Patrice Morisod verdankt Didier Cuche seine technische Basis. «Er lehrte mich den richtigen Schwung und formte mich zu einem Spitzenfahrer.» Sportlich und menschlich war Morisod, der heute als Trainer in Frankreich tätig ist, für Cuche eine Schlüsselfigur. Kaum einer kennt ihn besser. Morisod beschreibt seinen Lieblingsschüler, wie er wirklich war – und räumt gleich mit einigen Vorurteilen auf: «Es ist falsch zu sagen, er sei nur ein Arbeiter gewesen. Didier war brutal talentiert.»

Die erste Begegnung: «Ein Kollege im Jura, Pascal Bourquin, machte mich 1990 auf einen 16-jährigen Burschen aufmerksam, der sehr begabt sei. In den ersten sieben Rennen, die ich ihn sah, schied er jedes Mal aus. Er fuhr immer sehr schnell, riskierte aber viel. Bei zwei Riesenslaloms in Marguns stürzte er beide Male an der genau gleichen Stelle. Dabei zog er sich einen Innenbandriss im Knie zu – der Anfang einer langen Verletzungsserie.»

Ein Grosses Talent : «Cuche wird oft dargestellt als einer, der sich alles erarbeiten musste. Dabei war er ein Riesen-Talent. In der Interregion West führten wir sogar eine Lex Cuche ein. In jedem Verband, Jura, Waadt und Wallis, erhielt ein Junior nach Wahl einen Fixplatz für FIS-Rennen ausserhalb des normalen Kontingents. Das galt aber für alle Verbände nur dann, falls Cuche dabei ist. Schon im ersten FIS-Jahr schaffte Cuche den Sprung auf den 80. Platz der Weltrangliste und übersprang das C-Kader, was sehr selten vorkommt. Im Vergleich zu einem William Besse, dem späteren Lauberhornsieger, der mit mir aufwuchs, war Didier im selben Alter viel weiter. Dass er so gross herauskommt, konnte ich aber noch nicht abschätzen. Dafür fehlte mir als junger Trainer die Erfahrung.»

Hart zu sich selbst: «Die Schreie habe ich noch heute im Ohr. Es war im Training zu den Schweizer Meisterschaften 1994 in Meiringen. Ich war etwa einen Kilometer von der Unfallstelle entfernt. Ein Athlet schrie fürchterlich. Trotz der grossen Distanz erkannte ich die Stimme. Ich fuhr sofort runter. Didier lag im Schnee, mit einer Oberschenkelfraktur, das Bein stand im rechten Winkel ab. Mit den eigenen Händen richtete er es wieder gerade – ein unglaubliches Bild. Als er wieder gesund war, kam er eines Morgens zu mir und war bleich. Er sagte, er fühle sich krank. Und musste sich übergeben. Wenig später kam sein Kollege. Er sei auch krank. Ich vermutete, die beiden seien miteinander im Ausgang gewesen. Ich verlangte, dass beide trotzdem trainieren kommen. Didier rief mich später an und sagte: ‹Patrice, weisst du, wo ich bin? Im Spital. Ich bin grad am Blinddarm operiert worden.› Cuche war unheimlich hart zu sich selbst.»

Der Ehrgeiz: «Didier hatte einen enorm starken Willen und wollte immer das Beste herausholen. Er war sehr ehrgeizig. Manchmal war es schwierig mit ihm, aber er verhielt sich immer fair. In Wahrheit war Didier lange Zeit selbst sein grösster Gegner, oft stand er sich selbst im Weg. Wenn er keine Bestzeit fuhr, ärgerte ihn das fürchterlich. Manchmal brach so schon im Sommertraining in Zermatt für ihn eine Welt zusammen. Geändert hat sich das erst nach dem Gewinn des WM-Titels in Val d’Isère. Das war für ihn eine grosse Erlösung. Danach war er lockerer.»

Der Tüftler: «Didier befasste sich immer intensiv mit dem Material. Inzwischen versteht er mehr darüber als alle andern. Schon in jungen Jahren reiste er zum Südamerika-Training mit einer grossen Werkzeugkiste an. Stundenlang bastelte er an seinen Schuhen herum. Manchmal erschien er völlig ‹blau› zum Nachtessen, im Gesicht, überall, weil er wieder mal an seinen blauen Schuhen herumgeschliffen hatte und keine Zeit mehr fand, sich vorher zu duschen. In jenen zwei Jahren, als wir wegen der Anzüge viele Rennen verloren, hat er unter den Kritiken sehr gelitten. Tests hatten damals ergeben, dass wir auf 28 Sekunden sieben Zehntel verloren. Die Analysen habe ich jetzt noch im Computer. Heute ist Didier auch in diesem Bereich ein Fachmann.»

Die Verletzungen: «Die vielen Unfälle haben ihn stärker gemacht. Er hat sich immer wieder sorgfältig aufgebaut, insbesondere konditionell. Der Kreuzbandriss im Januar 2005 in Adelboden war seine fünfte schwere Verletzung. Diese war deshalb ärgerlich, weil er vorher im Riesenslalom zweimal auf dem Podest stand. Sein damaliger Ausrüster Atomic holte an der WM in Bormio 13 von 15 möglichen Medaillen. Wir als Schweizer Team gingen ohne Cuche, unseren einzigen Atomic-Fahrer, leer aus. An diesen Titelkämpfen sind wir unter unserem Wert geschlagen worden. Bei der Rückkehr von Cuche hatten wir eine falsche Zielsetzung. Er und wir wollten zu viel. Erst als wir diese zurückschraubten, lief es besser.»

Die Konkurrenz: «Viele Rennen hat Didier mit wenigen Hundertsteln Rückstand verloren. Für mich war das nicht Pech. Es war die Zeit von Hermann Maierund Stephan Eberharter, und diese waren damals einfach ein bisschen besser. Als Cuche so richtig anfing zu gewinnen, siegte auch er oft mit knappem Vorsprung. Didier darf stolz sein auf seine Karriere. Wer konnte von den Schweizer Abfahrern so aufhören wie er, weder Russi noch Collombin, weder Heinzer noch Müller. Und selbst die grosse Anja Pärson trat jetzt in Schladming als Verliererin ab.»

Seine Familie: «Didiers Eltern Marlise und Francis sind selber nicht Ski gefahren. Sie haben immer gearbeitet und ihm ermöglicht, dass er sein Hobby und seinen späteren Beruf ausüben konnte. Gleich neben dem Restaurant ‹Bonne Auberge› stand ein Skilift. Seine beiden älteren Brüder Bernard und Alain waren für Didier sehr wichtig. Ihnen hat er von klein auf nachgeeifert. Wenn einer Spitzenrennfahrer werden will, muss er schon als Dreijähriger auf die Ski stehen. Beide Brüder waren dann später auch während seiner Karriere wichtig, Bernard als Skitester, Alain als Manager. Didier ist ein echter Familienmensch. Er braucht die Wärme und Geborgenheit der Familie.»

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