VON KLAUS ZAUGG AUS ALCAÑIZ

Tom Lüthi, hat sich für Sie durch das Drama von Misano etwas geändert?
Gestatten Sie mir eine grundsätzliche Bemerkung?

Ja natürlich.
Ich bin damit einverstanden, dass wir noch einmal über das reden, was in Misano passiert ist. Aber ich möchte, dass dieses Thema dann erledigt ist.

Einverstanden. Kommen wir auf die eingangs gestellte Frage zurück.
Etwas verändert? Nein, wenn Sie fragen, ob sich an der Art und Weise, wie ich den Sport betreibe, etwas verändert hat.

War es das erste Mal, dass Sie eine solche Tragödie miterleben mussten?
Ich war auch schon dabei, als Kato 2003 in Suzuka verunglückte. Aber ich hatte ihn nicht gekannt, er fuhr in einer anderen Klasse als ich und deshalb ist das alles damals beinahe an mir vorbeigegangen. Mit Shoya Tomizawa ist es etwas ganz anderes. Mein Podestplatz in Misano und mein Geburtstag gleich am nächsten Tag waren so unwichtig geworden. Es hat mich schwer getroffen.

Wie sind Sie darüber hinweggekommen?
Durch Gespräche mit den Menschen in meinem Umfeld. Ich ging auch viel nach draussen in die Natur, um Ruhe zu finden, und das hat mir geholfen. Es war keine einfache Zeit. Ich habe noch nie etwas so intensiv erlebt. Es ist eine ganz spezielle Geschichte und es war nicht einfach, die Gefühle zu ordnen. Es gab Momente, da war es schwierig, im Ganzen einen Sinn zu sehen.

Gibt es nach Misano keine Gefühle von Angst oder Verunsicherung?
Nein. Mit solchen Gefühlen wäre es gar nicht möglich, Rennsport zu betreiben.

Was für Aussenstehende irgendwie nach Leichtsinn tönt
Das ist es ganz und gar nicht. Wir Rennfahrer mögen vieles sein, aber ganz sicher nicht leichtsinnig. Wir sind keine Wahnsinnigen, die Kopf und Kragen riskieren. Wir wissen sehr genau, was wir tun und welchen Gefahren wir uns aussetzen. Was in Misano passiert ist, erhöht den Respekt. Damit meine ich den Respekt vor der Arbeit, die wir machen, und den Respekt vor meinen Konkurrenten.

Das Drama von Misano ist kein Gesprächsthema mehr im Team?
Nein. Der Alltag geht weiter. Aber wir vergessen Shoya nicht. Ich habe künftig seine Nummer 48 auf meiner Verschalung.

Gibt es keine Diskussionen über die Sicherheit?
Nein, und eine solche Diskussion ist auch nicht notwendig. Noch vor 20 Jahren war es anders. Aber heute wird für die Sicherheit alles Menschenmögliche getan.

Ist die Motivation nach Misano kein Problem?
Nein. Weil wir alle wissen, dass es auch in Shoyas Sinne ist, dass wir alle weitermachen.

Themawechsel: Für Sie gibt es aus dieser Saison bereits eine sportliche Erkenntnis: Sie sind, wenn alle Details stimmen, gut genug, um Weltmeister zu werden.
Mit der richtigen Einschränkung: Wenn alles stimmt. Das kleinste Problem bei der Abstimmung hat gravierende Auswirkungen. Du fällst nicht auf den 5., sondern gleich auf den 15. Platz zurück. Oder wie hier in Aragon auf Platz 20.

Dieser 20. Platz hier in Aragon ist das zweitschlechteste Trainingsresultat der Saison. Nur beim GP von Deutschland standen sie als 21. noch weiter hinten. Aber Sie sind jetzt mental so stark geworden, dass Sie durch einen 20. Platz im Training nicht mehr verunsichert werden.
Dieser 20. Platz ist trotzdem ein kleines Desaster und es gibt nichts schönzureden. Es darf nicht sein, dass wir so weit hinten stehen. Ich habe diese Saison zwar schon bewiesen, dass ich auch von weit hinten noch bis aufs Podest fahren kann. Trotzdem dürfen solche mässigen Trainingsresultate nicht zur Regel werden. Es ist ja nicht so, dass ich Spass daran habe, möglichst viele Fahrer zu überholen.

Aber diesmal ist der Grund für das mässige Trainingsresultat, anders als beim GP von Deutschland, nicht ein fauler Motor?
Nein, nein. Der Motor ist kein Problem mehr. Wir hatten Schwierigkeiten bei der Abstimmung und bei der Reifenwahl, vor allem beim Vorderradreifen. Ich hatte das Gefühl, ganz am Limit und zeitweise über dem Limit zu fahren. Das darf nicht sein, wenn man nicht schneller ist.

