Christian Stucki, am 9. März hat Xavier das Licht der Welt erblickt. Kommen der Schlaf und die Erholung nach der Geburt Ihres Sohnes nicht zu kurz?
Christian Stucki: Nein. Ich kann mich nicht beklagen. Wenn sich Xavier in der Nacht bemerkbar macht, ist das kein Problem. Meine Partnerin Cécile und ich wechseln uns mit dem Aufstehen ab. Schöppele und Wickeln habe ich schnell gelernt.

Xavier dürfte eine zusätzliche Motivation für die kommende Saison sein.
Mir könnte es nicht besser gehen. Dass im Moment das Schwingen nicht das Wichtigste ist, versteht, wer selbst Vater ist. Das heisst allerdings nicht, dass das Training zu kurz kommt und ich es vernachlässige. Im Gegenteil. Die Saison beginnt im April. Bis dann werde ich hart trainieren. Fünf bis sechs Einheiten jede Woche.

Für das «Eidgenössische» Ende August werden Sie als Mitfavorit gehandelt. Spüren Sie schon Druck?
Es wird viel über Druck gesprochen. Im Moment spüre ich ihn aber nicht. Die Saison hat noch nicht einmal begonnen. Ich glaube, dass ich ein wenig im Vorteil bin, da der grösste Druck nicht auf mir lastet. Er ist auf viele Schultern verteilt. Nach der letzten Saison ist Matthias Sempach der Gejagte. Und natürlich Titelverteidiger Kilian Wenger. Wir Berner sind aber nicht die Einzigen, die Druck haben werden. Den gibt es auch für die Innerschweizer und Ostschweizer, von denen in Burgdorf einiges erwartet wird.

Wen sehen Sie in Burgdorf als härteste Konkurrenten für Ihren Verband?
Die Innerschweiz verfügt über mehrere starke Schwinger. Die Ostschweiz hat Nöldi Forrer. Mit Daniel Bösch rechne ich. Beat Clopath und Michael Bless sind auch sehr stark. Es gibt einige, die in die Entscheidung eingreifen können. Im Moment ist es aber noch zu früh, um über Namen zu sprechen. Warten wir die ersten Feste ab.

Unbestritten ist, dass die Favoritenrolle beim gastgebenden Verband liegt.
Abgerechnet wird am «Eidgenössischen» am Sonntagabend. Jeder Gang muss zuerst gewonnen werden. An den zwei Tagen kann viel passieren. Das hat man in der Vergangenheit gesehen. Aber klar, wir Berner sind die grossen Favoriten, müssen den König stellen. Das wird von uns erwartet.

Das Heimspiel muss nicht zwingend ein Vorteil sein.
Warten wir ab. Es ist natürlich speziell, dass das «Eidgenössische» fast vor der Haustüre stattfindet. Ich muss nur eine halbe Stunde fahren, dann bin ich auf dem Festgelände. Deshalb werde ich wohl auch zu Hause im eigenen Bett schlafen. Das hat den Vorteil, dass ich weg vom ganzen Rummel bin.

Sie werden hinter Sempach und Wenger nur als Nummer 3 im Berner Verband gehandelt. Ärgert Sie das?
Nein, warum auch? Für mich ist das keine schlechte Situation. Mein Fahrplan stimmt. Sempach hatte im letzten Jahr unbestritten eine Super-Saison. Wenger beklagte Verletzungspech. Nun kommt er zurück.

Am Ende wird jeder für sich schauen. Kann das auch zu Problemen führen?
Jeder will in Burgdorf gewinnen – keine Frage. Wie sich das am «Eidgenössischen» entwickelt, werden wir sehen. Wir treten zwar als Team an, gleichzeitig sind wir Konkurrenten. Grundsätzlich trainieren wir ja auch individuell. Einzig bei den Berner Kadertrainings stehen wir gemeinsam im Sägemehl.

