Einer nannte ihn nach dem WM-Titel in Rom Muhammad Ali. Andere sprechen angesichts seiner Kraft und Dominanz am Netz von King Kong, wenn sie an Alison denken. Der 2,03 Meter grosse und 106 Kilogramm schwere Blockspieler des derzeit weltweit führenden Beachvolleyball-Duos Alison/Emanuel mag solche Vergleiche nicht. «Ich habe nur einen Spitznamen», sagt der bald 26-Jährige, zieht sein Shirt hoch und zeigt sein Tattoo, das sich über die ganze rechte Körperhälfte erstreckt: ein Mammut. Gross, mächtig, bescheiden, friedfertig. Attribute, die den Brasilianer exakt beschreiben. Ausser er spielt. Im Sand wird er zum bösartigen Tier, treibt die Gegnerschaft mit seinen Monsterblocks und den von einem primatenähnlichen Geräusch begleiteten Angriffsbällen immer wieder zur Verzweiflung. King Kong passt eigentlich ganz gut.

Alison und Beachvolleyball-Legende Emanuel, die sich gestern mit Mühe für die Halbfinals qualifiziert haben, sind in ihrer zweiten gemeinsamen Saison an die Spitze gestürmt. Es ist ebenso ein generationenübergreifendes Projekt – Emanuel ist 12 Jahre älter als Alison – wie jene beiden der Schweizer. Von einer derartigen Konstanz können Sascha Heyer/ Sébastien Chevallier und Martin Laciga/ Jonas Weingart zwar vorderhand nur träumen, die Kombination aus Jung und Alt scheint aber auch hierzulande zu funktionieren. Die Newcomer Chevallier (in Gstaad 17.) und Weingart (9.), der gestern mit Altmeister Laciga im Achtelfinal gegen die Chinesen Wu/Xu nur knapp unterlag, spielen über weite Strecken bereits sehr solid und sind technisch versiert – etwas, mit dem nach so kurzer Zeit nur die wenigsten rechneten. «Wir haben gewusst, dass wir schnell Fortschritte machen müssen. Dafür haben wir hart gearbeitet», sagt ihr Headcoach Stefan Kobel, der das Nationale Beachvolleyball-Leistungszentrum in Bern leitet. «Wenn unsere Investitionen nach zwei, drei Jahren keine Früchte tragen würden, wären kritische Fragen schnell da.»

Für den Moment ist die Situation nach dem grossen Umbruch im Herbst entschärft. Bald aber steht der Verband vor dem nächsten Problem. Die Karrieren von Sascha Heyer (bald 39) und Martin Laciga (36) neigen sich dem Ende entgegen, nach den Olympischen Spielen 2012 in London droht die grosse Zäsur. Die Schweiz hat zwar jetzt mit Weingart und Chevallier zwei hoffnungsvolle Verteidigungsspezialisten, wer künftig die Aufgaben am Netz übernehmen soll, ist allerdings noch nicht klar. Rechnet man Patrick Heuscher (34) hinzu, der sich nicht vorstellen kann, bis Olympia 2016 in Rio weiterzumachen, steigt der Bedarf an kompetitiven Blockspielern in nächster Zeit in bedrohliche Höhen. Kobel ist überzeugt, dieser Problematik Herr zu werden. «Wir haben Leute, die in die Bresche springen können.» Mats Kovatsch (22) etwa, dem zusammen mit Jonas Kissling eine grosse Zukunft prophezeit wird. Oder Roman Sutter, der momentan mit seinem Bruder Andy ein Nationalteam bildet. Infrage kommen auch Jan Schnider und Philip Gabathuler, die als Team stagnieren. Eine Trennung war offenbar bereits auf diese Saison hin angedacht. Kobel sagt dazu nur: «Die beiden werden für uns in Zukunft wichtig sein.»

Optionen sind also vorhanden. Sind sie aber auch gut genug, um den Platz in der erweiterten Weltspitze behaupten zu können? Die Tatsache, dass keiner der Besagten die Zwei-Meter-Marke übertrifft (Sutter ist mit 1,97 m der Grösste), wertet Kobel nicht als matchentscheidend. «Grösse allein ist nicht alles, Sprungkraft und Technik sind genauso wichtig. Da genügt ein Blick auf die Weltrangliste.» Vier der ersten zehn Teams verfügen über keinen Zwei-Meter-Mann. Der Trend aber, «der geht in die andere Richtung», sagt Heuscher. «Die Blockspieler sind je länger, je mehr über zwei Meter gross. Wenn man sieht, wie ein Alison am Netz Druck macht, dann weiss man, was zu erwarten ist.» Die Zukunft hat für Heuscher auch einen Namen: Konstantin Semenow. Der 22-jährige Russe misst 2,08 m. Zusammen mit Jaroslaw Koschkarew scheiterte er gestern im Viertelfinal knapp an Alison/Emanuel.

Mit diesem Grössenwahn können die Schweizer nicht mithalten. «Der Verband macht das Beste aus seinen Möglichkeiten», sagt Heuscher, «aber es fehlen schlicht die Ressourcen». Da die Streckbank seit dem Mittelalter ausgedient hat und Wachstumshormone auf der Dopingliste stehen, wird man sich mit fehlenden Zentimetern abfinden müssen.


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