Peter Müller, Sie hinken?
Peter Müller: Beim Joggen habe ich mir den Fuss übertreten. Ein Band ist angerissen.

Vor 25 Jahre hätten sich die Skifans grosse Sorgen gemacht, wenn Sie Anfang Januar verletzt gewesen wären.
Die Verletzung ist nicht schlimm. Mit dieser hätte ich auch Skirennen fahren können. Schliesslich bin ich auch einmal mit einem gebrochenen Arm gefahren – und habe gewonnen.

Früher waren Ihre Silvester-Partys berühmt-berüchtigt. Ihre Gäste mussten zuerst auf den Wildspitz rennen, den höchsten Berg des Kantons Zug, bevor es an den gedeckten Tisch ging.
Verrückte Sachen mache ich auch jetzt ab und zu. Eine Skitour auf den Pfannenstock im Kanton Schwyz lag auch diesmal drin. Ich achte darauf, dass ich fit bleibe. Das Alter geht auch an mir nicht spurlos vorbei.

Sie haben immer noch das Idealgewicht des ehemaligen Spitzensportlers?
Ich bin ein, zwei Kilo leichter. Die Beine sind dünner geworden, weil ich mehr Ausdauersport betreibe.

Auch Kinder fahren immer weniger Ski. Ihre eigenen Töchter sind zum Handball und Orientierungslauf abgewandert.
Die Politik wäre gefragt. Wintersport-Unternehmen kommen nicht darum herum, Millionen zu investieren, um sich über Wasser zu halten. Da Schweizer bei neuen Projekten in der Regel zurückhaltend und risikoscheu sind und erst aktiv werden, wenn ausländische Investoren auftauchen, hat das zur Folge, dass viele Skigebiete veraltet, aber trotzdem teuer sind. Viele Familien weichen aus Kostengründen nach Österreich aus – oder sie machen Badeferien, weil das günstiger ist. Bern müsste ein Gesetz schaffen, das Kindern unter 15 ermöglicht, unentgeltlich Sport zu treiben und Bergbahnen und Skilifte gratis zu benützen.

Auch die klimatischen Veränderungen sind ein Problem, Wintersportorte unter 1500 m leiden unter Schneemangel.
Die Problematik ist vorhanden. Aber wir dürfen in der Schweiz nicht jammern. Wir haben die beiden einzigen Skigebiete, die den ganzen Sommer offen sind. Um Zermatt und Saas-Fee beneidet uns die halbe Welt. Wir sind uns der Möglichkeiten, die unsere Viertausender bieten, gar nicht bewusst. Mit Innovations- und Risikofreude liesse sich sehr vieles realisieren.

Sie besitzen ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein.
Wenn man Reportagen sieht, wie das Meer von einem PET-Flaschen-Teppich überzogen wird, so gross wie Deutschland, muss man tatsächlich um die Umwelt fürchten. Oder wenn man an eine Autoausstellung geht, stellt man fest, dass 90 Prozent der Wagen übermotorisiert sind. Wieso braucht man im Flachland einen 4x4? Oder einen Geländewagen? Das ist völliger Blödsinn.

An solchen Äusserungen wird Bastien Girod Freude haben. Sind Sie ein
Grüner?

Ich könnte in keiner Partei mitmachen. Wenn ich das Parlament betrachte, kommt manchmal das Gefühl, da schlängeln sich 50 oder 100 aneinander vorbei, lächeln sich gegenseitig an – und lassen gelegentlich für die Medien eine Provokation los. Tags darauf trinken alle zusammen ein Bier und amüsieren sich über die Reaktion in der Öffentlichkeit. Es fehlt die Ehrlichkeit.

Mit politischen Statements halten sich Sportler und Ex-Sportler meist zurück. Wenn es um den Sport geht oder wie jetzt um die Krise im Männer-Team, nehmen Sie kein Blatt vor den Mund.
Swiss-Ski ist ein Unternehmen mit bald 50 Millionen Franken Umsatz und deshalb angewiesen auf Sponsorengelder und Erfolg im alpinen Skisport. Die Einzige, die in diesem Winter ein Rennen gewann, ist Lara Gut. Sie hat ein eigenes Team, finanziert es selber und blieb für das Training in der Schweiz, was wiederum für unsere Sommerskiorte spricht. In den meisten Disziplinen, Skicross, Telemark oder Snowboard, die ja alle auch zu Swiss-Ski gehören, gab es respektable Erfolge.