Werden in den Kantonaltrainings die Karten auf den Tisch gelegt?
Wir kennen uns und können uns nichts vormachen. Dass man sich im Kantonaltraining zweimal pro Monat sieht, reicht. Ich gehe meinen eigenen Weg. So war und bin ich. Sagen wir so, ich bin «en eigene Cheib».

Ein Faktor am «Eidgenössischen» dürfte die Einteilung sei. Der eine oder andere Berner wird wohl
seinem Verband «geopfert» werden.

Dieses Thema wird im Vorfeld genauso wie die Taktik angesprochen. Natürlich macht man sich selber Gedanken darüber – schon heute.

Informieren Sie sich über den Formstand Ihrer ausserkantonalen Konkurrenten?
Nicht gross, nein. Sobald die ersten Feste stattfinden, werde ich mir aber schon ansehen, wer wo und wie geschwungen hat.

Spione in den Schwingkellern der Konkurrenten gibt es nicht?
Davon wüsste ich nichts. Mir ist es relativ egal, was und wie die andern trainieren.

Über Sie wird viel geschrieben. Oft ist Ihr Gewicht dabei das Thema.
Es ist leider so, dass ich oft auf mein Gewicht reduziert werde. Ich finde das schade. Ja, es ärgert mich sogar. Es geht niemanden etwas an, wie schwer ich wirklich bin. Auch nicht, ob ich eine Diät mache. Dies ist meine persönliche Angelegenheit.

Es ist halt nicht zu übersehen, dass Sie abgenommen haben.
Seit ich vor zwei Jahren längere Zeit in Australien war, bin ich einige Kilos leichter. Seither habe ich wieder einige Kilos zugelegt – aber nicht viele.

Vor allem, weil Sie mit dem Rauchen aufgehört haben.
Ich habe geraucht, dazu kann ich stehen. Ich habe schliesslich viele Schwingfeste gewonnen, obwohl ich geraucht habe. Nun rauche ich aber schon eineinhalb Jahre nicht mehr. Trotzdem ist das noch immer ein Thema. Was soll das? Das geht wie mein Gewicht niemanden etwas an. Die Leute sollten sich auf meine Leistungen im Sägemehl konzentrieren. Das ist, was zählt. Ich habe aber gelernt, dass es besser ist, wenn ich nicht zuhöre. Trotzdem meide ich die Öffentlichkeit nicht. Ich unterhalte mich mit jedem – sogar während der Feste.

Man bezeichnet Sie auch deshalb als volksnahen Athleten.
Ich bin so, wie ich bin. Ich koche auch nur mit Wasser. Ich muss mich nicht verstellen oder verstecken.

Sprechen wir wieder über den Sport. Was haben Sie sich bis Burgdorf für weitere Saisonziele gesteckt?
Konkrete Ziele? Viele ... (überlegt). Ende April starte ich mit dem «Seeländischen» in Biel in die Saison. Danach folgen weitere Berner Feste, dann die Bergfeste auf dem Schwarzsee, Rigi und Brünig. Dazwischen findet das «Bernisch-Kantonale» statt. Grundsätzlich möchte ich bei jedem dieser Feste ein Wort um den Sieg mitreden.

Mit jedem Sieg steigert sich Ihr Marktwert. Es ist kein Geheimnis, dass Sie viel Geld verdienen. Der Titel des Schwingerkönigs in Burgdorf wird weit mehr als eine Million Franken wert sein.
Es ist so, ja. Entscheidend ist, was man aus dem Erfolg macht. Am Ende ist jeder Schwinger für sich selbst verantwortlich.

Der eidgenössische Verband partizipiert an den Einnahmen seiner Spitzenschwinger. Finden Sie das in Ordnung?
Das ist immer ein Thema unter den Schwingern. Natürlich ärgert man sich darüber. Man muss es aber akzeptieren, wie es ist. Dagegen machen kann man nichts. Es ist mir zu blöd, ein Gestürm zu machen.

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