Es geht also um Politik und nicht um Sport. Das Schwingen spielt bei den ersten Unspunnen-Festen keine zentrale Rolle. Es sind vielmehr «alpenländische Spiele». Neben Schwingern wetteifern auch Steinstösser, Schützen, Alphornbläser und Jodler um Naturalpreise. Der Eidgenössische Schwingerverband wird erst 1895 gegründet. Die heutige Struktur – alle zwölf Jahre das grosse, alle sechs Jahre das kleine Fest – bekommt der «Mythos Unspunnen» erst in der zweiten Hälfte 20. Jahrhunderts.

Seit 1987 ist das Unspunnen-Schwingfest abwechselnd mit dem Kilchberg-Schwinget alle sechs Jahre offiziell die Revanche für das Eidgenössische. Es findet also alternierend mit dem Kilchberg-Schwinget jeweils im Jahr nach dem Eidgenössischen statt. 2008 war Kilchberg die Revanche für Aarau 2007, nun ist Unspunnen jene für Frauenfeld 2011 und Kilchberg 2014 wird die Retourkutsche für das Eidgenössische von 2013 in Burgdorf sein.

Erst seit 1987 ist Unspunnen ein Fest mit eidgenössischem Charakter: Wie beim Eidgenössischen nehmen die «Bösen» aus allen Teilverbänden teil. Zuvor war es vor allem ein Fest der Berner und Innerschweizer gewesen.

Unspunnen ist besser als Woodstock. Woodstock ist 1969 einmalig geblieben. Eine Wiederholung im gleichen Stil hat es nie mehr gegeben. Unspunnen aber erlebt immer und immer wieder Neuauflagen. Der nächste Unspunnen-Schwinget ist für 2017 im Rahmen des grossen Alphirtenfestes und als Revanche fürs Eidgenössische 2016 geplant.

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