Es war noch vor der Saison. Geplant war ein gemeinsames Training der Schweizer Abfahrer mit den italienischen Ski-Cracks. Doch ungünstiges Wetter verhinderte das Vorhaben. Und so fahren Didier Défago und Co. weiter hinterher, während sich die Italiener in bestechender Form befinden. Die Frage sei erlaubt: Hätten die Schweizer von der Form der Männer aus dem Nachbarland profitiert?

So weit würde Dominik Paris nicht gehen. Der 23-Jährige aus dem Südtirol hat gestern zeitgleich mit dem Österreicher Hannes Reichelt die Abfahrt in Bormio gewonnen. «Wir haben eine unglaublich gute Stimmung im Team. Wir treiben uns gegenseitig zu immer neuen Höchstleistungen an», sagt Paris. Gestern haben sich vier Italiener in den ersten Elf klassiert. Didier Défago schaffte es als bester Schweizer derweil auf Platz 20. Paris sagt: «Keine Ahnung, warum es den Schweizern so schlecht läuft.» Doch die These, dass sich eine Mannschaft gegenseitig beflügelt oder eben auch lähmt, trifft sehr gut das Bild, das die Schweizer Abfahrer bisher in diesem Winter abgeben.

Bezeichnend dafür ist eine Szene aus dem Zielraum. Silvan Zurbriggen lehnt am Geländer und schaut auf der Grossleinwand den Konkurrenten zu. «Jetzt werden sie immer noch schneller», sagt er. Und so wurde auch der Walliser in der Rangliste immer weiter nach hinten gespült. Am Ende wurde es der 23. Rang. Zwar hatte Zurbriggen einen Fehler zu beklagen, der ihn gut eine Sekunde gekostet hat, doch auch ohne diesen Fauxpas ist der Abstand zu den Besten noch immer gross.

So weit die Schweizer auch gestern wieder von einer Topklassierung entfernt waren, so eng wurde es an der Spitze des Klassements. Der Österreicher Klaus Kröll verlor zwei Hundertstel auf das Siegerduo. Damit schaffte er es nicht einmal auf das Podest. Weil Aksel Lund Svindal nur eine Hundertstel verlor und damit den dritten Platz belegte. «Man kämpft wie ein Löwe auf dieser brutalen Piste und dann das», sagte der Österreicher, der beim Laufen noch immer Schmerzen im Fuss verspürt, den er sich in der Saison-Vorbereitung gebrochen hatte.

Es war das knappste Rennen in der Geschichte des Männer-Rennsports. Bei den Frauen hatten 2002 in Sölden drei Fahrerinnen im Riesenslalom gemeinsam den ersten Platz belegt. Es ist gleichzeitig auch erst das zweite Mal (nach Kitzbühel 1978), dass zwei Fahrer eine Weltcupabfahrt exakt gleich schnell absolvierten.

Für Paris war es der erste Weltcupsieg seiner Karriere. Im letzten Winter wurde er in Chamonix überraschend zweiter hinter Didier Cuche. Zuvor hat er im Weltcup nicht für Aufsehen gesorgt. In jungen Jahren hatte er sogar einmal genug vom Skisport. Die Lust fehlte, die Erfolge fehlten, dazu kamen Verletzungen. «Ich musste abschalten, mal etwas anders machen», sagt er. So zog er im Jahr 2007 den Sommer durch hinauf auf eine Alp in den Schweizer Bergen. «Das hat mir extrem gutgetan», sagt er heute. Danach ging es langsam bergauf. Drei Medaillen folgten an den Junioren-Weltmeisterschaften 2009. Und gestern der erste Sieg im Weltcup. Auch für Reichelt war der gestrige Tag eine Premiere. Es war der erste Sieg in einer Abfahrt für den Österreicher, nachdem er zuvor schon in Riesenslalom und Super-G erfolgreich war. «Von einem Abfahrtssieg habe ich immer geträumt. Als Kind habe ich die Abfahrer bewundert und mir gedacht, sind das wilde Kerle.» Seit gestern gehört er nun auch zu diesem Kreis.

Aus Schweizer Sicht gibt es zuletzt noch etwas Positives zu vermelden. Nils Mani fuhr in seiner zweiten Weltcupabfahrt auf den 27. Rang und liess damit sogar Patrick Küng (29.) hinter sich. Darauf lässt sich aufbauen. Zumal Bormio zu den schwierigsten Pisten gehört. Oder wie es Reichelt sagt: «Hier musst du dein Herz in die Hand nehmen.»

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