VON FELIX BINGESSER

Als der mittlerweile 44-jährige Gianni Di Renzo noch Fussballer beim damaligen Challenge-League-Klub Glarus war, da hat ihm der Verein schriftlich verboten, mit seinen Kollegen zu Jassen, zu Pokern oder andere Glücksspiele zu betreiben. «Wenn wir jeweils an ein Auswärtsspiel in Genf gefahren sind, da habe ich auf der Fahrt mit dem Bus meinen Mitspielern beim Jassen schon ihre Einsatz- und Punkteprämien abgenommen, bevor die Partie angepfiffen wurde. Der Verein hatte damals das Gefühl, dieser Umstand sei nicht unbedingt leistungsfördernd, und hat mir das Kartenspiel verboten», lacht Di Renzo.

Jassen, Pokern und Wetten war für ihn immer eine Leidenschaft. Angefangen hat es auf dem Pausenplatz, es hat sich fortgesetzt in der Ausbildung und war intensiv, als er Profifussballer bei Glarus und später beim FC Lugano war. Zwei Dinge sind ja bei Profifussballern grundsätzlich immer vorhanden: Zeit und Geld. Mittlerweile ist der zweifache Familienvater ein erfolgreicher Geschäftsmann und betreibt im Raum Glarus drei Boutiquen.

Die Leidenschaft zum Spielen und Wetten, dieser ständige Drang zum «Kick» und «Adrenalinschub» ist aber bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. «Ich bin eine Spielernatur. Aber man muss ehrlich zu sich selber sein und sich abgrenzen. Von der Leidenschaft bis zur Sucht ist es ein ganz schmaler Grat. Ich mache ganz bewusst immer wieder längere Spiel- und Wettpausen», sagt Di Renzo. Das Glücksspiel ist seit vielen Jahren eng mit dem Profifussball verknüpft. Und nicht wenige ehemalige Berufsfussballer sind nach dem Ende ihrer Karriere der Spielsucht verfallen.

Als ihm der «Sonntag» einen Besuch abstattet, sitzt Di Renzo im Hinterzimmer einer seiner Boutiquen. Er hat an diesem Donnerstag beim Frauen-Länderspiel Griechenland gegen Georgien eine Wette platziert und verfolgt den Spielverlauf, derweil er parallel dazu im Internet eine Partie Poker spielt. Die zwei Frauen-Fussballmannschaften kennt er nicht, über ihre Spielstärken ist er nicht im Bild. «Aber ich habe die Quoten genau studiert und muss jetzt einfach den Spielverlauf verfolgen, um noch Zusatzwetten zu platzieren.» Das hat er früher beim führenden Wettanbieter «bet and win» gemacht.

Aus «bet and win» mit Sitz in Wien und einer Lizenz aus Gibraltar ist mittlerweile die Firma «bwin Interactive Entertainment» geworden. «bwin» macht Trikotwerbung bei der AC Milan und bei Real Madrid. Allein das Engagement beim spanischen Topklub lässt man sich jährlich 20 Millionen Euro kosten. Die Firma macht grosszügig Werbung, die PR-Maschinerie läuft wie geschmiert.

Mit der Grosszügigkeit ist es aber schnell einmal vorbei, wenn jemand zu clever wettet oder zu viel gewinnt. Nachdem nämlich Di Renzo seine Wetten ein halbes Jahr lang bei «bwin» platziert hatte, da wurde ihm schriftlich mitgeteilt, dass er ab sofort eine «Einsatzlimite» von nur noch 250 Franken habe.

Und kurze Zeit später wurde er ganz «des Feldes verwiesen». «Anhand ihrer Wettgewohnheiten haben wir uns entschieden, von ihnen keine Wetten mehr anzunehmen», wurde ihm nun beschieden. Obwohl er seine Einsätze korrekt bezahlt und nur die angebotenen Wettmöglichkeiten genutzt hat.

Was sind denn seine «Wettgewohnheiten»? Er selber mag nicht von einem Erfolgssystem reden und sagt: «Es gibt kein System mit Erfolgsgarantie. Aber man kann das Risiko minimieren.» Die Vorgehensweise bei seinen Fussballwetten ist ausgeklügelt. Er wettet nicht einfach auf einen Spielausgang, sondern auf die Anzahl erzielter Tore bei verschiedenen Spielen, kombiniert diese Wetten miteinander und sichert sie im Notfall mit Zusatzwetten während der Spiele ab.

Dann sitzt er jeweils mit dem Laptop vor dem Grossbildschirm und schaut sich auf der Konferenzschaltung bei Sky alle Spiele an, um sofort reagieren zu können. Und wenn ihn die Lust packt, dann platziert er am nächsten Morgen um 10 Uhr noch eine Wette bei der australischen Fussball-Meisterschaft. «Weil die dann am Spielen sind.»

Aufgeschreckt worden ist auch er, als er vom grössten Wettskandal der europäischen Fussballgeschichte gehört hat. «Mein erster Gedanke war, dass ich sicher auch schon betroffen war. Schon einige Male haben mich kuriose Tore in den Schlussminuten um saftige Gewinne gebracht.»

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