Es ist das Bild, das jeder mit dem Thema Schweizer Fussball und seinen Junioren in Verbindung setzt. Das Bild, wie unsere U17 in Nigeria Weltmeister wird. Die laute Freude von selbstbewussten Spielern wie Xhaka, Seferovic oder Rodriguez. Die Deutschen mit Mario Götze? Besiegt. Die Brasilianer mit Neymar? Besiegt. Italien, Kolumbien, Nigeria – alle besiegt.

Der erste Weltmeistertitel der Schweizer Fussballgeschichte war die perfekte Kombination von während rund 15 Jahren konsequent umgesetzter Nachwuchsarbeit beim Verband und einer aussergewöhnlichen Spielergeneration. Vor allem war es ein Erfolg, der den Ruf der Schweizer Juniorenarbeit nachhaltig prägte. Die Schweiz ist für viele andere Nationen ein Vorbild geworden.

Fünfeinhalb Jahre sind seither vergangen. Und wer heute auf die Resultate der Schweizer Nachwuchsauswahlen blickt, der kommt ins Staunen – aus anderem Grund wie einst beim Blick nach Nigeria. Die U21 verpasst die EM, ist hinter Kroatien und der Ukraine klassiert. Der letzte Sieg der U20 datiert im 2013. Ob U19 oder U17, eine EM-Qualifikation gelingt nicht. Dafür gibt es Niederlagen gegen Aserbaidschan, Bulgarien, Norwegen, Georgien oder Israel. Das schnelle Fazit lautet: alarmierend! Doch ist dem wirklich so?

Christoph Graf, Vizepräsident der Swiss Football Agents Association, verfolgt den Schweizer Nachwuchs regelmässig. Er sagt: «Es ist keine gute Entwicklung. Es gibt zwar einzelne gute Spieler, aber ihnen fehlen die Erfolgserlebnisse. Wer immer ausscheidet, gewöhnt sich irgendwann an die ehrenhaften Niederlagen. Ein Granit Xhaka ist anders geprägt. Er hat ein enormes Selbstvertrauen, auch weil er in seinem Innersten weiss: Wenn es im WM-Final draufankommt, gewinne ich!» Trotzdem hält Graf fest: «Wir dürfen nicht überdramatisieren. Es gab nun einige Jahrgänge, die nicht herausragend waren, aber ab der heutigen U15 bin ich wieder optimistisch.» Ein positives Zeichen setzte die Schweizer U15 mit dem 1:0 gegen Wales und dem 3:3 gegen Belgien diese Woche.

Dany Ryser ist jener Trainer, der die Schweizer U17 in Nigeria zum Titel geführt hat. Er stellt fest: «Vielleicht haben die schönen Erfolge und das Dauerlob beim einen oder anderen Spieler der heutigen Generation etwas Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung ausgelöst.» Dabei dürfe gerade die Schweiz nie davon ausgehen, automatisch zu den Besten der Welt zu gehören. Dennoch: «Ich habe nicht das Gefühl, dass alle Lämpchen rot aufleuchten. Aber die Weichen müssen justiert werden.» Er appelliert vor allem an die Spieler. «Heute reichen zwei Tricks nicht mehr, um Weltklasse zu werden. Wir müssen die Kultur bewahren, dass jeder Spieler bereit ist, jeden Tag alles dafür zu tun, besser zu werden.»

Seit dem 1. Februar heisst der technische Direktor des Schweizer Fussballverbands Laurent Prince. Der Nachfolger von Peter Knäbel sagt: «Als Erstes stellte ich mir die Frage: Braucht es im Schweizer Fussball eine Evolution oder eine Revolution? Die Antwort ist klar: Eine Evolution.» Prince will dafür sorgen, dass die Schweiz weiter Spitzensport-Persönlichkeiten ausbildet. «Das ist unser Auftrag.»

Warum gelang das zuletzt so gut? Die Generation um Shaqiri, Xhaka, Rodriguez oder Seferovic hat sich auch deshalb so entwickelt, weil ihr Talent und ihr Wille auf hervorragende Strukturen getroffen sind. Bleibt die Frage: Was hat sich seither geändert?

