von Adriano Cimarosti*

Seit 1970 baute Peter Sauber in Hinwil Rennfahrzeuge. In den 80er-Jahren holten seine Langstreckenprototypen einen Erfolg nach dem andern, wobei der Gesamtsieg anlässlich des renommierten 24-Stunden-Rennens von Le Mans 1989 den absoluten Höhepunkt darstellte. Ein Le-Mans-Sieger aus einem Land, das seit 1955 ein Rundstreckenrennverbot kennt! Im Jahr 1993 erfolgte der Einstieg in die Formel 1. 2005 übernahm BMW 80 Prozent des Hinwiler Aktienpakets, aber nach vier Jahren wurde Peter Sauber wieder Herr und Meister seiner Rennfabrik und dem angeschlossenen hochmodernen Windkanal.

Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone hat einmal gesagt: «Peter Sauber ist einer jener Menschen, von denen ich weiss, dass ich mich auf sie verlassen kann, in jeder Beziehung. Er ist ein wahrer ‹Racer›, er liebt seinen Sport.» Aber allmählich ging es dann mit den Rennresultaten der von Ferrari-Motoren getriebenen Autos talwärts, WM-Punkte wurden seltener, um dann ganz auszubleiben. Denn mehr und mehr fehlten die Millionen, die nötig waren, um die Rennwagen laufend in Hochform zu halten. Führende Techniker sprangen ab. Manchmal konnten die Löhne an die 350 Mitarbeiter nicht mehr rechtzeitig bezahlt werden. Würde der Betrieb demnächst schliessen? Und dann, Mitte der vergangenen Woche, die frohe Botschaft: Sauber ist gerettet! Die Longbow Finance, hinter der eine schwerreiche schwedische Familie steht, ist die neue Sauber-Besitzerin.

Impulse aus der Romandie
Kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende schlossen sich in Genf einige «Chauffeure» zusammen und bildeten die «Société d’encouragement pour le développement de l’automobilisme en Suisse», woraus 1898 im Parc des Eaux vives der Calvinstadt der ACS hervorging. Während Jahren stand Genf im automobilistischen Brennpunkt der Schweiz. Schon 1901 organisierten die Genfer eine Zuverlässigkeitsfahrt für Automobile über 99 km, was man als den ersten Schweizer Automobilsportanlass bezeichnen kann. Im selben Jahr führte man das Bergrennen von Trelex nach Saint-Cergues durch. In der deutschsprachigen Schweiz verhielt man sich dem Automobil gegenüber noch eher skeptisch. In einigen Kantonen herrschte ein limitiertes, ja zuweilen ein totales Fahrverbot. 1902 führte das Rennen von Paris nach Wien um den prestigeträchtigen Gordon-Bennet-Pokal auch über Schweizer Strassen, nämlich den Abschnitt von Pruntrut nach Bregenz. Die Passage wurde von den Schweizer Behörden nur in Verbindung mit einem Tempolimit von 25 km/h geduldet.

In der Gegend rund um Genf wurden Automobile und auch Motorräder gebaut. Frédéric Dufaux aus Genf stellte 1905 sogar einen Geschwindigkeitsrekord mit 156,522 km/h auf. Sein Dufaux-Vierzylinder mit 26,4 Liter Hubraum leistete 150 PS bei 1000/min. Ein prominenter Autokonstrukteur war der Genfer Marc Birkigt. Bekannt wurde auch der Genfer Ingenieur Ernest Henry, der 1912 bei Peugeot den ersten Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen, vier Ventilen pro Zylinder und Zwangsventilsteuerung zeichnete. Aber auch in die deutschsprachige Schweiz kam Bewegung: 1906 führte die ACS-Sektion Zürich die erste Auflage der Bergprüfungsfahrt (Bergrennen) von Adliswil auf den Albis durch. 1910 organisierten die Berner das erste Gurnigel-Bergrennen. Die Basler blieben nicht untätig, denn 1911 lief erstmals das Bergrennen von Dornach nach Gempen. Die Rundstreckenrennen waren vorerst wieder eine Angelegenheit der Romands, die 1922 das erste Rundstreckenrennen für Motorräder rund um den Lac de Joux im Jura abhielten. Im folgenden Jahr lief das erste Rundstreckenrennen bei Meyrin. Aber man stelle sich vor: Bis Mitte der 20er-Jahre durften die Automobile auf Graubündens Strassen nicht zirkulieren.

Die Brüder Chevrolet
Die aus La Chaux-de-Fonds stammenden Söhne eines Uhrenmachers, nämlich Louis, Gaston und Arthur Chevrolet, wanderten um die Jahrhundertwende via Frankreich und Kanada in die USA aus. 1911 gründete Louis Chevrolet in Detroit zusammen mit William Durant die Chevrolet Motor Company, aber schon 1914 schied er aus der Firma aus und gründete die Frontenac Motor Company. Auf den von Louis gebauten Frontenac-Rennwagen nahmen alle drei Chevrolet Brüder am 500-Meilen-Rennen von Indianapolis teil, wobei Gaston das prestigeträchtige Rennen 1920 auch gewann.

