Von Sebastian Wendel

Ein Geisterspiel, ein weiteres auf Bewährung und 120 000 Franken Busse. Wenige Stunden nachdem die Uefa dem FC Basel das Strafmass für die Ausschreitungen in Salzburg mitgeteilt hat, treffen wir einen Fan. Nennen wir ihn Timo. Timo hat jedes der letzten 25 FCB-Spiele im Ausland besucht, er sieht sich als Teil der Ultraszene. Wir konfrontieren Timo mit einer These: «Was die Chaoten in Salzburg ihrem FCB angetan haben, ist, wie wenn der Mann seiner über alles geliebten Frau einfach so die Faust ins Gesicht schlägt.» Timo zögert – und sagt dann: «Nein. Es ist, wie wenn der Mann seine über alles geliebte Frau mit einer noch schöneren betrügt. Er kann in dem Moment nicht anders.»

Warum also konnten die paar Fans in Salzburg nicht anders, als Feuerzeuge, Münzen und Capri-Sonne in Richtung der Red-Bull-Spieler zu werfen?

Weil in diesem Moment die Wut riesig und nicht mehr kontrollierbar gewesen sei, sagt Timo. Das habe schon am Nachmittag in der Stadt angefangen. Ein derart riesiges Polizeiaufgebot habe er auf keiner der 24 Auswärtsfahrten zuvor erlebt. Beim Einlass ins Stadion hätten Ordner gespottet, Basel habe ja sowieso keine Chance.

Dann das Spiel: nach neun Minuten die rote Karte gegen Basels Marek Suchy, zehn Minuten später das 1:0 für Salzburg. «Jeder, wirklich jeder von uns war zu 100 Prozent davon überzeugt, dass der FCB ausscheidet.» Dass ein Retortenklub wie Red Bull einen Traditionsverein wie den FCB aus der Europa League wirft, konnten Timo und die anderen nicht akzeptieren. Dass eine Fanszene, die laut Timo den Namen nicht verdient, die Fans des FCB auslacht – auch das konnten er und die anderen nicht akzeptieren. «Und dann diese Fähnchen, die für Stimmung sorgen sollen.» Stimmung sei das, was die Mitglieder der Muttenzerkurve Woche für Woche in den Schweizer Stadien mit ihren Kehlen produzieren und mit aufwendigen Choreografien verzieren. «Dass unten noch der Kevin Kampl mit seiner affigen Frisur die Memme raushängt, hat die Wut unkontrollierbar werden lassen.» Der Alkohol, so Timo, habe seinen Teil dazu beigetragen.

Es ist bekanntlich anders herausgekommen: Basel hat die Partie gedreht und sich für die Viertelfinals qualifiziert. Und trägt dennoch mehr Schaden als Freude über den sportlichen Erfolg davon. Gegen zwei Millionen Franken schätzt Präsident Bernhard Heusler den finanziellen Verlust, weil am kommenden Donnerstag gegen Valencia die Stadiontüren zu bleiben. Nicht zu beziffern, aber für den FCB noch schmerzhafter ist das geschädigte Image in Europa.

Timo sagt, er habe mit solch einer Strafe gerechnet. «Das ist der Kollateralschaden. Ich habe zwar selber nichts geworfen, stehe aber voll hinter dem, was die anderen gemacht haben.» Dass er den FCB beim Heimspiel nicht unterstützen könne, sei zwar schade. Aber zum Glück, so Timo, dürfen er und die anderen Fans nach Valencia reisen.

Letzte Frage an Timo: «Werden keine Gegenstände mehr geworfen, bis die zweijährige Bewährungsfrist der Uefa abgelaufen ist?» Dafür gebe es zwar keine Garantie, sagt Timo. Aber er denke schon, dass die Fans die Gefahr eines weiteren Geisterspiels, die wie ein Damoklesschwert über dem FCB hängt, ernst nehmen.

Timos Ausführungen, die eine gewisse Gleichgültigkeit suggerieren, mögen schockieren. Und jene bestärken, die seit je die Nulltoleranz gegenüber Fussballfans fordern und die harte Kollektivstrafe der Uefa gegen den FCB für richtig halten. Aber sind es nicht auch jene, die beim Stadionbesuch neben einem attraktiven Spiel auch schöne Choreografien und gute Stimmung haben wollen?

Gute Stimmung und schöne Choreografien will auch die Uefa. «Aber sie verkennt die Realität einer lebendigen Fankultur», sagt Daniela Wurbs. Sie ist Geschäftsführerin des Netzwerkes Football Supporters Europe (FSE). Laut Website ein unabhängiges und demokratisch organisiertes Netzwerk für Fussballfans in Europa. Wurbs ist regelmässig in Kontakt mit der Uefa, wenn es um Fanfragen geht – und beisst dort anscheinend auf Granit. Sie sagt, die Uefa wolle eine gezähmte Fankultur, von den Rängen solle einzig und allein positiver Support kommen. Doch ignoriere die Uefa in ihren Visionen, dass das Pflegen von Rivalitäten fester Bestandteil der Fankultur sei und in den nationalen Meisterschaften auch toleriert werde. «Wir fordern, dass die Uefa diese bestehenden und nicht veränderbaren Realitäten in ihr Denken aufnimmt.»

Sie will nichts beschönigen, die Vorfälle in Salzburg seien eine klare Grenzüberschreitung gewesen. Vielmehr hinterfragt sie die Art, wie die Uefa bestraft. «Kollektivstrafen lehnen wir ab. Sie sind der falsche Weg für Veränderung.» Bei den Tätern finde dadurch kein Umdenken statt. «Das zeigt sich daran, dass die Wut der Fans auf die Uefa noch grösser wird, statt dass sie ihr Handeln hinterfragen.»

Nun, die Uefa kann nichts gegen Einzelpersonen unternehmen. Eine Sperrung des Gästesektors beim Rückspiel in Valencia wäre eine Bestrafung näher an den Tätern von Salzburg gewesen. Doch die Uefa wählte mit dem Geisterspiel in Basel die Kollektivstrafe. So zwingt der Verband die Klubs zum Handeln. Sie müssen dafür sorgen, dass negativer Support während Uefa-Spielen verborgen bleibt.

Nur, wie soll das funktionieren? Der FCB steht zu seiner jungen Fanszene, er will Emotionen und bis zu einem gewissen Grad auch das Wilde. Und nimmt so das Restrisiko, dass Grenzen überschritten werden, in Kauf. Auf der anderen Seite will der FCB Teil der Uefa-Show sein, will dort an sportlichem Prestige zulegen und viel Geld verdienen. Eine Patt-Situation – ein Ausweg ist nicht zu erkennen.

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