Diesen Titel wird Patrick Küng keiner so schnell entreissen. Im kürzesten Rennen auf der längsten Abfahrtspiste der Welt geht er als erster Lauberhorn-Sprintkönig in die Geschichte ein. Nach 1:32,66 jubelte der Glarner im Ziel und zitterte darauf gut eine halbe Stunde in der Leaderbox, bis sein erster Triumph feststand: «Das war fast anstrengender als das Rennen.»

Wegen orkanartiger Winde erfolgte der Start an der Minschkante – vor einer fünfstelligen Zuschauerkulisse im Gegenhang. «Noch nie sind wir in einem Lauberhornrennen von so weit unten gestartet», erinnert sich der neue OK-Chef Urs Näpflin. Für einmal stellte das Ziel-S, wo sonst die Oberschenkel brennen, konditionell keine besondere Herausforderung dar. Da sich 15 Fahrer binnen einer Sekunde klassierten, kam es dort gleichwohl auf jeden Hundertstel an. Küng zog wie auf Schienen durch und errang seinen ersten Abfahrtssieg – eineinhalb Monate nach der Premiere im Super-G in Beaver Creek.

30 musste er werden (geboren wurde er am 11. Januar), bis er im 40. Weltcup-Abfahrtsrennen endlich reüssierte. «Aber», relativiert Küng gleich selber, «für einen Abfahrer ist das noch kein Alter. Wenn ich mich auf dem Podest umschaue, bin ich mit Abstand der Jüngste. Aksel Lund Svindal ist 32, Hannes Reichelt 34.» Beide müssen weiterhin auf einen Erfolg in diesem Klassiker warten. Reichelt schaffte es zum dritten Mal in Serie aufs Podest, Svindal im achten Versuch zum ersten Mal.

«Und auch Cuche konnte ja hier nie gewinnen», erlaubte sich Küng zu sagen. «Aber versteht mich richtig: Ich möchte mich in keinster Weise mit Didier vergleichen.» Und doch sind Vergleiche erlaubt: Didier Cuche gewann 21 Weltcuprennen, 17 im Alter von über 32 Jahren. Und noch etwas: Auch Didier Cuche lancierte einst 1998 in Kitzbühel seine Karriere mit einem Sieg in einem Sprintrennen.

Erst 2009 kam Küng, als 25-Jähriger, zu seinem ersten Weltcup-Einsatz – ebenfalls in Wengen. In der Superkombination holte er als 19. auf Anhieb Weltcuppunkte. In der Abfahrt musste er sich indes mit einem 44. Rang begnügen. «Damals», so Küng,» war es schwierig, einen Weltcup-Startplatz zu bekommen, weil sich unter den ersten 30 der Weltrangliste sieben, acht Schweizer befanden.»

2006 stand Küngs Karriere nach einem Schien- und Wadenbeinbruch an beiden Beinen auf der Kippe: «Einige Wochen sass ich im Rollstuhl.» Erst nach genau 100 Europacup-Rennen (und vier Siegen) schaffte er im Weltcup Fuss zu fassen. Schon damals assistierte ihn Simon Rothenbühler als Trainer. Später kam Servicemann Franz Nadig, ein Neffe von Marie-Theres Nadig, dazu.

«Franz und ich stehen uns sehr kritisch gegenüber», schildert Küng das Verhältnis, «ich gegenüber ihm – und er gegenüber mir. So wäre ich hier lieber jenen Ski von Val Gardena gefahren. Franz wollte aber einen neuen ausprobieren und setzte sich durch.» Zum Glück. Auch die Zusammenarbeit mit Rothenbühler bezeichnet Küng als «intensiv, vor allem in dieser Saison. Unser Abfahrtschef Walter Hubmann gewährt uns den nötigen Freilauf. Auch das ist wichtig.»

So haben die atmosphärischen Störungen im Abfahrtsteam ein vorläufiges Happy End gefunden. «Es gibt immer Unstimmigkeiten», sagt Alpinchef Rudi Huber. «Jeder hat seine Meinung. Auch unter Trainern gibt es Competitions. Wenn wir nur Ja-Sager und Befehlsempfänger hätten, kämen wir im Team nicht weiter.»

Huber liess sich etwas Besonderes einfallen. Er lud Annemarie Moser-Pröll, die wie er aus Wagrein stammt, nach Wengen ein. Offenbar taugt die erfolgreichste Skirennfahrerin aller Zeiten (62 Siege) auch als Maskottchen. Küng hatte ein anderes Vorbild aus seiner Heimat: «Ich freute mich jedes Mal, wenn Vreni Schneider mir zu einer guten Leistung gratulierte.»

Inzwischen hat sich Küng von Vorbildern emanzipiert: «Ich bin in so etwas wie eine Leaderrolle geraten, ob ich will oder nicht. Aber ich kann damit umgehen.» Und standesgemäss wird er von einer renommierten Agentur betreut – Infront/Ringier. So kann er verkraften, dass sein Sponsor Ovomaltine aus strategischen Gründen aussteigt. Eine bessere Empfehlung als einen Lauberhornsieg gibt es kaum.

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