In den 30er-Jahren galten Hans Stuber, Hans Rüesch sowie Christian Kautz als renommierteste Schweizer Piloten. Der Zuger Kautz gehörte 1937 der Mercedes-Benz-Rennmannschaft an (Dritter anlässlich des GP Monaco 1937), und im folgenden Jahr war der ehemalige Oxford-Student Auto-Union-Werksfahrer. Die Kriegsjahre verbrachte der passionierte Flieger dann in den USA und war in Kalifornien als Testpilot von Lockheed tätig. In der unmittelbaren Nachkriegszeit machte sich Emmanuel de Graffenried als Maserati-Fahrer einen Namen. Auf einem Maserati 4CLT gewann «Toulo» (so nannten ihn die Freunde) 1949 den GP von England in Silverstone, womit er überhaupt der erste Schweizer war, der bei einem klassischen Grand Prix siegte. In den 50er-Jahren fuhr dann der Zürcher Rudolf Fischer auf Ferrari einige gute Resultate heraus: Dritter beim GP von Deutschland 1952, Sieger des Eifelrennens 1952 und Zweiter beim GP der Schweiz bei Bern sowie WM-Vierter 1952.

Jo Siffert und die Vollprofis
Ab 1951 holte sich der Zürcher Geschäftsmann Willy-Peter Daetwyler auf seinem überstarken Alfa Romeo mit 4,5-Liter-V12-Motor bei Schweizer Rund- und Bergrennen einen Erfolg um den andern, 1957 wurde er auf einem Zweiliter-Maserati Berg-Europameister. Diesen Titel holte sich später der Basler Heini Walter auf Porsche. Um 1960 herum begann die einzigartige Karriere des Fribourgers Joseph Siffert, der in der Formel Junior recht erfolgreich begann und 1963 in die Formel 1 wechselte. Er holte sich Formel-1-Siege in Syrakus und Enna auf Sizilien, aber seine besseren Zeiten kamen, als er für das englische Team von Rob Walker fuhr, auf dessen Lotus 49-Cosworth Siffert 1968 den GP von England in Brands Hatch gewann. Enorm erfolgreich war er vor allem bei Langstreckenrennen auf Porsche, er siegte in mehr als einem Dutzend WM-Läufen. 1971 wurde er vom englischen BRM-Rennstall engagiert und siegte beim GP von Österreich in Zeltweg. Leider kam er dann am 24. Oktober bei einem Formel-1-Rennen in Brands Hatch durch einen Unfall ums Leben. Am vergangenen 7. Juli hätte er seinen 80. Geburtstag feiern können.

In der Formel 1 erfolgreicher war der Tessiner Clay Regazzoni, der 1970 auf einem Tecno-Ford Formel-2-Europameister wurde und noch im gleichen Jahr als Mitglied des Ferrari-Teams in Monza seinen ersten Grand Prix gewann. 1974 siegte er beim GP von Deutschland, 1975 wieder beim GP von Italien, 1976 beim GP der USA West in Long Beach und 1979 auf Williams-Cosworth beim GP von England in Silverstone. 1974 wurde Clay Regazzoni Zweiter der Fahrer-WM, drei Punkte hinter dem Brasilianer Emerson Fittipaldi.

Der aus Baselland stammende Marc Surer gewann 1979 auf einem March-BMW die Formel-2-Europameisterschaft und kam dann noch im gleichen Jahr zu Ensign in die Formel 1. Bis 1986 bestritt er Formel-1-Rennen auf Ensign, ATS, Theodore, Arrows und Brabham, wobei sein bestes Resultat ein vierter Platz auf Ensign-Cosworth anlässlich des GP von Brasilien 1981 war.

Die Langstreckenspezialisten
In den letzten Jahren haben Schweizer Langstreckenspezialisten für Furore gesorgt: Der Innerschweizer Marcel Fässler gewann das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gleich dreimal auf Audi. Vor einigen Wochen siegte der Seeländer Neel Jani auf Toyota beim berühmten Rennen in der Sarthe. Und schliesslich ging der Waadtländer Sébastien Buemi in der Weltmeisterschaft der Elektrowagen als Champion hervor.

Eine derartige Ansammlung von Schweizer Piloten in Werksteams hatte es noch nie gegeben. Erwähnen muss man auch die Italoschweizerin Simona de Silvestro, die vor wenigen Jahren bei Indy-Car-Rennen einige sehr schöne Resultate herausfuhr. Im Kommen ist der junge Berner Nico Müller, der in diesem Jahr auf einem offiziellen Audi bereits einen Lauf der DTM gewonnen hat.

Das längste Schweizer Kapitel im Rennsport hat jedoch Peter Sauber mit seinem Rennstall geboten. Angefangen hatte es mit einem frisierten VW Käfer, den Peter Sauber bei kleinen Rennen fuhr, aber die eigentliche Geschichte der Marke begann im Jahr 1970 mit dem Sauber C1 mit Einlitermotor, wobei das C bei den Modellbezeichnungen auf den Namen von Christiane Sauber, der Gattin des Chefs aus Hinwil hinweist. Nun können Peter und Christiane Sauber den Lebensabend ruhiger geniessen.

* Der Autor war Formel-1-Reporter bei der «Automobil Revue» und schrieb mehrere Bücher zum Automobilsport.

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