Die beiden kennen sich fast schon ewig. Markus Frei kann sich noch gut an die Zeit ihrer ersten Begegnungen erinnern. Murat Yakin, 1992 als grosses Talent von Concordia zu den Grasshoppers gekommen, spielte mit den Zürchern in Luzern. Und wusste nicht, dass oben auf der Tribüne Markus Frei sass. Aufgeboten von Cheftrainer Christian Gross, um dem Jungspund einmal detailliert auf die Füsse zu schauen. «Zwanzig Minuten lang dominierte GC, und Yakin war der Chef auf dem Platz», erzählt Frei. «Dann aber hat er aufgehört zu spielen, und das Spiel ist auf die Seite von Luzern gekippt.»

Der Zufall wollte es, dass die zwei eine Woche später im selben Flugzeug sassen, um der Mannschaft ins Trainingslager nach Brasilien nachzufliegen. «Haben Sie diese Statistik in Luzern gemacht?», wollte Yakin wissen. Offensichtlich hatte er von Gross einiges zu hören bekommen. Ein paar Tage danach spielten die Hoppers fünf gegen fünf, der Trainer hatte die Tore mit Hütchen abgesteckt. Doch Frei beobachtete den jungen Yakin, wie dieser einen Schritt zurück machte und mit der Hand, hinter dem Rücken des Trainers, das eigene Tor verkleinerte. «Ich lernte damals ein talentiertes Schlitzohr kennen», sagt Frei.

Mehr als 15 Jahre später bekamen die beiden noch viel intensiver miteinander zu tun. Frei hatte mit DreamTeam11 eine Beratungsfirma für Fussballer und Trainer aufgebaut und sich auch damit einen guten Namen gemacht, Yakin war bei GC als Trainer der U21 unter Vertrag. In seiner Ausbildung stand nun mit dem A-Diplom der nächste Schritt bevor. Weil Yakin dieses aber nicht einfach bloss erwerben, sondern gute Noten haben wollte, liess er sich von Frei zusätzlich unterrichten. 30-mal 2 Stunden umfasste das Lektionsprogramm; abgehalten meist in Freis Büro in Winterthur. «Muri kam nicht ein einziges Mal zu spät», sagt Frei.

Die kleine Geschichte soll zeigen, mit welchem Fleiss und mit welcher Akribie Yakin nach einer grossen Spielerlaufbahn seine berufliche Entwicklung als Trainer vorangetrieben hat. Jener Yakin, von dem viele Leute denken, es falle ihm alles, was er im Fussball tut, einfach in den Schoss. «Yakin ist extrem ehrgeizig. Aber im Gegensatz zu vielen verbissenen Trainerkollegen verströmt er Gelassenheit – eine wertvolle Qualität», sagt Frei. Und attestiert Yakin ein herausragendes Gespür für heikle Situationen. Aber auch eine ausgeprägte Kreativität und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, imponieren dem 60-jährigen Ausbildner. Vor allem aber schätzt er an seinem 38-jährigen Kollegen, dass dieser nicht nur lernwillig, sondern auch lernfähig ist. Frei denkt, dass Yakin aus der Situation gelernt hat, als er in Luzern einen Journalisten demütigend in den Senkel stellte. «Er muss lernen, wie alle seine Trainerkollegen, aus den Emotionen heraus nicht falsch zu reagieren», sagt Frei. «Selbst wenn er in der Sache möglicherweise recht hat.»

Der Thurgauer ist überzeugt, dass Trainer in ihrem ungemein komplex gewordenen Job viel zu oft allein gelassen werden. «Er eilt vom Training zur Sitzung, dann zum Videostudium, wieder zum Training und schliesslich zum Match», sagt Frei. «Trainer sind Gefangene der Aktualität und verlieren allzu oft den Blick fürs Ganze.» Er bringt zum Vergleich das Beispiel mit der Ansicht vom Matterhorn. «Wir kennen es aufgrund seiner speziellen Form bei uns nur als «Toblerone», aus Italien aber oder aus Sicht des Bergsteigers drin in der Wand sieht der Berg ganz anders aus.»

Frei meint damit, dass es für einen Trainer von kapitaler Bedeutung ist, sich zu öffnen, Meinungen von anderen Menschen und von Vertrauenspersonen anzuhören und in seine Überlegungen einfliessen zu lassen. Frei denkt, Yakin verfüge über diese Offenheit. Trainer hätten immer kleinere und grössere Krisen zu bewältigen. «Schwierige Situationen haben es an sich, dass es für sie meist keine einfachen, eindimensionalen Lösungen gibt. Als Einzelner übersieht man gerne etwas. Sich dann mit anderen auszutauschen, setzt aber Selbstvertrauen voraus», sagt Frei. «Murat hat Schwächen wie jeder andere Mensch auch. Ein Trainer kann jedoch mit einer geschickten Zusammenstellung seiner Mitarbeiter diese Schwächen im Trainerteam auffangen. Das ist genau gleich wie bei einer Fussballmannschaft. Nicht jeder muss alles können. Aber in einem erfolgreichen Team werden die Schwächen der einen Spieler durch die Stärken der anderen kompensiert.»

Interessiert beobachtet Frei aus der (Halb-)Distanz, wie Yakin beim FC Basel mit dem enormen Konkurrenzkampf im Team umgeht; und im Besonderen mit Alex Frei, der im Sommer zurücktritt, einen würdigen Abgang verdient, aber nicht mehr so recht ins System passt. Weil Markus Freis Sohn Fabian Spieler des FC Basel ist, will er sich zur aktuellen Situation beim FCB nicht gross auslassen. Frei möchte sich nicht nachsagen lassen, er mische sich ein. «Muri muss logischerweise immer mit der bestmöglichen Mannschaft spielen und darf im Hinblick auf den Erfolg der Mannschaft und des Vereins auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen», sagt Frei. Natürlich brodle es aber in Alex Frei. «Muri wird die Situation sicherlich genau beobachten und sich stets überlegen: Wie und wann rede ich mit Alex, oder sage ich besser nichts? Wie kommuniziere ich nach aussen?», sagt Frei. Und nennt die mit Abstand beste Lösung, um Konflikten vorzubeugen: «Gewinnen!»

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