Sean Simpson, Sie müssen sich so gut gefühlt haben wie noch nie in dieser Sommerpause.
Sean Simpson: Ehrlich gesagt habe ich mich nicht anders gefühlt als in den anderen Jahren (lacht). Ich geniesse jeden Sommer in meiner Heimat – unabhängig von meinem Erfolg als Trainer.

Trotzdem: Ich nehme an, Sie wurden in Kanada immer wieder auf die Silbermedaille der Schweiz angesprochen.
Sicher. Wir haben nicht nur die Leute in der Schweiz beeindruckt. Aber: Ich bin nicht der Typ, der sich lange mit solchen Erfolgen beschäftigt. Ich kann geniessen, aber ich bleibe gleichzeitig am Boden. Nicht nur in meinem Job gibt es gute und schlechte Zeiten.

Man sagt ja immer, dass man aus Niederlagen lernen soll. Aber wie profitiert man im Falle des Triumphs?
Ich bin sehr gespannt, wie die Einstellung in der Schweiz sein wird, wie wir in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Vor allem auch in den Medien. Wie wird die Erwartungshaltung sein? Sind wir reif genug, mit dem Erfolgsdruck umzugehen? Die ganzen Festivitäten und Lobeshymnen waren schön. Aber was passiert, wenn wir in den nächsten Turnieren keine Medaille gewinnen?

Welche Reaktion erhoffen Sie sich?
Ich hoffe, die Leute sind clever genug, um zu wissen, dass diese Silbermedaille zwar ein wunderbarer Erfolg war, die Realität aber weiterhin ist, dass wir zu den Top-8-Nationen der Welt gehören. Was heisst, dass wir auch einfach wieder auf Platz 7 oder Platz 8 landen können. Und dass so ein Resultat keine Katastrophe wäre. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich wollen wir jedes Jahr eine Medaille gewinnen. Aber es ist ganz einfach nicht realistisch. Schauen Sie mal, welche Teams in Stockholm hinter uns klassiert waren: Russland! Kanada! Finnland! USA! Tschechien! Das muss man sich immer vor Augen halten.

Was fehlt uns noch, um regelmässig um Medaillen spielen zu können?
Ganz einfach: In Ländern wie Finnland oder Tschechien ist das Bewusstsein, dass man eben auch mal nur Achter sein kann, vorhanden. Wir dürfen in der Schweiz jetzt ganz einfach nicht den Kopf verlieren, sondern müssen weiter geduldig unseren Weg gehen. Wenn uns das gelingt, dann werden wir eines Tages vielleicht regelmässig um Medaillen mitspielen können. Ich habe auch immer wieder betont, dass der schwierigste Teil an einer WM die Qualifikation für die Viertelfinals ist. Um das zu schaffen, muss man sieben Spiele absolvieren. Für den Einzug in den Halbfinal braucht es «nur» noch einen Sieg.

Haben Sie, mit ein paar Monaten Abstand, eine Erklärung dafür, was da in Stockholm abgegangen ist?
Wir waren ganz einfach eine super Gruppe, die sich ein Ziel gesetzt hat, die eine Vision hatte. Und alle waren bereit, alles dafür zu tun, dass wir unser Ziel erreichen. Man darf trotz allem nicht vergessen: Wir haben zwar hervorragend gespielt, aber wir hatten auch das Glück, einen tollen Start hinzulegen mit den Siegen über Schweden, Tschechien und Kanada. Wenn dir das gelingt, dann sind die Chancen gross, dass Du einen Lauf hast. In Helsinki, ein Jahr vorher, wurden wir nur 11., aber so viel schlechter waren wir nicht. Nur hat dort vielleicht ein durchaus möglicher Sieg gegen Kanada oder Finnland gefehlt.

