Hat Ernst Schläpfer, der König von 1980 und 1983, einen Vogel? Anders lässt sich seine Attacke gegen Paul Vogel, Präsident des Innerschweizer Teilverbandes, fast nicht erklären. Schläpfer gibt per Facebook (siehe Ausriss) gegen den designierten neuen Eidgenössischen-Obmann Vollgas. Wörtlich schreibt der Doktor der Agrarwissenschaft (seine Dissertation trägt den Titel: «Bewertung und Einschätzung von Schlachttieren der Kategorien Kühe, Jungbullen und Kälber unter schweizerischen Verhältnissen») und Rektor einer Berufsschule unter anderem: «Nun will der Streitgüggel Vogel also tatsächlich Obmann werden. [...] In seiner Geschichte hatte der ESV wohl noch nie einen Obmann der so wenig Schwinger war. Vom Schwingen versteht er nichts, steht nicht wie ein Schwinger zu seiner Meinung und hat keine Ahnung von Traditionen. Das wird ja richtig lustig für diesen Verband: Hoffentlich wird aus dem Vogel kein Pleitegeier!»

Paul Vogel ist erfolgreicher Unternehmer in der Holzbaubranche und beschäftigt über 60 Leute. Er mag es nicht, wenn er öffentlich von einem der berühmtesten Schwinger aller Zeiten als Pleitegeier verhöhnt wird. Er hat deshalb gegen Ernst Schläpfer Strafanzeige eingereicht. «Das ist richtig», bestätigt er auf Anfrage. «Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, kann ich dazu aber keine weiteren Angaben machen.» Der amtierende Obmann Mario John, wie Ernst Schläpfer aus dem Ostschweizer Teilverband, bedauert diesen juristischen Hosenlupf. Es sei schade, dass der Streit nicht unter Schwingern geregelt werden könne und nun zu einer Strafanzeige geführt habe. «Schläpfer hat so viel für das Schwingen geleistet. Als Schwinger und später als Obmann. Hoffentlich wird die Sache jetzt nicht in der Öffentlichkeit breitgetreten.»

Die ganze Geschichte hat ihren Ursprung in einer erbitterten Familienfehde. Ernst Schläpfer und sein Göttibub Jörg Abderhalden, der König von 1998, 2004 und 2007, sind heftig zerstritten. Schläpfer wollte während seiner Amtszeit als Obmann (2008 bis 2012) Jörg Abderhalden wegen Verstössen gegen das Werbereglement bestrafen, wurde aber von den Kollegen im Zentralvorstand überstimmt. Paul Vogel, als Innerschweizer Präsident auch im Gremium, löste das Problem mit einem klugen Antrag auf Änderung beziehungsweise Präzisierung des Werbereglements. Obmann Ernst Schläpfer trat daraufhin im Zorn zurück und scheiterte hernach bei einem Comeback-Versuch kläglich. Weshalb jetzt Mario John seine Amtszeit zu Ende bringt. Jörg Abderhalden lebt seit Schläpfers Rücktritt mit der schwingerischen Obrigkeit in Frieden und hat alle geforderten Abgaben an den Verband aus den Werbeverträgen anstandslos und pünktlich bezahlt.

Turnusgemäss darf nun der Innerschweizer Teilverband nach den Nordostschweizern den Obmann stellen. Als einziger Kandidat für die Nachfolge von Mario John stellt sich von den Innerschweizern Paul Vogel zur Verfügung. Aber für Ernst Schläpfer, der heute im Schwingen kein Amt mehr ausübt, ist Paul Vogel als Obmann offensichtlich nicht tragbar.

Die Frage aber lautet: Hat der Ostschweizer Ernst Schläpfer in der Innerschweiz Anhänger, die er gegen Paul Vogel in Stellung bringen kann? Mario John vermutet allenfalls Schläpfer-Jünger im Umfeld des Schwyzer Kantonalverbandes. Doch reicht das, um am Ende den Innerschweizer Verbandspräsidenten zu zermürben und ihn davon abzuhalten, an der Eidgenössischen- Delegiertenversammlung im nächsten Jahr für den Posten des Obmannes zu kandidieren? Paul Vogel lässt sich nicht auf die Äste hinaus: «Ich sage jetzt weder Ja noch Nein.» Erst einmal komme es drauf an, wie sich die Delegiertenversammlung der Innerschweizer dazu stelle. Sollte Paul Vogel auf eine Kandidatur für das höchste Schwingeramt verzichten, gibt es keinen anderen Innerschweizer Kandidaten. Dann wird wohl entweder Mario John eine weitere Amtsperiode anhängen oder ein Berner käme zum Zuge.

Abzuwarten ist natürlich noch, wie der juristische Schlussgang zwischen Ernst Schläpfer und Paul Vogel ausgeht. Die Gefahr einer Anklage und einer Verurteilung nach Art. 173 StGB («üble Nachrede») ist erheblich. Dabei müsste doch gerade Ernst Schläpfer wissen, dass er besser nicht mit den Innerschweizern streiten sollte. 1986 in Sion ist er schliesslich vom Innerschweizer Harry Knüsel im «Eidgenössischen» Schlussgang sensationell entthront worden.

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