Aber . . .
Die Paradedisziplin, der Männer-Skisport, steht kurz vor dem Bankrott. Das ist sehr, sehr traurig.

Wie konnte es so weit kommen?
Die Leute, die Schub geben könnten, sind nicht gefragt oder abgesägt worden, bevor sie richtig arbeiten konnten. Und die, die momentan am Werk sind, haben vieles falsch gemacht und die Ernsthaftigkeit der Lage in den letzten zehn Jahren nicht richtig realisiert. Seit 1990 haben wir gegen Österreich keine Chance mehr. Wir machen noch ein Drittel der Punkte von damals – ein Desaster.

Meinten Sie mit den abgesägten Personen sich selber? Nach einem viermonatigen Intermezzo wurden sie seinerzeit noch vor Saison- beginn als Frauen-Trainer gefeuert?
Ich wäre gerne Trainer gewesen. Aber ich bin keiner, der sich anbiedert, um in eine bestimmte Funktion zu kommen. Swiss-Ski bräuchte eine andere Struktur. So wie es jetzt ist, funktioniert es nicht. Leute werden eingestellt, die taub sind und die Alarmglocken nicht hören. Dass Weltmeister und Olympiasieger nicht mehr in die ersten 30 kommen, darf es einfach nicht geben. Auch Trainer mit 30-jähriger Erfahrung haben das nicht erkannt, unglaublich.

Was läuft falsch?
Die meisten Talente gehen verloren nach der JO II, der Altersklasse bis 15 Jahre. Die JO-Gruppe III für 16- und 17-Jährige ist vor 20 Jahren abgeschafft worden. Gemäss ausländischem Vorbild, weil diese dort schon FIS-Rennen fahren mussten. Man kopierte das und unterschätzte, dass wir bei unserem Schulsystem gegenüber dem Ausland altersmässig etwas im Rückstand sind.

Und die Konsequenz?
Junge, noch nicht ausgereifte Fahrer mussten in solchen Rennen mit Startnummern über 100 gegen übermächtige ausländische Konkurrenz antreten, die oft auch körperlich überlegen war. Mit 15 standen unsere Talente noch auf dem Podest, mit 16 oder 17 mussten sie sich mit 60. oder 70. Rängen begnügen. Viele hörten frustriert auf, machten Skifahren zum Hobby oder konzentrierten sich auf ihren Beruf.

Einer wie Janka machte ja seinen Weg. Wie kann er plötzlich acht Sekunden in einem Lauf verlieren?
Ich kenne Carlo persönlich nicht. Ich weiss nicht, welchen Schutzpanzer er um sich aufgebaut hat und wen er an sich heran lässt. Aber ich kenne einige aus seinem Umfeld. Die Situation muss völlig falsch eingeschätzt worden sein. Fakt ist, dass er im Moment wie ein Skilehrer fährt. So gewinnt man heutzutage keinen Blumentopf.

Er spricht stets von Abstimmungsproblemen.
Auf diese Saison waren neue Ski mit andern Radien vorgeschrieben. Da gibt es nichts anderes als zu trainieren, damit man damit zurecht kommt. Man kann nicht in jedem Training den Schuh wechseln, die Bindung, den Ski und dann auch noch den Anzug. Am Schluss dreht man sich im Kreis. Und die andern hatten das trügerische Gefühl: Wenn wir Janka schlagen, sind wir Weltspitze.

Dann kam das böse Erwachen.
Nach dem 5. Platz von Didier Défago in Sölden glaubte man sich noch auf Kurs. Jetzt machen alle den «Lätsch», Trainer, Serviceleute, Athleten. So entsteht eine beinahe hoffnungslose Situation. Rennen gewinnt man im Frühling, Sommer und Herbst. Diese Zeit ist verpennt worden. Im Winter muss man nur noch fahren und Gas geben.

Also sehen Sie keine Besserung?
Es herrscht trübe Nacht, obwohl Didier Défago gewisse Ansätze zeigt. In Bormio war er bis zum Zielhang bei den Leuten. Das ist typisch für ihn: Er kann ein Rennen gewinnen und im nächsten Dreissigster werden. Wenn es ihm aufgeht, ist er imstande, unter die ersten drei zu kommen, hoffentlich an der WM in Schladming.