Aber dieser unglaubliche Steigerungslauf zu WM-Silber muss auch für Sie selbst überraschend gewesen sein.
Ich habe schon immer gesagt: Wenn die Schweizer an sich und ihre Fähigkeiten glauben, dann sind sie brandgefährlich. Ich frage mich eher: Was wäre passiert, wenn wir zwei der ersten drei Spiele in Stockholm verloren hätten? Wir hätten immer noch Silber gewinnen können. Aber wir besitzen noch nicht das Selbstverständnis und das Selbstvertrauen der grossen Nationen, solche Rückschläge wegzustecken. Man muss auch bedenken: Weil wir immer gewannen, mussten wir von keiner Seite mit Kritik leben. Nicht von den Fans und auch nicht von den Journalisten. Damit kam auch nie Unruhe in die Mannschaft.

Haben Sie schon einmal erlebt, dass eine Mannschaft in einer so kurzen Zeitspanne derart perfekt harmoniert?
Ich sehe Parallelen zum Champions-League-Triumph der ZSC Lions in der Saison 08/09. Bis zum Beginn der Champions League am 22. Oktober waren wir in der Meisterschaft im Mittelfeld klassiert und spielten sehr durchschnittlich. Danach sind wir nicht nur auf internationaler Ebene von Erfolg zu Erfolg geeilt, bis wir am 21. Januar den CL-Pokal holten. Wir waren «in der Zone», wie man so schön sagt. Am Ende der Qualifikation waren wir fast auf Platz eins – trotz der enormen Doppelbelastung mit den Spielen auf internationalem Level. Leider hatten wir dann in den Playoffs nicht mehr genügend Biss nach den vorangegangen Erfolgen und schieden im Viertelfinal aus.

Wie gelingt es einem Trainer, eine Mannschaft in diese «Zone» zu bringen, also an den Punkt, wo alles perfekt miteinander harmoniert?
Das hat viel mit der täglichen Arbeit zu tun. Ich habe meine Persönlichkeit, meine Übungen, meine Routinen, mein System. Manchmal geht es perfekt auf, manchmal nicht. Ich kann nicht sagen, warum es bei mir immer wieder funktioniert. Da müssen Sie andere Leute fragen.

Braucht man auch Glück?
Mein Glück als Trainer war bisher sicher auch, dass ich in meiner Karriere erst vier Arbeitgeber hatte. Und das waren allesamt sehr gut geführte Organisationen. Ohne das entsprechende Umfeld ist es schwierig, Erfolg zu haben. Aber eben: Es gibt viele andere Organisationen und Verbände, die ebenfalls sehr gut geführt werden und ebenfalls Erfolg haben wollen. So ist es leider (lacht).

Die Nationalmannschaft hat in Stockholm die ganze Schweiz bewegt und viele Leute angesprochen, die sich vorher nur am Rande für Eishockey interessiert haben. Welchen Effekt erhoffen Sie sich für unser Eishockey?
Ich hoffe, dass vor allem die Nachwuchsprogramme unserer Klubs von diesem Aufwind profitieren. Ich erhoffe mir auch, dass unsere Junioren-Nationalteams mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Blicken wir noch ein wenig voraus: Sie haben nun ein echtes Luxusproblem. In Stockholm haben sie ohne Topspieler wie Damien Brunner, Sven Bärtschi, Mark Streit oder Roman Wick einen tollen Erfolg gefeiert. Sie werden gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Sotschi einige schmerzhafte Personalentscheide fällen müssen.
Der Kandidatenkreis umfasst derzeit 46 Spieler. Wir haben diese im Juli informiert, wie das Vorgehen im Hinblick auf Olympia und auch die WM in Weissrussland ist. Jeder weiss, worum es geht und was wir erwarten. Nur so viel: Es wird interessant werden.

Die Nationalmannschaft war ja für einige Spieler nicht immer so «sexy». Werden Sie die Loyalität Ihrer «Stammgäste» belohnen?
Der Prozess im Hinblick auf die Olympischen Spiele läuft ja schon seit über drei Jahren. Ich habe mir gemerkt, wer in dieser Zeit in welchem Mass Einsatz gezeigt hat. Das wird beim Selektionsprozess sicher eine Rolle spielen. Ich habe den Spielern gesagt: Jetzt, da wir eine Medaille gewonnen haben, muss das «Commitment» grösser sein. Dass sie, wenn sie nicht verletzt sind, bereit sind, für die Nationalmannschaft zu spielen.

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