Die These ist wohl etwas gar polemisch, aber wir bringen sie trotzdem: Sind die Migranten der zweiten Generation mittlerweile vielleicht etwas gar «schweizerisch» geworden? Weil viele von ihnen den Fussball nicht mehr als einzige Möglichkeit für den sozialen Aufstieg sehen? «Fakt ist, dass viele Länder, in denen für einige Spieler kein Plan B existiert, enorm aufgeholt haben in den letzten Jahren», sagt Prince.

Muss die Schweiz also Angst haben, von anderen Ländern rechts überholt zu werden in Sachen Nachwuchsförderung? Prince sagt: «Klar ist, wir müssen besser werden, um gleich gut zu bleiben.» Pierluigi Tami, ehemaliger U21-Nationaltrainer, der mittlerweile GC übernommen hat, sagt: «Nachdem ein Land den grossen Sprung nach vorne gemacht hat, wird es zum Gejagten. Genau das ist der Schweiz passiert. Die anderen wie Dänemark, Belgien oder viele aus dem Balkan schlafen nicht.» Dany Ryser fügt an: «Es ist keine neue Erkenntnis, aber je weiter oben man balanciert, desto dünner wird die Luft.»

Markus Frei, langjähriger Juniorennationaltrainer, unter anderem von jener U17, die 2002 den EM-Titel gewann, sagt aber auch: «Auch in der Trainerausbildung sind Verbesserungen möglich. Zum Beispiel die Schulung, dass im mentalen Bereich mehr herausgeholt wird.» Und er fragt: «Warum treten holländische Nachwuchsteams mit deutlich mehr Selbstvertrauen auf?» Auf die Frage, ob die Schweizer Auswahlen die richtigen und gute Trainer haben, antwortet Prince überzeugt. «Auf jeden Fall.»

Im Gegensatz zu den Fussballgrossmächten wie Deutschland oder Spanien muss die Schweiz jedes einzelne Talent erkennen. «Was aber ist ein Talent?», fragt Tami, der mit der Schweizer U21-Auswahl 2011 Vize-Europameister wurde und sich für die Olympischen Spiele 2012 qualifizierte. «Es gibt viele Werte, die Spieler schon mit 12 oder 13 Jahren zeigen können. Andere Komponenten folgen später. Deshalb müssen wir Geduld haben.» Und deshalb hat der Verband vor einiger Zeit das Projekt «Footeco» lanciert und in der Ära Knäbel signifikant optimiert. Spieler sollen auch in regionalen Auswahlen ausreichend beobachtet werden. Der Zug soll nicht schon abgefahren sein für jene, die mit 11 Jahren noch nicht von einem Grossklub rekrutiert wurden.

Es ist ein weiterer Schritt, um den dualen Ausbildungsweg zu stärken, der in der Schweiz herrscht. «Zwar sollte normalerweise im Alter zwischen 17 und 20 der Schub vom nationalen Talent zum internationalen Spieler kommen», sagt SFV-Sportdirektor Prince. «Aber es geht auch anders, später, wie das Beispiel von Fabian Schär zeigt.»

Es gibt auch Zeichen dafür, dass die Juniorenförderung in der Schweiz weiter besser wird. Bald schon schliesst der Verband seine regionalen Ausbildungszentren in Payerne oder Emmen – weil die Strukturen in den meisten Klubs schon so gut sind, dass der Verband seine Kompetenz, seine Mittel auch, via Vereinsteams und damit noch gezielter sowie breiter in die Förderung der grössten Schweizer Talente investieren kann.

Eine andere Frage ist, ob diese Talente dann auch wirklich schon früh in der Super League eingesetzt werden – oder ob ihnen beispielsweise ausländische Spieler vorgezogen werden, die meist älter, aber oft nicht wesentlich besser sind. In dieser Beziehung haben fast alle Vereine in der Super League Verbesserungspotenzial.

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