Was macht das Geheimnis eines guten Skirennfahrers aus?
Der wichtigste Faktor ist der Körper. Bezüglich Kraft und Ausdauer musst du mindestens gleich gut sein wie die Konkurrenz. Dazu kommt das Material. Wichtig wäre, dass du in deiner Skifirma die Nummer 1 bist. Oder auf jeden Fall Einfluss hast, damit sie Ski notfalls nach deinen Wünschen herstellen können und über ein Serviceteam verfügen, das dir zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Latten an die Füsse schnallt. Vielleicht hat Janka etwas Mühe, dass Hirscher jetzt bei Atomic die Nummer 1 ist und nahe bei der Firma wohnt. Aber das ist Spekulation.

Welche Rolle spielt die Technik im Skisport?
Mir ist dieser Aspekt erst bewusst geworden, als ich nach meinem Rücktritt das Skilehrer-Brevet machte. Mit jedem Rennen geht deine Technik etwas mehr «zur Sau». Das ist auch in andern Sportarten so. Ein Erfolgsgeheimnis von Roger Federer ist, dass er im Training immer wieder auf die Grundelemente der Technik achtet. Auch im Skifahren muss man das im Zeitlupentempo immer wieder üben. Ohne richtigen Hüftknick rutscht man in den Kurven herum und verliert bei jeder ein paar Hundertstel. Wenn die Körperposition nicht stimmt, musst du halt mehr Slalom trainieren, damit du den Körperschwerpunkt nach vorne bringst. Da sehe ich im Schweizer Team krasse Mängel. Elementare Dinge sind im höchsten Grad vernachlässigt worden.

Das sagt einer, der in seinen Anfangsjahren als «Güllenwagen» und «Schraubenzieher» bezeichnet wurde.
Das waren Qualifikationen von Medienleuten.

Trotzdem: Als Vorbild in Sachen Technik galten Sie nicht.
Aber ich hatte eine Fähigkeit, die ich mir antrainierte und die mir erlaubte, Skimaterial zu beherrschen, von welchem die Trainer gar nichts wussten. Manchmal verwendete ich Ski, mit denen andere gar nicht hätten fahren können. Darüber muss ich heute schmunzeln. Das Geradeausfahren wird völlig unterschätzt. Das ist schwieriger zu lernen als das Kurvenfahren. Früher musste man das zwingend können.

Eine Anekdote ist im Umlauf, dass Ihnen Ihre Betreuer im Training einmal die Hände zusammenbanden.
Es ging um die ideale Hocke-Position. Diese trainierte ich zu Hause auch vor dem Spiegel. Und als ich einmal mit der Eisenbahn nach Griechenland fuhr, übte ich die Hocke auch im Zug – statt
stundenlang zu sitzen. Es war ein alter Zug, der ziemlich rüttelte. So hatte ich zugleich noch Gleichgewichtstraining. Die Gäste schauten mich komisch an und dachten wohl, was ist das für ein Vollidiot.

Hat das neue Material das Skifahren verändert?
Auch mit den taillierten Ski hat sich grundsätzlich nichts geändert. Wichtig ist, dass du kippen kannst, um den Schwung auszulösen, unterstützt mit der Hoch-/Tiefentlastung. Dann kommt das Knicken, der klassische Hüftknick, wie ihn Lara Gut oder auch Ted Ligety perfekt machen. Die hohe Schule ist, den Hüftknick dort einzusetzen, wo es ihn braucht. Deshalb verstehe ich nicht, warum Silvan Zurbriggen die Slalom-Ski in die Ecke stellte. Dabei hätte er Voraussetzungen für eine Karriere wie Aksel Lund Svindal.

Svindal ist im Allzeit-Ranking noch fünf Siege hinter Ihnen. Was sehen Sie als Ihre persönlich stärkste Leistung?
Dass ich während einer Zeitspanne von elf Jahren Rennen gewinnen konnte. Und an acht aufeinanderfolgenden Titelkämpfen nie schlechter als Fünfter war, davon fünfmal in Serie auf dem Podest.

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