VON OLIVER TRUST AUS GELSENKIRCHEN

Solche Spiele taugen dazu, jeden Zweifel wegzuwischen. Warum, darf man nach dem 2:1-Sieg beim FC Schalke 04 fragen, sollte sich Bayern München jetzt noch davon abbringen lassen, doch Deutscher Meister zu werden? Das, meinte Präsident Uli Hoeness, sei die richtige Antwort gewesen. Nur, auf was war das die Antwort?

Vielleicht darauf, ob die Münchner nach zwei Niederlagen in der Bundesliga noch die Tugenden eines Champions entdecken. Nach gestern sieht es so aus als wären sie genau dazu in der Lage. «Wir stehen auf eins», sagte Captain Mark van Bommel und meinte: «Wie es sich gehört.»

Sind damit aber auch die entscheidenden Fragen beantwortet. Etwa die, ob den FC Bayern nicht doch eine Krise plagt? Es geht seit Wochen und Monaten schnell in die eine oder andere Richtung. Sehr stabil und konstant steuert der FC Bayern tatsächlich nicht auf ein Happy End zu.

Auch deshalb haben die vielen Experten rund um den besten deutschen Klub genug zu tun. Bei Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld stapeln sich Anfragen, obwohl er längst die Schweiz betreut. Bei Ex-Torwart Oliver Kahn klingelt das Telefon öfter als sonst. Ex-Mittelfeldspieler Stefan Effenberg war als Kolumnist nie beliebter und bei Lothar Matthäus gibt es neben eigenen Beziehungskrisen nur ein Thema, die Bayern-Krise. Allein das, so glaubt mancher, ist ein verlässlicher Krisenindikator.

Woche für Woche werden die Münchner und ihr Trainer Louis van Gaal zerpflückt. Bis zum 2:1 in der Champions League am Dienstag gegen Manchester war das auf alle Fälle so. Oft genug geschah es zu Recht. Die Abwehr um Daniel Van Buyten genügt kaum nationalen Ansprüchen. Ob Hitzfeld, «Effe», Kahn oder Matthäus – alle wundern sich über die Personalpolitik.

Zum personellen Durcheinander in der Abwehr und im Mittelfeld hat auch der Trainer beigetragen, obwohl der Holländer einen von seinen Vorgängern zusammengeflickten Kader übernahm. Dass Van Gaal die Lücken nicht kannte, mag man kaum glauben. Aber auch er griff daneben und drängte in der Winterpause nicht auf Ersatz, um der Abwehr mehr Stabilität zu verleihen. Mehr noch, seine Einkäufe konnten der Mannschaft nicht weiterhelfen. Edson Braafheid sollte links in der Abwehr helfen.

Er ist inzwischen nach Glasgow ausgeliehen. Daniel Pranjic ist nicht mehr als Ersatz für Notfälle. Van Gaal bringt Pranjic lieber als den 15-Millionen-Euro-Einkauf Anatoliy Tymoshchuk, was bei Hoeness und Co. ebenfalls nicht gut ankommt. Kritiker sehen darin Machtproben des Holländers. Bei 35-Millionen-Stürmer Gomez, den er wie Tymoshchuk als «nicht seinen Spieler» bezeichnete, wurde van Gaal von Hoeness zum Umdenken gezwungen.

Immer wieder heisst es, nutze der durchaus sture van Gaal jede Gelegenheit, sich der profunden Einschätzung der Führungsetage um Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeness zu entziehen. Regelmässige Treffen zum Meinungsaustausch fänden kaum noch statt, was der Klubführung mehr missfällt als ihm. Es gab erste Streitereien im Kader. Stürmer Klose opponierte gegen die Stars Ribéry und Arjen Robben.

Nach den Niederlagen gegen Frankfurt und Stuttgart hatte Manager Hoeness alle an den Auftrag erinnert und gesagt: «Die Meisterschaft ist wichtiger als alles andere.» Nun könnte ausgerechnet der Erfolg im Hinspiel des Viertelfinals der Königsklasse gegen Manchester im nationalen Titelkampf die Wende bringen. «Ohne den Sieg heute wäre es schwierig geworden. Das war Pflicht», sagte Van Bommel nach den Toren von Franck Ribéry und Thomas Müller. Kevin Kuranyi traf für Schalke.

Zu van Gaals Bayern dieses Jahr gehört aber auch die Gefahr, innerhalb von Tagen wieder alles herzuschenken. Am Mittwoch beim Rückspiel in Manchester und am kommenden Samstag beim immer schwächer werdenden Bayer Leverkusen bietet sich ausreichend Gelegenheit zu erneuten Patzern. Wenn dies passieren sollte, sei Arroganz schuld daran, meinen die einen, fehlende Leidenschaft, sagen die anderen, Ball-Spielkontrolle allein genüge nicht. Es sei mehr die Unerfahrenheit der jungen Spieler dafür verantwortlich, die van Gaal aufbietet. David Alaba oder Diego Contento sind manchem nicht reif genug, um die Ansprüche zu erfüllen.

Selbst der «Sky-»Kommentator Hitzfeld bezweifelte, dass es in München genug Geduld gibt, Fehler zu verzeihen. Zu gross sei der Druck, Erfolg unbedingt haben zu müssen. Vor allem Alaba, der als Jahrhunderttalent gilt, verlor in Frankfurt fast allein. Van Gaal nahm ihn nicht vom Platz und liess ihn noch den entscheidenden Fehlpass kurz vor Schluss machen. Auf Schalke musste van Gaal nach Altintops Platzverweis (50.) mit nur zehn Mann zu Ende spielen. Der anschliessende Sieg schien dann ganz im Sinne von Uli Hoeness wirklich die richtige Antwort.

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