Kennen Sie Rohrbach?
Rohrbach?

Ja, Rohrbach.
Ach so, ja, von dort kommt Dominique Aegerter.

Er war zum vierten Mal in den letzten fünf GP-Trainings schneller als Sie. Beunruhigt Sie diese Konkurrenz aus dem Kanton Bern?
Nein, nein. Beunruhigend ist lediglich, dass ich so weit hinten stehe. Da ist es mir egal, wer vorne klassiert ist, und es hilft mir auch nicht, dass WM-Leader Toni Elias lediglich Zwölfter ist.

Haben Sie eine Abmachung, was sein wird, wenn Sie von Dominique Aegerter zum ersten Mal im Rennen besiegt werden?
Nein.

Es läuft keine Wette?
Nein. Sie können fragen, wie Sie wollen, es gibt keine Rivalität zwischen Aegerter und mir. Wir kommen gut miteinander aus und ich freue mich für ihn, dass er so schnell ist. Das sorgt für mehr Medienpräsenz unserer Klasse und hilft uns allen.

Sie wirken in dieser Saison selbstsicherer als in den letzten drei Jahren in der 250er-WM.
Der Eindruck ist nicht ganz falsch. Es ist so, weil es keine Ungewissheit gibt. Wir haben bisher immer rasch den Grund gefunden, warum etwas nicht funktioniert hat. Wir haben Fehler gemacht aber wir haben daraus die richtigen Schlüsse gezogen.

Ist es auch so, weil Sie erwachsener geworden sind?
In meinem Beruf wird man wahrscheinlich schneller erwachsen.

Sind denn Ihre Freunde weniger schnell erwachsen geworden?
Nein, eigentlich nicht, die sind jetzt alle auch irgendwie erwachsen geworden.

Wie viele sind es?
Sechs. Vier davon schon seit der Schulzeit.

Sie gehören nun seit fünf Jahren zu den zehn bekanntesten Einzelsportlern im Land. Können Sie überhaupt alleine oder mit Ihrer Freundin unerkannt in den Ausgang gehen?
Ja, das ist möglich. Aber manchmal ist es nicht ganz einfach. Natürlich hätte ich manchmal lieber meine Ruhe. Und doch freut es mich sehr, wenn ich spüre, wie die Leute Anteil an meiner Karriere nehmen und wissen wollen, wie es geht.

Wo liegt denn der grösste Unterschied zwischen dem Bub, der 2005 125er-Weltmeister geworden ist und dem jungen Mann, der heute eine feste Grösse in der zweitwichtigsten Töffkategorie der Welt geworden ist?
In der Erfahrung. Früher ist vieles einfach passiert und ich wusste gar nicht recht warum. Heute mache ich alles viel bewusster und ich weiss im Rennsport, warum etwas so oder so ist.

Haben Sie eigentlich damit gerechnet, in der neuen Moto2-WM ganz vorne mithalten zu können? Seit dem Titelgewinn von 2005 waren Sie nie mehr in der Spitzengruppe einer WM.
Ja. Nach der letzten Saison war für mich klar, dass es einen Neubeginn, einen Wechsel braucht. Der Umstieg in eine neue Klasse mit einem neuen Team war genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt gebraucht habe. Der Neustart hat sehr gut getan.

Sie zeigen, dass Sie auch mit Viertaktermaschinen schnell sein können. Damit wird das Ziel MotoGP wieder realistisch.
Dass ich schnell bin, brauche sich schon lange niemandem mehr zu beweisen. Auch wenn wir die Pläne für eine MotoGP-Saison im letzten Herbst wieder aufgeben mussten, habe ich das Ziel MotoGP nie aus den Augen verloren. Aber der Wechsel in die Moto2-WM ist der richtige Schritt. Was auch in dieser Saison noch kommt, es bleibt dabei, dass ich auch nächste Saison die Moto2-WM fahre. Aber die Voraussetzungen für einen Aufstieg in die «Königsklasse» sind viel besser geworden. Mein Manager Dani Epp hat für diese Saison sein eigenes MotoGP-Team gegründet und damit bestehen Strukturen, die für mich sehr interessant sind.

Sie sind ja erst 24 und liegen immer noch gut im Karrierefahrplan.
Es gibt zwar Fahrer, die sich noch jünger in der höchsten Kategorie durchgesetzt haben. Aber das sind die ganz grossen Ausnahmeerscheinungen. Es gibt deutlich mehr Beispiele, die zeigen, dass es nicht gut ist, zu früh einzusteigen. Mit 26 oder 27 werde ich nach wie vor nicht zu alt sein für die MotoGP-Klasse.


Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!