Für Menschen mit Herzinfarkt-Gefahr sind sie eine akute Gesundheitsbedrohung, für den Rest der Menschheit dagegen ein grenzenloses Hitchcock-Vergnügen – die jüngsten Tennis-Abenteuer des alten Meisters Roger Federer. Und in den zweieinhalb Stunden, die er gestern zum spannungsgeladenen 4:6, 7:6 (7:2), 7:5-Sieg gegen den argentinischen Hünen Juan Martin del Potro und zum Halbfinaleinzug bei der Tennis-WM gegen Rafael Nadal brauchte, verdichtete sich wie in einer Spielfilm-Zusammenfassung gleichzeitig auch das ganze Jahr 2013 für den fröhlich hin und her schwankenden Maestro.

Es gab alles zu bestaunen: Glanz und Elend, Grossartiges und Gewöhnliches, Majestätisches und Mittelmässiges. Es war nichts weniger als eine Achterbahnfahrt zwischen Himmel und Hölle, aber es war eben auch inmitten dieses Gefühls- und Ergebnischaos ein Match, der für Federer endlich wieder einmal mit einem begeisternden Happy End endete. «Es war Kampf, Kampf, Kampf. Von der ersten bis zur letzten Minute. Aber ich habe mich durchgebissen. Und das zählt», sagte der erschöpfte, aber mehr als glückliche Alterspräsident des Championats. Noch auf dem Centre Court auf die massive und teils auch sentimentale Fan-Unterstützung angesprochen, musste der 32-jährige Held der Massen ein paar Tränchen der Rührung verdrücken: «Es ist unglaublich, wie die Leute mich anfeuern, wie sie mich zum Sieg treiben wollen.»

Festzuhalten war auch ein Glanz-Moment über Federers aktuellen Triumph hinaus, jene stolze Tatsache nämlich, dass mit ihm und Stanislas Wawrinka zwei Schweizer Tennisstars zusammen im WM-Halbfinal 2013 angekommen sind – und damit im ganz exklusiven Terrain der Elite unter der Elite. «Schlicht sensationell» sei das für eine kleine Nation wie die Schweiz, befand Federer denn auch, «vor allem, wenn man sieht, dass Traditionsnationen und andere grosse Länder hier gar nicht vertreten sind»: «Das ist schon ein richtiger Coup, einfach unglaublich.»

Dass die Schweizer heute beide am vorletzten Tag der WM im Centre-Court-Einsatz stehen, es ist quasi eine doppelte Bestätigung dessen, was sich zuletzt im Wanderzirkus abgezeichnet hatte. Dass sich Federer und Wawrinka gegen die Besten der Saison messen dürfen, gegen die Nummer 1 und Nummer 2 der Welt, reflektiert sowohl Wawrinkas atemberaubenden Aufstieg in die engere Weltspitze wie auch Federers zähe, schwere, aber doch messbare Rückkehr zu grösserer Stärke. «Jetzt tauschen wir uns noch mal ein bisschen über die Matches aus, Stan und ich», gab Federer zu Protokoll und musste selbst noch mal den Kopf schütteln – so ungewohnt schön ist die Schweizer Tennis-Lage in Englands Hauptstadt: «Ich weiss gar nicht, worüber ich mehr aufgeregt sein soll. Dass ichs geschafft habe. Oder wir beide.»

Welch ein Auf und Ab der Emotionen aber war es gewesen für Federer, der gestern bis auf die allerletzten fünf, sechs Minuten pausenlos im Rückstand gewesen war – und sich als Entfesselungskünstler im Dauereinsatz befunden hatte. Immer wieder rutschte Federer ins Minus, sah rote Zahlen, aber nicht schwarz. Jedenfalls verlor er nicht so sehr das Konzept wie manches Mal in dieser Saison und zog sich trotz aller heftigen Selbstgespräche und Schimpftiraden wiederholt aus dem Schlamassel heraus. «Ich habe mir dauernd was aufs Dach gegeben», lachte der Baselbieter, «aber es ist kein Schaden draus entstanden.» So labil Federers Psyche auch zuweilen wirkte in den heftigen Spielturbulenzen, er konnte alle Unbill wegstecken. «Am Ende hab ich auch verdient gewonnen gegen Juan Martin», sagte Federer. Selbst ein 0:3-Defizit im dritten, alles entscheidenden Satz konnte ihn nicht schrecken. Zum 3:3 glich er aus, lief dann noch einmal 3:4- und 4:5-Rückständen hinterher, bevor er zum ersten Mal in der ganzen Partie selbst in Führung ging, nämlich mit dem Break zum 6:5. Kurze Zeit später riss er dann die Arme in die Höhe, ein glücklicher Gladiator, der sich so irgendwie schon die Saison ein wenig gerettet und Mut fürs nächste Jahr gemacht hatte.

Doch daran war im Hier und Jetzt noch nicht der geringste Gedanke. Denn das grosse Spiel in London ist noch nicht vorbei. Nicht für Wawrinka, und eben auch nicht für Federer. Den erwartet am heutigen Nachmittag ab 15 Uhr (SRF 2) der Kraftprotz Rafael Nadal.

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